Jäger und Tierschützer - das große Missverständnis
Von Sabine Middelhaufe

Wer sich im Rahmen des Tierschutzes mit Haushunden beschäftigt, lernt notwendigerweise Vierbeiner kennen, die ausgesetzt, ausgestoßen, körperlich und/oder seelisch misshandelt oder einfach sich selbst überlassen wurden, was für ein soziales Lebewesen wie den Hund auch eine schwere Form der Miss-handlung darstellt.
Mitgefühl für diese geschundenen Kreaturen zu empfinden scheint nur natürlich. Ablehnung und Groll gegen die Verursacher solch vermeidbaren Elends wird vielleicht nicht immer sachlich vorgebracht, ist aber ohne weiteres verständlich. Wer das nicht nachvollziehen kann, möge einmal ein Tierheim besuch-en; von südeuropäischen Auffang- und Tötungsstationen ganz zu schweigen.
Vermutlich ist kein Hund, der irgendwo dort einsitzt "normal", denn was wir mit wünschenswerter Normalität meinen, ist für diese Tiere spätestens bei ihrer Einweisung in die Institution zerbrochen. Das Bestreben der Betreuer, einen Hund nach mehr oder weniger langem Leidensweg und Tierheimauf-

enthalt nun an geeignete Personen zu vermitteln, die ihm weitere Qualen ersparen und die negativen Erfahr-ungen durch positive ersetzen wollen ist nur logisch.
Man kann es vielleicht auch so aus-drücken: Tierschützer haben mit den vierbeinigen Opfern menschlicher Grausamkeit, Ignoranz und Unver-nunft zu tun, und das prägt ihre Einstellung zu beiden Gruppen, den Tätern und den Opfern, sicherlich sehr stark.

Ein Jäger sucht seinen Hund entsprechend den Gegebenheiten und Erfordernissen seines Reviers aus, wählt unter den Jagdgebrauchsrassen die für ihn geeignetste und wendet sich sodann an eine zuver-lässige Zucht, um dort einen Welpen oder Junghund zu kaufen, denn schließlich soll der vierbeinige Gehilfe später bestimmte Aufgaben erfüllen können und braucht die notwendigen genetischen Voraus-setzungen dafür. Das heißt,der Jäger (und jeder andere, der einen Welpen aus normalen Verhältnissen zu sich nimmt) betritt die Hundewelt auf der Sonnenseite, wo Vertrauen, Zuversicht, frohe Hoffnung und gute Vorsätze bei Zwei- und Vierbeiner regieren und weiß oft nichts oder wenig vom Inferno das Tierschützer miterleben. Kein Wunder also, dass man sich vielfach schon an der Basis nicht versteht:

Der eine ist schein-bar mütterlich-emotional und will Hunde schützen, der andere männ-lich-pragmatisch und will sie angeb-lich nur nutzen. Die Geister sind uneins, und das Objekt der Betrachtung wird unbemerkt über-gangen: der Hund selbst nämlich.
Mein Freund Ales-sandro Coppola, Er-zieher, erklärter-maßen kein Fan von Jägern, Besitzer dreier Schäferhun-

de, darunter ein großer Mischling aus dem Mailänder Tierheim und im Bedarfsfalle Tierschützer in eigener Regie, machte kürzlich eine höchst interessante Bemerkung. Als wir nämlich im Internet zur Adoption angebotene Hunde anschauten, sagte er nach kurzer Betrachtung (und erstaunlich verärgert) sinngemäß folgendes:
Mach um Himmels Willen den Kasten aus, ich kann diesen Blödsinn nicht mehr sehen! Wieso stellen diese Tierschutzorganisationen ihre Hunde dar, als wären sie alle bedauernswerte Melancholiker oder Neurotiker oder Depressive oder sonst wie lebensuntaugliche Tiere? Einen Hund auf seine traurige Vergangenheit zu reduzieren und ihm ein paar nichts sagende Eigenschaften wie "äußerst anhänglich" oder "sehnsüchtig, endlich adoptiert zu werden" aufzustempeln ist genauso entwürdigend wie die Fußtritte, die er vielleicht bei seinem Ex-Besitzer bezogen hat! Was glaubst du denn passiert, wenn Leute einen Hund aufnehmen, bloß weil er so ein armes, armes Tierchen ist? Sie machen ihn wahrschein-lich ernsthaft neurotisch, indem sie ihn mit lauter Tätscheln, Beschützen, ihn schonen und wie ein rohes Ei behandeln so richtig auf die Rolle des armen Schweins konditionieren! Traumatische Erfahrungen lösen sich doch nicht dadurch auf, dass man sie immer wieder in den Mittelpunkt stellt! Auch der früher misshandelte Hund ist vor allem
der Hund mit bestimmten Fähigkeiten, Talenten, Interessen, und wenn man die ausbaut und dem Tier darüber Lebensfreude, Selbstsicherheit und Würde vermit-telt, dann kommt es aus seinem Trauma auch raus! Statt den Leuten zu suggerieren, dass da lauter liebebedürftige, enttäuschte Hunde in Zwingern und Boxen nach menschlichem Mitleid heischen, sollte man zuverlässige Informationen über die Anlagen und das Wesen des Hundes geben und dann fragen: wer von euch ist fähig mit diesem Tier in seinem bevorzugten Interessensbereich kompetent und dau-erhaft zu arbeiten? Ich hab nämlich noch keinen Hund gesehen, der nicht potentiell zu irgendeiner Arbeit befähigt wäre, auch wenn man die vielleicht "Kunststücke machen" nennt. Und ich kenne keinen, der nicht offensichtliche Zufriedenheit ausstrahlt, wenn er von seinem Besitzer im passenden Gebiet gefördert und anerkannt wird. Mir tun solche Hunde ehrlich leid, die von soge-nannten Tierschützern und ihren neuen Besitzern halb zu Tode bedauert, statt als talentierte, arbeitsfreudige Geschöpfe wieder ernst genommen zu werden.

