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Jagd & Jäger in Italien



Nachsuche auf Schalenwild –
die Ausnahme von der Regel?


 

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Nachsuche auf Schalenwild – die Ausnahme von der Regel?
Von Sabine Middelhaufe

Das einzige Schalenwild, das man in Italien unter Zuhilfenahme des Hundes, und das heisst hier in aller Regel einer Laufhundemeute, jagen darf, ist das Wildschwein.
     Die Ansitzjagd auf Rehwild wird vielerorts nur selektiv betrieben, ausführen kann sie ein Jäger, der sich bei einem Spezialisierungskurs mit abschließendem Examen dafür qualifiziert hat. Von nun an ist er ein sog. "selecontrollore", also jemand, der durch Selektion kontrolliert.
    Entsprechend der jährlich durchgeführten Bestandsaufnahmen in den einzelnen Jagdzonen wird festgelegt, wie viele Stücke in den einzelnen Altersklassen geschossen werden müssen. Jedem selecontrollore wird sodann eine ganz genau festgelegte, sehr kleine Zone zugeteilt und dort muss er durch regelmäßige Beobachtung das geeignete Stück finden und innerhalb der gesetzlich vorgesehenen Zeit erlegen.
     Es ist kein ganz billiges Privileg, denn der Kurs für die Qualifikation kostet um die 300 Euro, und für jedes Stück, für dessen Abschuss er die Erlaubnis erhält, bezahlt er noch einmal zwischen 50 und 200 Euro, je nachdem, ob es sich um Bock, Geiß oder Kitz handelt. Entsprechend der Anzahl autorisierter Jäger in eine Zone, kann der einzelne auch mehrere Stücke erlegen.

    Michela Poggi ist selecontrollore und darüber hinaus die verantwortliche Leiterin ihres Distrikts. Sie teilt den Jägern ihre kleinen Jagdzonen zu, kontrolliert und registriert die erlegten Stücke uvm.

    
Michela, viele Jäger sitzen abends, nach der Arbeit, an. Was müssen sie tun, wenn ein krank geschossenes Stück flieht und sie selbst keinen geeigneten Hund dabei haben?

    Michela Poggi: „Sie sollten zunächst einmal den Anschuss und die Fluchtrichtung genau markieren. Wenn eine Suche in der näheren Umgebung zu keinem Ergebnis führt, muss ein Schweisshundeführer verständigt werden. Der wohnt natürlich selten direkt um die Ecke und hat auch nicht unbedingt sofort Zeit. Wenn das kranke Stück nicht vor Einbruch der Dunkelheit gefunden wird, ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich groß, dass der Hund am nächsten Tag nur noch das findet, was die Wölfe von ihrer Mahlzeit übrig gelassen haben, und die Füchse, Wildschweine usw.“

Oben und unten: Wenn nicht nachgesucht wird...
Titelbild: Gabriella Rubicondi mit ihrem Hannoverschen Schweißhund im Einsatz.

Bei der Ansitzjagd auf Reh,- Dam- und Rotwild kann immer mal der Fall eintreten, dass das Stück verletzt flieht und nachgesucht werden müsste. Müsste, denn viele Jäger machen sich, anders als gefordert und im Ausbildungskurs gelernt, diese Mühe offenbar nicht. Statt den Anschuß zu kennzeichnen, stapft man verärgert zum Waldrand, ungefähr dorthin, wo das Wild entschwunden ist, macht vielleicht noch ein paar Schritte in den Randbewuchs und wenn man da nichts findet, wird ein Fehlschuss notiert und man darf es an einem anderen Tag erneut versuchen. Dadurch werden nicht nur mehr Stücke geschossen, als der Abschußplan eigentlich vorsieht, es wird auch der Tierschutzgedanke ignoriert – jedenfalls in Bezug auf das verletzte Stück, denn die Wölfe freuen sich natürlich über die Gratis Mahlzeit.
    In einem kleinen, rund 2 x 2 km großen Bereich von Frau Poggis Distrikt wurden zwischen Januar 2014 und Dezember 2018 5 Ricken und 22 Böcke gefunden, die als Folge von Schussverletzungen verendet und teilweise schon angefressen waren. In einigen Fällen ließ sich aus der Position des Schützen, der (zufällig) beobachtet worden war, nachvollziehen, dass das Stück nur 80 – 150 Meter vom Anschuss entfernt zusammengebrochen war und vom Jäger und erst recht vom Schweißhund erfolgreich hätte nachgesucht werden können. Es ist kaum zu verstehen, dass dies nicht geschah, denn es handelte sich schwerlich immer um Wilderer.

