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Gedankensprünge
zur Jagd
Von Sabine Middelhaufe
Meine ursprüngliche
Meinung zur Jagd war, wie wohl bei all meinen nicht-jagenden Freunden
und Be-kannten, immer ein vorwiegend emotionales Statement. Wenn
ich mir als junges Mädchen beim Spazier -gang im Wald vorstellte,
dass das grazile, scheu vor mir flüchtende Reh vielleicht am
nächsten Tag totgeschossen am Fleischhaken hängen würde,
oder irgendwo Bilder sah, mit reihenweise abgeknallten Hasen, mit
Jägern, die in unverhohlener Befriedigung neben ihrem Opfer
knieten, ob das nun ein Hirsch, ein Wildschwein oder irgendein exotisches
Tier auf einem anderen Kontinent war, geriet ich in Rage. Dass ich
Jäger im tiefsten Wortsinne hasste wäre vielleicht übertrieben,
aber ich konnte nicht das mindeste Verständnis für erwachsene
Männer aufbringen, die in einer Welt, in der man Fleisch je-der
Art im Laden kaufen kann, mit ihrer Freizeit nichts besseres anzufangen
wussten, als die unschul-digen Bewohner der Natur zu massakrieren
und darauf auch noch stolz zu sein. Ich hätte ihnen drin-gend
eine Psychotherapie
angeraten. Oder eine effektive Eheberatung.
Dass mein erster, wie auch alle folgenden Vierbeiner, ein Jagdhund
war erschien mir damals kein Wi-derspruch, schließlich töten
Hunde nicht zum Spaß, ich beteiligte mich nicht aktiv an ihren
Mordtaten, und außerdem "erbeuten Hunde ohnehin nur kranke,
schwache oder verletzte Tiere". Ein Satz, den ich vor langer
Zeit irgendwo las und seitdem oft und gern weiterreichte; er ist
ja auch sehr tröstend für den nicht-jagenden Jagdhundehalter
wenn es denn mal schief geht, und der brave Vierbeiner ein Ka-ninchen
ins Jenseits befördert.
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Mit
28 Lenzen zog ich mit meinen drei Jagd-hunden allein auf einen
Berg,
um über den Sinn des Lebens, speziell meines Lebens zu meditieren.
Als ich dreieinhalb Jahre später wieder vom Berg herunterstieg,
war ich rand -voll mit Naturerlebnissen, die einem das Ein -siedlerdasein
einen Kilometer über und zehn Kilometer vom Meer entfernt
in den men-schenleeren Bergen der Toskana bieten kann. Aber da
war
ein Floh in meinem Ohr. Ich hatte in, nicht wirklich mit
der Natur gelebt. Was diesen Zweifel in mir weckte weiß ich |
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merkwürdigerweise
nicht mehr, aber er nagte an mir. Hypothese: entsprachen all die
mit Leidenschaft und Rührung gelesenen Tier- und Naturerzählungen
und die daraus folgenden Interpretationen meiner eigenen Erlebnisse
mit Gewissheit der "realen Natur"?
Also stieg ich den Berg wieder zur Hälfte hinauf, verzog mich
in einen baufälligen Stall in den Berg-wäldern, ohne Wasserleitung,
Strom und sonstige Selbstverständlichkeiten und probte das
Leben mit der Natur. Diese achtzehn Monate brachten mir Erkenntnisse
von unschätzbarem Wert. Nieder-schmetternde aber wichtige Erkenntnisse.
Zum Beispiel die, dass mein Natur-Bild bis dato grundle-gend falsch
gewesen war. Die Natur mag "unschuldig" sein in dem Sinne,
dass Tiere und Pflanzen ein-ander nicht "mit böser Absicht"
Schaden zufügen. Deshalb ist es für den Frosch allerdings
nicht we-niger unerquicklich zentimeterweise im Schlund der Schlange
abwärts zu rutschen, bis er dann, End-station Sehnsucht, verdaut
wird. Der Waldmaus dürfte es auch ziemlich einerlei sein, ob
sie von den Schneidezähnen eines Fuchses oder eines gelangweilten
Stubentigers gepackt und früher oder später zermalmt und
heruntergeschluckt wird. Sie hätte wahrscheinlich gern noch
ein paar Tage weiterge-lebt
Auch gibt es für Wildtiere
weder Hospital noch Altersheim. Wer verbraucht, schwach, ver-letzt
oder verkrüppelt ist sieht - normalerweise - einem mehr oder
minder langen, qualvollen Siechtum entgegen, mit Hunger, Durst,
Angriffen von Vertretern der eigenen oder fremder Arten. Sicherlich
kein Vergnügen. Der junge Baum schließlich, der fatalerweise
an einer Stelle Wurzeln geschlagen hat, wo bereits größere,
stärkere Artgenossen nach Licht und Nahrung streben, wird verkümmern
und recht bald absterben. Nicht weil die anderen ihn hassen. Aber
verkümmern und sterben wird er doch.