Doch leitet diese Überzeugung direkt zur nächsten Frage, über die sich Tierschützer und Jäger streit-en: Brauchen Hunde denn wirklich Arbeit?
Tierschützer begegnen Hunden in Zwingern, Boxen, angekettet bei ihren Haltern, als halb verhungerten, ausgelaugten Gebärmaschinen oder unerwünschten, weil nicht lukrativen Welpen in großen Zuchtstätten oder bei Privatpersonen, und das ist wahrhaftig kein angenehmer Anblick. Unsere südländischen Zeitge-nossen haben außerdem das zweifelhafte Vergnügen zu sehen, wie Jagdhunde von ihren Landsleuten viel-fach gehalten werden - der Stoff, aus dem die Alp-träume sind. (Siehe dazu auch: Ehemalige Jagdhunde) Einleuchtend, dass sie bei dem Begriff "Arbeits-hund" die Nackenhaare sträuben.
Jäger hingegen sehen im Normalfalle wohlgeratene, vielversprechende Welpen und schwelgen schon beim

Kauf in Gedanken künftiger Quersuchen, Apporte, Schweißfährten usw.
Tierschützer lernen ausrangierte, ausgebrannte Sklaven kennen; Jäger kraftvolle, tatenlustige Ge-brauchshunde. Wen wundert's also, dass sich die beiden Parteien auch in diesem Punkt oft nicht ver-stehen.
Jägern würde ich vorschlagen, im Internet einmal nach Videos und Fotos malträtierter Jagdhunde zu suchen; sie werden die Tierschützer anschließend besser begreifen.
Die Tierschützer mit Berührungsängsten gegenüber dem Thema "Arbeit mit Hunden" dagegen möchte ich herzlich einladen, gerecht ausgebildete Vierbeiner einmal wirklich zu beobachten, wenn sie als Collies Vieh dirigieren, als Jagdhunde eine Suche absolvieren, als Mischlinge Frisbees apportieren, als Zwerghunde zirkusreife Tricks aufführen. Denn allen Hunden, die sich wirklich bemühen ihre Aufgabe erfolgreich zu erfüllen ist eines gemeinsam: die Freude an ihrer Arbeit!
Man kann Mensch wie Tier zwingen, etwas zu tun oder zu unterlassen. Aber Freude liegt bei beiden Arten weit jenseits des Einflussbereiches, den Zwang abdecken kann. Man muss schon die Augen ver-schließen, um nicht zu sehen, dass der Retriever oder Cocker mit dem Dummy im Fang vor Zufrieden-heit strahlt (und ebenso der Schäferhund, wenn er "seine" Herde nach stundenlangem Grasen wieder sicher in den Stall geleitet hat!).