    Dazu Gabriella Rubicondi, Gründerin der Gruppo Conduttori Cani da Traccia (Gruppe der Schweißhundeführer) in der Provinz Genua: „Bei uns ist die Nachsuche keine sehr verbreitete Sache, wahrscheinlich auch, weil sich viele Jäger ihrer Fähigkeiten zu sicher sind und wenn das Wild dann nach dem Schuss nicht zusammenbricht... war es eben ein Fehlschuss. Sie gehen nicht kontrollieren und so flieht das Stück manchmal verletzt oder verendet nahebei. Bei der Schwarzwildjagd ist es noch schlimmer. Bis vor einigen Jahren gab es genügend Wildschweine, und ob nun eines mehr oder weniger zur Strecke kam machte keinen Unterschied. Bei der nächsten Jagd fand man dann den Kadaver wenig entfernt vom Anstand.“

     Frau Rubicondi und ihre Kollegen bemühen sich deshalb seit Jahren, in Italien eine bessere Jagdethik und Nachsuchen-Kultur bekannt zu machen.

Oben: viele Jäger überschätzen ihre Fähigkeiten als Schützen.
Unten: erfolgreiche Nachsuche mit der
Hannoverschen Schweißhündin Bea.

Aber fangen wir am Anfang an: wie wird man in Italien überhaupt zum Schweißhundeführer?

     Gabriella Rubicondi: „Hier bei uns in Genua muss man, um die Zulassung zu erhalten, einen Kurs für angehende Schweißhundeführer absolvieren. Der viertägige Kurs besteht aus Theorie und Praxis und endet mit einem mündlichen und schriftlichen Abschlussexamen. Inhaltlich muss der Kurs einem von der Obersten Umweltbehörde akzeptierten Programm folgen und wer besteht, bekommt eine Bescheinigung, die ihn als Schweißhundeführer ausweist. Was den Hund angeht, so muss natürlich auch der eine vom Verband für das italienische Hundewesen (ENCI) anerkannte Arbeitsprüfung bestehen. Wenn er mindestens die Bewertung „sehr gut“ erhält, ist er für die Nachsuche zugelassen. Haben beide, Hund und Führer, ihre Qualifizierung, können sie sich in die Liste der Schweißhundeführer der Stadt Genua eintragen lassen.“
 
     Angenommen jemand besitzt die nötigen Fähigkeiten, könnte er seinen Hund auch allein ausbilden und im Bedarfsfalle einsetzen, zum Beispiel wenn er selbst  jagen geht oder ein befreundeter Jäger um seine Hilfe bittet? Wäre so ein Amateur-Nachsuchengespann erlaubt?

    Gabriella Rubicondi: „Einen Schweißhund auszubilden ist nicht einfach, aber man kann es durchaus schaffen, vorausgesetzt, man hat die Zeit und Geduld dafür. Wenn man dann auch noch das Glück hat, dass einem ein Freund hilft, umso besser. Aber es wäre nicht erlaubt, einen noch nicht offiziell zugelassenen Hund für die Nachsuche zu verwenden, denn er würde die Nachsuche beeinträchtigen und gefährden, wenn er das Stück nicht fände und im Anschluss ein erfahrenerer Hund eingesetzt werden müsste.“

Wie sahen denn deine ersten Ausbildungserfahrungen aus?

    Gabriella Rubicondi: „Mit meiner ersten Hündin, die ich 1998 bekam, hat mir der Züchter sehr viel geholfen. Wir haben mit kurzen Fährten zuhause angefangen und als Afra 7-8 Monate alt war, sind wir einmal wöchentlich nach Cuneo gefahren, wo der Züchter, ein erfahrener Schweißhundeführer, mir die Fährten vorbereitete und so Hündin und Führerin ausbildete.
Im Alter von einem Jahr bestand Afra die Arbeitsprüfung mit „sehr gut“. Hätte es nur an mir, der Hundeführerin, gelegen, wären wir bei meiner ersten offiziellen Prüfung durchgefallen, sagte der Richter Jotti, es war die Hündin, die die Fährte fand und hielt.
Afra kannte bis zur Prüfung nur Ausbildungsfährten und hatte noch nie eine natürliche Fährte gearbeitet. Während der Schwarzwildjagden hätte ich sie zwar mitnehmen können, da die eventuelle Nachsuche nach Ende der Jagd und noch am selben Tag gemacht worden wäre, aber ich habe das nie getan. Einerseits, weil ich mich noch nicht sicher fühlte, andererseits, weil ich nicht wußte, wie die Hündin nach der Erfahrung auf der natürlichen Fährte auf die künstliche Prüfungsfährte reagieren würde. Im Laufe der Zeit und mit zunehmender praktischer Erfahrung, habe ich verstanden, dass es mit den jungen Hunden keine Probleme gibt, wenn man sie direkt im Anschluss an die echte Nachsuche auf eine Kunstfährte bringt, auch wenn die nicht sehr lang ist.

