Roncassi - Ferienziel " La Pernice Rossa"
Von Sabine Middelhaufe

Eines Morgens im August kehrte ich von meiner Runde durch die Wälder hinter dem Gemeindeteil Ron-cassi mit einem Rucksack voll wilder Himbeeren zurück, die ich dort eifrig gesammelt hatte. Dummer-weise waren die reifen Früchte durch die Bewegung des Rucksacks beim Laufen noch weicher gewor-den, die Plastiktüte, in der sie sicherheitshalber steckten war wohl auch undicht, und so tropfte seit geraumer Zeit der rote Saft hinten aus dem Leinenrucksack - auf mein T-Shirt und die Hose. Mit Händen, dunkelrot und klebrig vom Pflücken und Naschen der Himbeeren, schmutzstarrenden Wander-schuhen, Ästchen und Blättern in den zerzausten Haaren und in Begleitung meiner beiden Hunden, die sich in irgendwas Unaussprechlichem gewälzt hatten machte ich bestimmt keinen sehr vertrauenswür-digen Eindruck... Entsprechend peinlich war es mir, als ich, von dem Hügelchen hinter den vier Block-hütten des kleinen Urlaubszentrums "“La Pernice Rossa” heruntersteigend drei Frauen vor einem der Häuschen entdeckte. Doch statt mich skeptisch zu beäugen, grüßten sie mich lächelnd, und auf meine Frage, ob wohl irgendwo in der Nähe Wasser zum Händewaschen aufzutreiben sei, luden sie mich ohne lange Vorrede ins Haus ein; müffelnde Hunde inklusive.

Und so lernte ich, noch ehe ihr Hotel-Restaurant offiziell die Türen für die Gäste öffnete, die Besit-zer der Pernice kennen: offene, herzliche Menschen, die kein bisschen Scheu davor hatten, in direkten Kontakt mit der Natur zu treten.
Mittlerweile sind viele Jahre vergangen, und die Pernice hat sich, weit über die Grenzen der Gemeinde Menconico hinaus, einen Namen gemacht. Zum einen, weil die Damen-Mannschaft, die den Betrieb über -nahm es meisterlich versteht, Atmosphäre zu schaffen. Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich liebe diese Details, die einen Raum gemütlich, warm und einladend machen, oder die aus einem kleinen Hof einen Bereich zaubern, in dem man sich schon wegen der Blumenpracht gern niederläßt, wegen des Geruchs von frisch geschnittenem Gras und der Ruhe und Gelassenheit, die das Ganze umgibt.
Noch heute, wenn ich die Pernice betrete, komme ich nicht umhin, all die Kleinigkeiten zu bewundern, mit denen die einzelnen Räume immer mal wieder neu dekoriert werden, die Harmonie der Farbtöne, die passenden Formen und die Gesamtkomposition, die sich daraus ergibt. (Außerdem, ich gestehe es freimütig, bin ich auch neugierig, wo sie so manches Ding aufgetrieben haben. Allein ihre Gewürzsamm-lung läßt mich jedesmal vor Neid erblassen.) Jedenfalls haben die Damen der Pernice mit ihrem Sinn für die Feinheiten es geschafft, aus banalen Hotelzimmern wunderschöne, urgemütliche Räume zu schaffen und aus den Blockhütten einen Lebensraum, in dem man sich so richtig zuhause fühlt.
Na ja, ich nehme an, das Erfolgsgeheimnis liegt auch darin, dass die Damenriege, also Gemma, Delia und Barbara, es einfach von Natur aus lieben, andere Leute zu verwöhnen... Natürlich auch bei Tisch. Denn die Küche bietet etwas für jeden Geschmack. Von den traditionellen italienischen Gerichten der Gegend über Menüs für Vegetarier und Vegans bis hin zu makrobiotischen Spezialitäten.
Das Frühstück kann sich auch sehen lassen: die Italiener lieben Kaffee mit frischen Croissants oder das Buffet mit seinen Köstlichkeiten. Wir Deutschen bevorzugen meist das reichhaltige Frühstück mit warmem Toast und knusprigen Brötchen, Butter, Honig und Marmelade, Käse und Wurst, Corn flakes
oder Müsli mit Milch, gekochte Eier oder "ham and eggs"....
Nachmittags gibts Torten, Kuchen, frisches Gebäck und natürlich Eiskrem. In der Tee- und Gewürzecke kann man sogar englische Teestunde halten. Wer hingegen nachmittags lieber etwas Herzhaftes ißt, kann immer auf die Vielfalt von Salami, Schinken, Käse und frischem Brot zurückgreifen.

