| Menconico
und Umgebung- unbekanntes kleines Paradies
Von Sabine Middelhaufe
Die Welt
ist voll wunderschöner
Orte. Leider suggeriert uns die Werbung meistens, dass sie
viele, viele Flugstunden entfernt liegen. Und wenn die Reiseagenturen
Sie schon nach Italien schicken wollen, dann doch zumindest
dorthin, wo auch die VIPs und Leute mit Goldener Kreditkarte
Ferien machen.
Im Ernst: dank der Werbung in den Medien verliert
man die Wertschätzung für die einfachen Dinge, fürs Naheliegende,
und doch gibt es, nur
zwei Autostunden vom Mailänder Flughafen entfernt, italien-ische
Dörfer und Städtchen mit einzigartigem, authentischem Charakter
inmitten der Schönheiten der Natur. Das Bergland um die kleine
Gemeinde Menconico (Provinz Pavia) gehört zu
diesem, den deutschen Italienfans fast vollkommen unbekannten
Gebiet.
Und da meine eigene Entdeckung dieser Gegend im etwa 900 m
hoch gelegenen Gemeindeteil Carrobiolo ihren Anfang nahm, wollen
auch wir unseren Rundgang
hier beginnen. |
Carrobiolo,
Teil der Gemeinde Menconico (März 2008) Startfoto: Hauptort
Menconico |
Vor
14 Jahren kam ich mit dem erklärten Ziel im Paveser Bergland
an, das Verhalten
des Segugio Italiano, des italienischen Laufhundes, mit Hilfe
von Mario Villa und seinen Hunden in der Zuchtstätte "di Pontenizza"
zu studieren. Blieb nur das Problem, ein Zuhause für mich und
meine
beiden Hunde, Springer Spaniel Giada und Laufhund Jonas zu
finden. Der Zufall wollte es, dass wir eines Tages bei einer
Besichtigungstour
von Marios Jagdgebiet im Weiler Carrobiolo Halt machten, und
genau dort fand ich die passende Wohnung. Carrobiolo zählte
damals noch 35 Einwohner, die zumeist ihre kleinen Gemüsegärten
bestellten, Heu machten, ein paar Kühe, Schweine und reichlich
Hühner hielten und eines überhaupt nicht kannten: Hektik. Die
einzige, schmale Strasse durch das langgestreckte Dörfchen
war wochentags kaum befahren, es sei denn, jemand tuckerte
mit seinem Trecker vorbei. Am Wochenende konnte man auch mal
Autos mit auswärtigem Nummernschild sehen, die den Ort passierten,
um hinauf zum Passo Penice, dem Bergpaß, zu fahren, aber die
meiste Zeit lag Carrobiolo still und friedvoll auf seinem Hang.
Es war mitten im Frühling als wir dort anlangten, und natürlich
begann ich sofort meine Expeditionen
in die
umliegenden Wälder und Wiesen. Was mich im Laufe der Monate
immer wieder verblüffte, war die enorme Vielfalt der lokalen
Flora.
Ich zog jeden Tag mit meinem Hunden los und machte
Hunderte von Fotos, denn von gewöhnlichen Wiesenblumen
bis hin zu
seltenen Pflanzen und Or- |
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chideen
gab es hier einfach alles.
Ich will Sie damit nicht unbedingt
überreden auf Foto-Safari
zu uns zu kommen, denn schon die Tatsache, am Rande einer Heuwiese
sitzen zu kön-nen und die strahlenden Farben, For-men und fremden
Düfte zu genießen, die leichte Brise, die hier auch im Sommer
fast
immer
weht,
und nichts zu hören, als Vögel, Grillen und einen krähenden
Hahn im Dorf ist Balsam für die Nerven!
Zum Fotoalbum Pflanzen.
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Und wo
Blumen sind, fehlen auch die Insekten nicht. Man muss sich
nur im Gras ausstrecken oder auf einen Baumstumpf setzen und
warten - sehr bald kommt jemand in Sicht. Zum völligen Unverständnis
meiner Vierbeiner konnte ich ganze Stunden auf dem Bauche
liegend verbringen und verzückt allem zuschauen, was um mich
herum krabbelte und flatterte und summte. Nicht nur einige
seltene Schmetter -linge tauchten bisweilen auf; auch Spinnlein
in den erstaunlichsten Farben harrten auf Blumen und Blättern
ihrer Beute, gewaltige Hirschkäfer kamen vorbei, Raupen, poppige
Wanzen, Grashüpfer und Insekten, von denen ich - peinlich,
aber wahr - nicht einmal wußte, welcher Spezies sie zuzuordnen
waren.