Auch zur Ansitzjagd habe ich den Hund mitgenommen, aber nie, um eine Nachsuche zu machen. Das Reh war stets schon nahebei gefunden worden und ich setzte sie nur auf die Fährte, um sie trainingshalber zum Stück zu bringen.“

Oben: nach der geduldigen Ausbildung...
...ist der Hund bereit für den praktischen Einsatz (unten)

     In Deutschland diskutiert man von jeher darüber, dass die vielseitigen Vorstehhunde im Rahmen bestimmter Prüfungen auch eine Schweißfährte arbeiten müssen. Die Befürworter solcher Prüfungen argumentieren, dass es in der Jagdpraxis wichtig sei, dass ein Drahthaar oder Kurzhaar in der Lage ist, seinem Herrn auch in diesem Bereich zu helfen. Die Führer der spezialisierten Hunde hingegen fordern diesen Einsatzbereich für ihre drei offiziell anerkannten Schweißhunderassen. Es gibt zweifellos Situationen, in denen nur ein Spezialist mit umfassender Erfahrung zum Erfolg kommen wird, aber es stimmt auch, dass auf einer einfachen Schweißfährte, die mit fast absoluter Sicherheit beim toten Stück endet, der Vollgebrauchshund keineswegs überfordert ist. Existiert dieser „Kompetenzenstreit“ auch in Italien und was ist deine persönliche Meinung dazu?

     Gabriella Rubicondi: „Ich bin, wie wohl alle Schweißhundeführer der Auffassung, dass es der spezialiserte Hund ist, der die Nachsuche machen soll, nämlich Hannoverscher Schweißhund, Bayrischer Gebirgsschweißhund und Alpenländische Dachsbracke. Aber die Dachsbracke, wie auch der Teckel, haben kurze Läufe und sind in unseren ligurischen, extrem dichten Wäldern benachteiligt.“ 

    Der Schweißhund hat einen genau definierten Arbeitsbereich: er macht die Nachsuche auf Schalenwild, nimmt aber nicht an der Jagd selbst teil. In einem Land wie Deutschland, wo ganzjährig gejagt werden kann, - wenn natürlich auch nicht auf alle Wildarten - leidet der Spezialist wohl nicht an Arbeitslosigkeit. Anders die Situation in Italien, wo die Jagdsaison für den einzelnen Jäger auf 55 Tage beschränkt ist und die selektive Ansitzjagd dem selecontrollore nur wenige ergänzende Tage außerhalb der regulären Jagdsaison einbringt. Da stellt sich die Frage, lohnt es sich überhaupt, einen Schweißhund zu erwerben und auszubilden, der am Ende vielleicht nur wenige Male im Jahr zum Einsatz kommt?

      Gabriella Rubicondi: „In Italien haben wir wesentlich weniger Jagdtage als in Deutschland, aber es fehlt bei den Jägern, vor allem innerhalb der Schwarzwildjägervereinigungen, die Nachsuchen-Ethik. Folglich gäbe es viele potenzielle Einsatzmöglichkeiten, die aber nicht stattfinden. Das Verhältnis von Zeit, die man in die Ausbildung investiert, und Zahl der Nachsuchen, würde die Anschaffung eines Spezialisten sicher nicht rechtfertigen. In Genua war ich glaube ich die zweite Person, die einen Schweißhund erworben und ausgebildet hat und ich habe es nie bereut, auch wenn die Verwendung nie intensiv gewesen ist. Schweißhunde sind einmalig, sowohl wegen ihres Charakters, als auch wegen ihrer Arbeitsweise. Mein Motto war von Anfang an: „Wer nie einen Hannoveraner hatte, weiß gar nicht, was es heisst, einen Hund zu haben.“ Sie nehmen von deiner Seele Besitz, werden Teil von dir und du von ihnen, du willst nicht mehr ohne einen Vertreter dieser Rasse sein, unabhängig von ihrem Einsatz.“ 

Gabriella Rubicondi mit ihren beiden Hannoverschen Schweißhunden.