Trotz der hervorragenden Küche und einer Bar, die durchgehend geöffnet ist, war die Pernice nie als ausschließliches Hotel-Restaurant geplant. Die Idee war, ein echtes kleines Urlaubszentrum zu schaf-fen, und ich muß gestehen, als das Projekt im fernen 1996 vorgestellt wurde, schüttelten viele Bewoh-ner Menconicos zweifelnd die Köpfe. Urlauber in Roncassi?! Niemals..! Und doch hatte die Idee etwas. Der Gemeindeteil Roncassi, knappe 2 km oberhalb von Carrobiolo auf einem Hügel gelegen, bestand
damals nur aus zwei verfallenen Gebäuden inmit-ten herrlicher Wiesen, mit ein-em Pinienwald im Rücken und wei-ten Mischwäldern drum herum. Ich ging dort oben oft spazieren, genoß den phan-tastischen Aus-blick, die voll-kommene Stille, diese klare, reine Luft und die Ge-wißheit, weit, weit entfernt von

Smog, Stress und der urbanen Hektik zu sein. Und oft dachte ich, zufrieden im Gras liegend, dass der Ort perfekt dazu geeignet wäre, ein Natur-Zentrum anzusiedeln, einen Ort der Begegnung für alle, die die Natur lieben und verstehen wollen. Na ja, der Gedanke blieb Gedanke, allerdings nicht völlig, denn die Damen der Pernice hatten einen ganz ähnlichen Traum. Ihnen ist es zu verdanken, dass der Begriff "Urlaubszentrum" einen ganz und gar positiven Geschmack bekommen hat.

In der Pernice Rossa finden heutzutage Seminare über Naturheilkunde statt, Schüler aus den Schulen der umliegenden Gemeinden lernen hier, die Natur zu entdecken und zu respektieren; verschiedene Gruppen von Kennern der regionalen Flora und Fauna laden zur Begegnung ein. Aber vor allem ist die Pernice Ausgangspunkt oder Nachtlager für all jene, die lange Spaziergänge oder echte Wanderungen lieben, und tatsächlich kann man von Roncassi aus einer Vielzahl von Wald- und Feldwegen folgen, sei es bis zum nächsten Ort, als Rundgang oder Etappe über die Berge der Region, und all dies per pedes, auf dem Pferderücken oder im Sattel des Mountain-bikes.

In Deutschland ist das Spazierengehen fast eine Art Nationalsport, den manche vorzugsweise in Begleitung ihres Hundes betreiben. Zum Glück sind auch die Besitzer der Pernice komplette Hunde-narren (sie nennen sehr stolz zwei Deutsch Draht-haar und einen Golden Retriever ihr eigen) und folglich sind auch Vierbeiner hier herzlichst will-kommen. Ich sollte es vielleicht nicht verraten, aber es gibt im Fernseh-und Leseraum des Hotels wahr-haftig ein eigenes Hundesofa... Und selbstredend stehen die Blockhütten auch für Gäste mit Hund offen. Wer als sportlicher Mensch in Roncassi Fe-rien macht, wird auch die Nähe des Flusses Trebbia schätzen, auf dem man Kayak, Canyoning und Raf-ting praktizieren oder einfach baden kann. Demnächst wird in der Nähe übrigens die erste Piste für Gras-Ski eröffnet. Wer's lieber geruhsam angeht, kann in den weiten Wiesen um die Pernice Volleyball spielen, Bogenschießen üben oder schlicht in der Sonne relaxen.
Das Paveser Bergland, in dem wir uns hier befinden, ist auch im Winter höchst einladend, zumal man bei guter Schneelage nur wenige Kilometer von Roncassi
entfernt zwei Ski-Pisten findet. Rodeln kann man allerdings auch auf den Wiesen der Pernice! Doch auf das Thema Sport kommen wir an anderer Stelle noch ausführlich zu sprechen.
Wer nicht so ganz auf ein bißchen Rummel und Getriebe verzichten möchte, dem sei noch gesagt, dass man von Roncassi in knapp 15 Minuten sowohl in Varzi als auch in Bobbio ist, der "Stadt der Kunst".
Hängt man jeweils rund 30 Minuten dran, kann man die Provinzhauptstädte Pavia und Piacenza erreichen.
Die Landstrasse bei Roncassi führt außerdem via Ot-tone nach Genua, sofern man Italien nicht verlassen will, ohne auch mal das Mittelmeer genossen zu haben...

Oh, und bevor ich's vergesse: Besucher dieser Web-site, die die Pernice besuchen, erwartet dort übrigens ein hübsches Gastgeschenk. (Nein, ich verrate nicht, was es ist!) Und wer sich genauer über die Urlaubsan-gebote in Roncassi informieren möchte, braucht nur hier zu klicken: Pernice Rossa.

Wir wollen die Hügel oberhalb Carrobiolos nun aber erst einmal wieder verlassen; beim Thema Wander-routen kommen wir hierher zurück. Schauen wir uns nun einmal Bobbio und seine Kunst an.

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