Zum
Fotoalbum Insekten
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Was
mich als stressgeprobte Hundehalterin besonders erleichterte,
war die Tatsache, dass man in den Wäldern von Menconico und
Umgebung mit freilaufenden Hunden spazierengehen konnte, ohne
ständig die Begegnung mit Rehen und Hasen fürchten zu müssen.
Ich kam ja direkt aus der Schwäbischen Alb nach Italien zurück
und erinnerte mich noch gut daran, dass wir dort auf Schritt
und Tritt Rehwild und nicht wenige Mümmelmänner angetroffen
hatten. Hier hingegen bekamen wir eigentlich gar kein Wild
zu Gesicht. Der Grund war einfach: von Sauen und Füchsen einmal
abgesehen
gab es hier dank früherer Überjagung kein jagdbares
Wild mehr... Hasen und Federwild wurden deshalb in der Tat
erst kurz vor Beginn der
Jagdsaison
(Mitte
September
bis Ende Januar) eigens für die Jäger ausgesetzt und überlebten
die Erfahrung begreiflicherweise nicht lange.
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Da
sowohl Spaniel Giada als auch Laufhund Jonas instinktiv einen
Bogen
um Wildschweine machten, sonstige Wildtiere, deren Junge oder
deren Gelege sie hätten stören können durch
Abwesenheit glänz-ten, fanden wir hier einen Freiraum,
der in Deutschland kaum denkbar wäre. Das ist noch heute
so, und wer hier Urlaub mit dem Hund macht, wird feststellen,
wie unglaublich
angenehm es ist, die Leine meist im Rucksack lassen zu können.
Nur eine kleine Trübung gibt's am Horizont: das ist die
Zeit der Wildschweinjagd (1. Oktober bis 31. Dezember). Jeden
Mittwoch und, alternierend, jeden Samstag oder Sonntag zieht
die lokale Jägerschaft los und verwehrt dem Spaziergänger
Zugang zur je-weiligen Zone im Gemeindegebiet, wo sie an diesem
Tag den Borstentieren mit der Hundemeute nach-stellen. Na ja,
es gibt fast immer eine Ausweichmöglichkeit für den
Rundgang mit dem Vierbeiner, und als Urlauber kann man überdies
mal shoppen fahren. |
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Das
Gemeindegebiet von Menconico ist sehr reich an natürlichen
Quellen mit so gutem Was-ser, dass die Leute
von auswärts kommen, um es sich an den vielen Brunnen, die
es in jedem Ge-meindeteil
gibt, abzufüllen und mit heimzuneh-men. Logisch, dass auch
Hunde unbedenklich in Tümpeln und Bächen trinken können, was
bei längeren Spaziergängen im Sommer ein großes Plus ist, erst
recht, wenn sie sich zum Abkühlen sogar in die kleinen Teiche
im Wald stürzen dürfen.
Aber Wasser zieht alles Leben an, und so kann |
man,
je nach Klimalage etwa gegen Ende März in
den Teichen und Bachsenken alljährlich die Paarung
der Frösche und Kröten beobachten, deren
Sprößlinge Wochen später als Kaulquappen die
Bäche bevölkern.
Menconico und seine weit verstreuten Gemeindeteile liegen am
Hang des Monte Penice, umgeben von Wäldern und Wiesen, die
wiederum von einem Netzwerk kleiner Strassen und Pfade durchzogen
sind. Mit ein bisschen Orientierungssinn oder einer Wanderkarte
kann man einen ganzen, langen Urlaub damit verbringen, sie
zu erkunden, um am Ende festzustellen, dass man trotzdem viele
Gebiete noch gar nicht erwandert hat. Aber bevor wir uns nun
ernstlich an die Erkundung der Wälder wagen, möchte ich
Ihnen den Ort vorstellen, wo Sie sozusagen ihr Basislager aufschlagen
könnten.
Die
Strasse, die vom Hauptort Menconico nach Carrobiolo hinaufsteigt,
führt
etwa 200 Höhenmeter oberhalb auf eine Landstraße, und hier,
rechter Hand der Kreuzung liegt der Gemeindeteil Roncassi
mit dem Hotel-Restaurant La
Pernice Rossa und dorthin gehen wir jetzt erst einmal... |
Aussicht
Richtung Piacenza von der Landstrasse oberhalb Carrobiolos.
Alle
Fotos: Sabine Middelhaufe
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