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Was ich sagen will ist dies: obwohl ich als Kind nie Bambi
und dergleichen gesehen und Unten am Fluss erst im vorgerückten
Alter gelesen habe, bestand mein Natur-Bild, ohne dass ich mir dessen
wirklich bewusst gewesen wäre, zu einem Gutteil aus rosa-rotem,
rührseligem Blödsinn, erfüllt von ehrlichen, gerechten,
aufopferungsbereiten lieben Tieren und Pflanzen, die für einander
einstehen, kämpfen und notfalls sterben. Und der böse
Mensch, vorzugs-weise in Gestalt des skrupellosen, unsensiblen Jä-
gers mit Bierbauch und Dreitagebart macht alles zunichte.
Während ich in meinem baufälligen Stall hockte, fragte
ich mich zwangsläufig, wieso ich den Irrtum nicht früher
durchschaut hatte. Schließlich waren |
| Dieses
Wildschwein mit deutlicher, verheilter Unterkie-ferverletzung
hatte es sicher nicht leicht, sich angemes-sen zu ernähren.
Foto: Hahn |
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mir
auch in Deutschland Spinnen begegnet, die genüsslich einen
farbenprächtigen Schmetterling aus-saugten, Bussarde, die Mäuse
in die Lüfte, und somit in ein unzweideutiges Schicksal hoben,
Käfer, die Bäume killten, Singvögel, die hübsche
Insekten gnadenlos an ihre Nestlinge verfütterten
Könnte es sein, dass wir (wir, denn meine Freunde und
Bekannten bewiesen, dass ich mit dem gedank-lichen Irrtum keineswegs
allein da stand) den Traum von der "edlen, unschuldigen"
Natur so willig träumten, weil gerade heutzutage die reale
Erlebniswelt alles andere als edel und unschuldig ist? Könnte
es sein, dass wir unsere Sehnsucht nach einer "gerechten, friedlichen
Welt" mehr oder weni-ger unbewußt auf "die Natur"
projizierten, weil wir ihr so ziemlich alle erstrebenswerten Attribute
anheften können, solange wir uns nicht ernstlich und vorurteilslos
mit ihr beschäftigen? Bei genauerer Betrachtung nämlich
sind "Tiere nicht die besseren Menschen" und "die
Natur" als Ganzes ist genauso voll von egozentrischen Individuen
wie unsere menschliche Gesellschaft auch, die, man möge es
nie ver-gessen, immer Teil der Natur war und sein wird. Jeder möchte
eben das Beste für sich und die Seinen erreichen, jeder möchte
unter möglichst perfekten Bedingungen leben.
Diese Gedanken beunruhigten mich, um es nicht melodramatischer auszudrücken,
und ich beschäftigte mich zum ersten Mal ernsthaft mit einzelnen
Aspekten der Land- und Forstwirtschaft, den theoreti- schen Grundlagen
des Jagdwesens, dem wesentlichen Unterschied zwischen naturbelassenen
und vom Menschen geschaffenen oder zumindest mitgestalteten Lebensräumen,
und das war ein ziemlicher Aug-enöffner. Nicht gerade der Stoff,
aus dem die Disneyfilme sind, jedoch mit dem großen Vorteil
ausge-stattet, Wirklichkeit darzustellen. Ob einem die nun gefällt
oder nicht...
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| Dinner
for one. Diese Spinne hat ihre erheblich größere
Beute gefangen und bereits betäubt. |
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Mir
gefiel sie nicht. Ich vermißte mein sentimentales Bild von der
Natur. Und fand die Allgegenwart des Menschen zum fürchten. Wenn
der Mensch sich fürchtet, sucht er bekanntlich gern Schutz bei
Gott. Leider hat das offizi-elle Christentum mit der Natur nicht viel
am Hut und ich kam, notwendigerweise, möchte man sagen, zum Buddhis-mus.