Um Alessandro Coppola noch einmal sinn-gemäß zu zitieren: Viele Hundebesitzer behandeln ihre Tiere unbewußt wie gei-stig zurückgebliebene oder kränkliche Kinder, die ihrer Ansicht nach nie er-wachsen und leistungsfähig werden kön-nen. Vielen Leuten entgeht deshalb völlig, dass der Hund auf seine Weise eine Art Verantwortungsgefühl hat und es für seine geistige und seelische Entwicklung wichtig und notwendig ist, dass wir ihm tatsächlich Verantwortung übertragen. Für den einen Hund ist es vielleicht das tägliche Ritual, Herrchen die Zeitung, die Hausschuhe oder die Leine für den Spa-ziergang zu bringen, für den anderen, dass er abends die Hühner in den Stall dirigieren "muss". Die Erkenntnis, in seinem menschlichen Rudel eine verant-

wortungsvolle Funktion zu erfüllen und dafür Anerkennung zu erhalten, gibt dem Hund aber in Wahr-heit Zufriedenheit, innere und soziale Sicherheit. Statt sog. neurotischen Hunden Psychotherapien zu verordnen, sollte man ihnen lieber eine angemessene Aufgabe zuteilen!
Ich glaube, jeder, der seinem Vierbeiner auf hundegerechte Weise irgendeine Fähigkeit beigebracht hat, wird zustimmen, dass der Hund seine "Performance" genießt. Erst recht, wenn er das Vertrauen in sich selbst und die Menschen aufgrund schlechter Behandlung verloren hatte, denn dann ist es für ihn als ausgesprochenem Rudeltier besonders wichtig in der neuen Gruppe wieder "jemand" zu sein, der "seinen Hund steht" und nicht das bemitleidenswerte "Würstchen", dem keiner etwas zutraut.

Der springende Punkt bei dieser Ge-schichte ist natürlich, wie dem Hund seine Aufgabe beigebracht wird, und damit sind wir beim nächsten Spreng-satz: viele Tierschützer sind nämlich der Überzeugung, dass Gebrauchs-hunde Leistung vor allem aus Angst vor Strafe erbringen. Und umgekehrt existieren unzweifelhaft (immer noch) Jäger, die sich nicht vorstellen können, einen Hund ohne Starkzwang auszubilden.
Ob nun Jäger oder unscheinbare Privatperson - es gibt ganz gewiss

eine Menge Leute, die ihre mangelnden pädagogischen Fähigkeiten durch Gewaltmaßnahmen ersetzen, so-ziale Frustration am Hund auslassen und zumindest ihren "Köter" beherrschen wollen, wenn sie anson-sten schon vom Partner oder Chef untergebuttert werden. Enden die bedauernswerten Opfer fehlge-leiteter "Erziehung" dann im Tierschutz, präsentieren sie sich als handscheu, angstaggressiv, autistisch uvm.
Daraus allerdings den Schluss zu ziehen, dass Gebrauchshunde in erster Linie über Härte, Schmerz und Angst ausgebildet werden ist sehr kurzsichtig. Zutreffend hingegen ist, dass die Ausbildung des Ge-brauchshundes durch den Jäger ein anderes konkretes Endziel hat als jene durch die Privatperson. Wenn beispielsweise Herr Mustermann seinen Setter durch Dummytraining, Schleppenarbeit usw. gei-stig und körperlich fit hält, geht es aus Sicht des Hundes zwar um eine verantwortungsvolle Arbeit, aber sollte er ein Apportel denn wirklich mal nicht wiederfinden oder sich auf langen Schleppen hoff-nungslos verhaspeln, bringt das Herrchen Mustermann nicht um den Schlaf, denn für ihn ist das Ganze ja nur ein herrlicher, sinnvoller Zeitvertreib ohne Ernstbezug.

Der Herr Jäger andererseits wird kaum guten Gewissens in die Federn steigen, wenn er ein krank geschossenes Stück Wild im Revier zurücklassen musste, weil sein vier-beiniger Assistent nicht angemessen auf die Fährtenar-beit vorbereitet war. Für Jäger und Jagdgebrauchshund ist Versagen keine Option, und folglich auch nicht die Schlamperei oder Amateurhaftigkeit bei der Ausbildung, die sich Herr und Frau Mustermann leisten können. Der junge Jagdhund muss mittels eines wohldurchdachten, in-dividuellen Programms mit absoluter Konsequenz, viel Ge-duld und Einfühlungsvermögen so aufgebaut werden, dass es am Ende der Vierbeiner selbst ist, der zum Ziel, lies:

zum Erfolg kommen will. Und wie sich der Weg dahin gestaltet, hängt entschieden von Anlagen und We-sen des Hundes ab. Manche wollen gefallen, andere wollen herrschen; wo den einen Lob und Leckerli anspornen, verlangt der andere Wildberührung; während dieser geschockt die Rute klemmt, sobald der Mensch nur die Stimme erhebt, provoziert jener seinen Herrn gleichsam grinsend zu ständigen Macht-kämpfen. Bevor man die Ausbildung eines bestimmten Jagdhundes als "hart und grausam" verurteilt, sollte man sehr, sehr genau hinschauen, ob sich der Vierbeiner ob der vermeintlichen Härte nicht viel-leicht ins Fäustchen lacht.
Und ehe man Jagdhundeführer (oder auch Schäfer, Polizisten, Grenzschützer, Rettungshundeführer usw.) für ihre angeblich harten, in Wahrheit aber oft einfach nur konsequenten Ausbildungsmethoden lauthals kritisiert, sollte man erstens ausreichendes Wissen über die jeweils verwendeten Rassen be-sitzen, zweitens klare Vorstellungen vom konkreten Einsatz der Tiere haben, und drittens über reich-lich eigene praktische Erfahrung in der Ausbildung und Führung dieser Rassen verfügen. Denn grau ist alle Theorie mein Freund…
Ein Deutscher Jagdterrier ist nun mal kein Golden Retriever, und der Cocker keine Dachsbracke. Ge-nauso wenig sollte, wer seinen Schäferhund zum verlässlichen Begleiter erzogen hat, glauben, nun den Besitzer des Basset Hounds oder Azawaks belehren zu können. Viele Missverständnisse, auch zwischen Jägern und Tierschützern, entstehen wohl dadurch, dass es - auf beiden Seiten - zwar viele hitzig ver-tretene Meinungen gibt, aber entschieden weniger fundiertes Wissen über die Erfahrungswelt des Ge-genüber.
Kein Meinungsforschungsinstitut wird je her-ausfinden, ob Hunde einander und ihre Men-schen "lieben", denn die Definition des Be-griffes gehört zu den Erfindungen des mensch-lichen Gehirns. Und selbst wir Zweibeiner sind uns durchaus nicht darüber einig, was es bedeu-tet einen Hund zu lieben. Lieben Jäger ihre Hunde, oder können das nur Tierschützer von sich behaupten? Meint Liebe Streicheleinheiten, Schutz vor allem Unangenehmen und kindliche Abhängigkeit von einem Bezugspartner? Oder Ermutigung, die eigenen Grenzen zu finden und auszuweiten, ein inniges, diszipliniertes Meister -Schüler-Verhältnis statt der Beziehung zwi-schen Mutter und Kleinkind, in der das Weibli-che dominiert?
Es ist für manche Menschen sehr verlockend, dem mega-coolen Jäger zwischenmenschliche und zwi-schengeschlechtliche Probleme anzuheften, oder den extremistischen Tierschützer der sozialen Sodomie zu überführen, wie Konrad Lorenz die Bevorzugung des Tieres gegenüber unseren eigenen Artgenossen nannte. Letztlich ist die Liebe zum Hund ein Thema, das, in aller Offenheit, jeder nur mit sich selbst ausdiskutieren kann. Oscar Wilde sagte bekanntlich: "Jeder tötet, was er liebt." Und wenn ich nicht irre stammt von Hermann Hesse der Satz, der sinngemäß sagt: Was wir in anderen verabscheuen, ist das, was wir in uns selbst nicht wahrhaben wollen.
Vielleicht sollten Jäger mit starkem Hang zu perfekter Disziplin und emotionaler Distanz zu ihrem Hund auch mal die weiche, spielerische Seite in sich selbst zu entdecken wagen, und Tierschützer, die im Hund nur das bedauerns- und beschützenswerte Opfer der bösen Welt wahrnehmen, sich ehrlich fragen, ob da in Wahrheit nicht ihr eigenes "Inneres Kind" nach Hilfe und Vergeltung ruft? Kaum ein anderes Haustier wird wie der Hund dazu missbraucht, unsere ureigensten seelischen Nöte und Be-dürfnisse auf ihn zu projizieren. Die Wahl einer bestimmten Rasse ist ebenso Statement unseres in-
neren Befindens und Wünschens wie das Geschlecht des Hun-des; wie und wozu wir ihn ausbilden und "einsetzen" sagt eine Menge über unsere Träume. Wenn wir die Rolle des fanati-schen Jägers oder Tierschützers übernehmen, um dadurch, vielleicht ganz unbewußt, andere Menschen zu manipulieren, zu kategorisieren, im schlimmsten Falle als "Feinde" zu brandmarken, oder uns selbst soziale und moralische Bedeut-ung zu verschaffen, Allmacht über das Schicksal anderer (vorwiegend der Tiere in unserer Obhut), wenn wir uns dem Delirium hingeben, scheinbar zu wissen, was richtig und falsch ist, im absoluten Sinne und folglich bindend für alle - dann ist es wohl höchste Zeit anzuhalten, und uns den eigen-en, innersten Problemen zuzuwenden… Und den Hund endlich einfach Hund sein zu lassen…
Fotos:
1,2 Save the dogs;
3 Hahn;
4, 5, 9, 10 Kuntzsch;
6 Treckmann;
7 Jung;
8 Lange
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