    Wie viele Schweißhundeführer gibt es derzeit?

    Gabriella Rubicondi: „Die genaue Zahl für Ligurien oder gar ganz Italien kenne ich nicht, aber in Ligurien sind wir gewiss nicht viele. In der Provinz Genua dürften wir insgesamt 10-12 sein. Aber qualifizierte Leute ohne Hund gibt es wesentlich mehr, denn viele haben den Schweißhundeführerkurs nur aus Neugier mitgemacht.“

   Die Schweißhundeführer, die ich hier bei uns in Pavia persönlich kenne, beklagen allesamt das Widerstreben der Jäger, ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen. Statt ein Nachsuchengespann anzurufen, tun die Schützen lieber so, als sei nichts gewesen, das verletzte Stück verendet irgendwo jämmerlich und der selecontrollore versucht sein Glück anschließend einfach noch mal. Ist unsere Jagdzone in Pavia die Ausnahme von der Regel oder gibt es diese Einstellung auch anderswo?

   Gabriella Rubicondi: „Ich kann, was du berichtest nur bestätigen. Ich bin sicher, dass es auch bei uns in Genua so läuft, denn die Anrufe zum Einsatz bei angeschossenem Wild oder zur Überprüfung des Schusses sind wirklich wenige. Und was die Verkehrsunfälle mit Wild angeht nehme ich an, dass die Leute nicht einmal wissen, dass sie jemand anrufen können, um das verletzte Tier zu suchen. Deshalb wird oft totes Reh- und Damwild im Wald nahe des Straßenrandes gefunden, vorausgesetzt natürlich, dass die Wölfe es nicht vorher finden.“    

    Ich kann wiederum nur von meiner Gegend sprechen, aber hier sind die Kontrollen durch Jagdaufseher und andere Autoritäten dermaßen selten und oberflächlich, dass der selecontrollore (oder der Wilderer) wirklich nichts zu fürchten hat. Wenn also nicht die Gefahr einer Strafe besteht, wie könnte man die Jäger überzeugen, ihr Verhalten zu ändern?

     Gabriella Rubicondi: „Meiner Ansicht nach müsste es sowohl bei der selektiven Jagd als auch bei der Schwarzwildjagd mehr Strenge und mehr Kontrollen seitens der zuständigen Stellen geben, aber vor allem eine Ethik seitens der Jäger. Jagd sollte Respekt für die Umwelt und das zu jagende Wild bedeuten, aber leider, vielleicht weil es bis vor kurzem Sauen im Überfluss gab, kam es auf ein Stück mehr oder weniger nicht an, und der Schütze überprüfte seinen Schuss nicht.“ 

Vor allem die Schwarzwildjäger machen selten eine Nachsuche.

    Welche der drei Schweißhunderassen wird von den Führern bevorzugt und welche anderen Rassen werden außerdem eingesetzt?

   Gabriella Rubicondi: „Hier bei uns arbeitet man mit allen drei Rassen und dem rauhaarigen Teckel. Ich persönlich bevorzuge die Hannoveraner, denn sie sind methodischer und ruhiger auf der Fährte, aber natürlich bin ich voreingenommen und möchte den anderen Rassen ihre Qualitäten nicht absprechen. Mitunter versucht sich auch jemand als Schweißhundeführer mit einer Schwarzwildbracke, aber oft kommt bei der Nachsuche dann nichts heraus.“ 

    Gibt es Regionen oder Provinzen, die sich für den Einsatz von Schweißhunden besonders stark machen?

    Gabriella Rubicondi: „Ich kann mit Gewissheit sagen, dass Toskana, Emilia-Romagna, Venetien und Trentino – Südtirol in Sachen Nachsuche sehr viel aktiver sind, weil die Provinzen selbst sich dort für die Nachsuche mit dem Schweißhund einsetzen, etwas, das in Ligurien nie passiert ist. Ich habe unsere Gruppe ins Leben gerufen, um den Schweißhund zu fördern, aber nur mal so zur Information: als wir im gesamten Bereich des Jägersfests in Caselle (Genua) Handzettel aufgehängt haben, um die Jäger zu einer kleinen Zusammenkunft zum Thema Schweißhund einzuladen, sind zwei, drei Personen gekommen, selecontrollori, die die Hunde bereits kannten und in der Vergangenheit Gebrauch von ihnen gemacht hatten. Ansonsten ist niemand erschienen. Das zeigt, wie viel Interesse die Jäger in Genua haben. Es ist auch oft genug passiert, dass Jäger, die meinen Hund sahen fragten, was für ein Mischling das denn sei. Und wenn ich sie aufklärte, sagten sie: ah, solche Hunde habe ich noch nie gesehen.“

Oben: Alpenländische Dachsbracke.
Lks: Bayrischer Gebirgsschweißhund.