Fünf lange Jahre studierte ich sorgsam die buddhist-ische Philosophie.
Oh nein, nicht bloß am Wochenende. Je-den Tag und einen Großteil
jeder Nacht. Der Hinduismus und seine Ableger, wie eben der Buddhismus,
zollen der Natur größten Respekt und legen es dem Menschen
nahe, doch mal scharf über seine eigentliche Bedeutung in
der Welt nachzusinnen. Das sagte mir zu. Es setzte allerdings
auch gleich wieder eine Menge Gedanken in Bewegung. Mein tibetischer
Lehrer
erklärte zum Beispiel einmal, daß Vegetarier sich nicht
für unschuldiger oder gar besser |
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halten dürften
als Fleischesser, denn während dem genüsslichen Verzehr
des Koteletts die Tötung des Schweins vorausgeht, beendet jeder
Spatenstich im Gemüsegarten des braven Vegetariers das Leben
unendlich vieler Mikroorganismen, und das ist auch Mord. Solange
wir auf dieser Welt in irgendeiner Gestalt geboren werden, können
wir gar nicht anders, als anderen zu schaden, um selbst zu überleben.
Die Spinne frißt die Hummel, das Reh frißt die Baumrinde
und tötet damit den Baum, der Hund frißt das Reh - falls
der Mensch nicht schneller ist, ihm zuvor kommt und es selbst in
die Backröhre schiebt. Und eines Tages halten die Mikroorganismen
ihren Festschmaus am Menschen, ganz gleich, ob der früher nur
Gemüsebeete bestellt, oder Leberwurst und Kalbsbraten gegessen
hat.
Oh?!
Meine Überlegungen schweiften wieder einmal ab: ist es nicht
seltsam, dass es zahllose Initiativen zum Schutz von Kälbern,
Hühnern, Schweinen usw. und natürlich Bambis und Mümmelmännern
gibt, aber sich niemand um den Massenmord an Fliegen, Mücken,
Zecken, Bakterien und Viren kümmert? Wieso hat der Vegetarier,
der sich über die Schlachtung des Kälbchens skandalisiert,
kein schlechtes Gewissen, wenn er die Mücke umbringt, die ihm
die Nachtruhe raubt, oder die Zecke, die er gewissen-haft von seinem
Hund abgesammelt hat? Richtig! Weil Mücke und Zecke schädlich
und gefährlich sind!
Richtig? Geht es dabei in Wahrheit nicht doch wieder um den Vorteil
des Einzelnen? Du schlachtest das Schwein, weil dir der Schinken
so gut schmeckt, ich zerquetschte die Mücke, weil sie meinen
ge-sunden Schlaf sabotiert und mir möglicherweise sogar eine
Krankheit anhängt. Du bist ein Monster, ich handle in verständlicher
Notwehr?
Mein tibetischer Lehrer hätte über derartige Haarspaltereien
nachsichtig gelächelt und wiederholt: Solange wir auf dieser
Welt in irgendeiner Gestalt geboren werden, können wir gar
nicht anders, als anderen zu schaden, um selbst zu überleben.
Und das brachte mich auf einen wieder anderen Gedank-
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en:
Könnte es
sein, dass wir die fertige heile Welt in "der Natur" sehen
und beschützen wollen, weil es höchst unbequem wäre,
uns persönlich um die Konstruktion einer "echten heilen"
Welt zu bemüh- en? Sind wir doch mal ehrlich: es ist viel einfacher,
mit dem Auto zu einer Anti-Jagd-oder Anti-sonst was-Demo zu düsen
und nach getaner Tat zurück ins zentralbeheizte Heim zu kehren,
wo uns selbstver-ständlich eine heiße Dusche, eine Matratze
aus (teuren) Naturfasern, ein wohlgefüllter Kühlschrank
und News über die Demo im PC erwarten, statt - ja, statt was?
"Zurück zur Natur"? Ein jeder besetze den nächstbesten
leeren Stall und lebe zwischen Schlangen und Skorpionen von kargem
Gemüse? |
| Toter
Marderhund. Wir schaden anderen Mitgeschöpfen und oft
ist es nicht einmal unsere Absicht. Foto: Hahn |
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Könnte
es sein, dass wir (d.h. meine Freunde und Bekannten und ich,
nicht Sie) von uns selbst eine ähn-lich falsche Vorstellung
haben, wie von der Natur? Dass wir, dank grüner, alternativer,
New Age u.ä. Medienberieselung längst glauben, anders
zu sein, als wir in Wahrheit sind? Und vor allem, dass wir glauben
anders
sein zu müssen? Wir sind doch die Kinder der Post-Modernen-Ära,
des Wassermann-zeitalters, der spirituellen Neubesinnung der westlichen
Welt! Stehen wir nicht schon auf der Schwel -le zur Erleuchtung, sind
tolerant, lieben unseren Nächsten, schütteln weise die Köpfe
ob jedes neuen Krieges, der irgendwo ausbricht, haben all die barbarischen,
primitiven Antriebe unserer Altvorder-en längst überwunden?
Oder etwa nicht?!
Ich fand die germanische und keltische Kultur schon als kleines
Mädchen
faszinierend und stürzte mich nun erwartungsvoll auf ihre modernen
"Interpretationen". Denn: warum in die Ferne, nach Indien
schweifen, wenn das Gute doch so nahe liegt?
Fehlanzeige. Was die Neo-Germanen- und Kelten zu bieten hatten,
fand ich eher dürftig. Um zu wis-sen, dass Orte genauso wie Bäume,
Bäche, Steine, Wolken, Luft etc. pp. ihre ganz persönliche
Aus-strahlung haben, na, dazu braucht man kein teures Seminar zu besuchen,
das spürt man doch, während man durch die Gegend wandert!
Und sich davon rühren zu lassen, wie die ollen Germanen, weit
davon entfernt, Vegetarier zu sein, das erlegte Beutetier ehrten ist
wirklich ein bisschen deppert, wenn man bedenkt, dass traditionsbewusste
Jäger heutzutage noch immer dasselbe tun.
Nicht vergleichbar, sagen Sie, weil die einen aus Notwendigkeit, die
anderen zum Zeitvertreib jagen?
Ich weiß nicht recht
Könnte es sein, dass wir Angst vor unseren archaischen Wurzeln
haben? Dass wir die Erregung und Freude, den Adrenalinstoß,
den unsere Vorfahren bei der (notwendigen) Jagd erlebten gerade deshalb
von uns weisen, weil unser "Steinzeitbewußtsein" so
heftig darauf reagiert?
Könnte es sein, dass wir die perfekt zivilisierten, spirituell
bewussten "Macher" der Post-Moderne sein zu müssen
glauben, und uns jeder Hinweis auf unsere "bestialische" Vergangenheit
peinlich ist? Was bekanntlich extreme emotionale Reaktionen hervorruft? |
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Ich
bin ein einziges Mal absichtsvoll und ahnungslos mit zur Jagd
gegan-gen, um eine bestimmte Hunderasse bei der Arbeit zu sehen.
Für
den Großteil der Zeit war ich verzaubert, hingerissen, mitgerissen,
sprachlos angesichts meiner eigenen tiefen, nie gefühlten "archaischen"
Emotionen. Wären die (italienischen) Jäger nicht so unfassbar
gleichgültig gegen- über des erbeuteten Hasen geblieben,
hätten sie ihm Respekt gezollt,die Hundemeute angemessen belohnt,
hätten sie auch nur einen Ansatz von "altem Brauchtum"
demonstriert, wäre ich heute vielleicht Jägerin. Aber sie
taten es nicht, und so blieb das erste gleichzeitig mein bisher letztes
Jagderlebnis. Immerhin hat es mich Verständnis für Jagd
und Jäger ge-lehrt. Oh nein, wie vor diesem Jagderlebnis (und
ganz ohne belehrendes New-Age-Seminar) achte ich instinktiv darauf,
keine winzig kleinen Tie-re totzutreten, kontrolliere, praktisch aus
dem Augenwinkel, jede Pfütze |
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auf dem Weg
nach Ameisen, Fliegen, Mücken und sonstigen Geschöpfen,
die versehentlich, aus Schus-seligkeit oder purem Übermut in
die Wassermassen geraten sind, und nun verzweifelt und vergeblich
rudernd versuchen, wieder an Land zu kommen. Natürlich fische
ich sie heraus, blase ihnen meinen Atem ins Gesicht, setze sie an
eine trockene, sichere, möglichst sonnenbeschienene Stelle
und wünsche ihnen alles Gute. Für den größten
Teil meiner bisher 32 Erwachsenenjahre war ich Vegetarierin und
würde nach wie vor ein Tier nur dann töten und essen,
wenn mein eigenes Leben definitiv davon abhin-ge. (Meine Hunde ausgenommen,
denen würde ich wahrscheinlich auftragen, mich zu verspeisen,
bevor sie Hungers stürben.) Ich ehre die Bäche in tiefster
Bescheidenheit, suche Hilfe bei bestimmten "ehr-würdigen"
Bäumen, sehe die Aura scheinbar toter Pflanzen, berücksichtige
den Rat der Steine, bin un -endlich dankbar für jeden angstfreien
Blickkontakt eines Wildtieres, liebe es, meine Finger sachte in
Erde jeder Art zu graben
Aber ich habe auch begriffen, dass "Mutter Natur" kein
Synonym für Garten Eden à la Hollywood ist, sondern
ein System, das ganz konkrete Anstrengungen von jedem Einzelnen
verlangt, so er unter förderlichen Umständen leben will.
Ich habe begriffen, dass es "unberührte Natur" in
unseren Breit-en nicht mehr gibt, da die Wälder und Wiesen,
die wir bei unseren Spaziergängen durchqueren längst Kulturlandschaften
geworden sind, vom Menschen geschaffen, der Verantwortung des Menschen
an-heim gestellt. Und einer dieser Verantwortlichen ist der Jäger.
Ich habe begriffen, und das war für mich die am schwersten
zu verdauende Erkenntnis, dass der Mensch als Teil der Natur dasselbe
Recht hat wie alle anderen Arten auch seine Spuren auf dieser Erde
zu hinterlassen. Aber da der Mensch, im Gegensatz zu allen anderen
Arten, die unsere Erde bewohnen - vermutlich - als Einziger in der
La-ge ist, aus den Ereignissen der Vergangenheit und Gegenwart Rückschlüsse
auf die Zukunft zu ziehen, hoffe ich, dass wir aus der Geschichte
der Erde lernen und anerkennen, dass Selbstbeweihräucherung,
Rechthaberei und Intoleranz letztlich kontraproduktiv sind.
Dass das menschliche Streben nach persönlicher Macht und Bequemlichkeit
das Wohlergehen unseres Heimatplaneten massiv und konkret gefährdet,
wer will das heute noch bezweifeln. Aber mit bloßen emotionalen
Reaktionen werden wir daran ebenso wenig etwas ändern wie mit
purer Wissenschaftlich-keit. Der Weg der Mitte ist gefragt.
Und um den zu finden, müssen wir versuchen, die Natur, in,
mit und von der wir leben, unsere Mitgeschöpfe und ebenso unsere
eigenen Artgenossen zu verstehen - mit dem Kopf und aus dem Bauch
heraus.
Ich persönlich kann dem intellektuellen oder emotionalen Narzißmus,
der gern zum Extremismus ten-diert, nichts mehr abgewinnen. Ich
möchte
junge Anti-Jagd-Aktivisten fragen, aus dem Herzen fragen, nicht
mit Kritik oder Zynismus, wieso ihnen das Leben eines Bambi wertvoller
erscheint, als das eines Menschen, der (auch) Jäger ist. Ich
möchte Tier- und Umweltschützer fragen, wieviele Insekten
sie in ihrem Leben getötet, wieviele Schadstoffe sie mit
ihrem Auto, der Heizung im Haus, der Nutzung moderner Technologie
ganz
allgemein in die Umwelt entlassen haben. Ich möchte nicht-jagende
Hundebesitzer fragen, wieoft ihr Vierbeiner von fremden Augen
unbeobachtet
ein Tier getötet hat. Ich möchte Jäger fragen, wieoft
sie, ungesehen, gegen ihre eigenen ethischen Grundsätze verstoßen
haben. Ich möchte jeden Leser dieser Zeilen daran erinnern,
dass keiner von uns wirklich schuldlos ist, dass keiner von
uns
behaupten kann, die Quelle der Weisheit zu sein, dass wir es alle
einfacher finden, andere zu kritisieren als die Beweggründe
und Zuverlässigkeit unserer eigenen, lieb gewonnen Meinungen
zu hinterfragen.
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Die Welt, und
damit auch das, was wir gemeinhin "die Natur" nennen,
braucht nicht noch mehr Zwietracht sondern Tol-leranz und aufrichtige
Be-reitschaft zum gegenseiti- gen Verständnis. Ansonsten gehen
wir alle unter; die Gerechten, und die, die sich dafür halten.
Rechts: English
Springer Spaniel beim Apport. Foto: Lange
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