     Existiert eine Statistik oder zumindest eine Schätzung, welche Schalenwildarten am häufigsten nachgesucht werden?

....Gabriella Rubicondi: „Statistiken haben wir keine, aber auf der Basis der durchgeführten Nachsuchen sind es Reh- und Damwild. Was Sauen angeht, ruft nie jemand an, außer den beiden Jagdtourismusbetrieben mit denen ich zusammenarbeite.“

    Wenn man die Alpengebiete einmal ausklammert, hat die Nachsuche auf Schalenwild ja  keine lange Tradition in Italien. Wie entwickelt sich dieser neue Aspekt der Jagd ganz allgemein?

    Gabriella Rubicondi: „Aus meiner Perspektive nimmt das Interesse der selecontrollori, aber nicht der Schwarzwildjäger, zu, denn inzwischen sieht man weniger Wild als früher, auch dank des Wolfes, der in unserer Gegend zahlenmäßig erheblich zunimmt, wie sogar die Institutionen endlich erkannt haben, und folglich muss man als selecontrollore öfter als sonst hinausgehen; ein Stück dann mittels Nachsuche zur Strecke zu bringen bedeutet, den Abschussplan zu erfüllen.“

    Welche Hunde führst du und wie viele Nachsuchen machst du im Laufe des Jahres?

    Gabriella Rubicondi: „Ich hatte seit 1998 immer Hannoversche Schweißhunde, zur Zeit eine Hündin aus der Blutlinie von Afra und einen Rüden. Hauptsächlich setze ich die Hündin Bea ein, die inzwischen 9 Jahre alt ist, und sehr tüchtig und akribisch auf der Fährte arbeitet. Wie ich schon sagte machen wir nicht sehr viele Nachsuchen, vielleicht zehn in einer Jagdsaison, aber ich arbeite eben auch mit einem Jagdtourismusbetrieb zusammen, der mich anruft, wenn es ein verletztes Stück zu suchen gilt.“

Waidmannsheil.

Gab es Nachsuchen, die dir besonders im Gedächtnis geblieben sind?

Gabriella Rubicondi: „Die Nachsuche, die mir die größte Befriedigung verschafft hat, fand vor etwa einem Jahr in dem Jagdtourismusbetrieb im Piemont statt. Geschossen hatte man eine Sau, als es schon fast dunkel war und regnete. Die Nachsuche begann morgens gegen halb 9, nach einer ganzen Nacht mit sintflutartigen Regenfällen. Der Begleiter des Jagdgastes führte uns zum vermeintlichen Anschuss, der am Abend zuvor bei Dunkelheit und strömendem Regen vom Hochsitz aus circa 200 Meter entfernt festgestellt worden war. “Ja,“ sagte er, „hier müsste es ungefähr gewesen sein.“ Ich nahm Bea am Schweißriemen und merkte sofort, dass sie auf die angegebene Stelle überhaupt nicht reagierte, sondern nach weiter unterhalb gehen wollte, und nachdem sie dort  einen weiten Bogen geschlagen hatte, schien sie die Fährte aufzunehmen. Hinter mir flüsterte der Begleiter: „Ja, genau, da ist das Wildschwein her gegangen.“ Gut, dachte ich, fangen wir an zu suchen. Wir waren erst seit ein paar Minuten unterwegs und schon klitschnass bis zur Gürtellinie, Bea verfolgte weiterhin die Fährte, führte uns durch einen regelrechten Sumpf, der sich wegen des vielen Regens, der nachts gefallen war, gebildet hatte, dann Richtung Wald, immer geradeaus, schließlich zu einem Bach, den sie überquert, 100 m weiter und dort blieb sie stehen. Nach einem Moment kam sie zurück, über den Bach, und ging dieselbe Strecke ab, die wir schon gemacht hatten, bis hin zum Anschuss. Das wird wohl nichts, dachte ich, aber ich hatte auch gelernt, dass man dem Hund vertrauen muss, denn schließlich hat er die Nase, nicht wir. An dem Punkt, den sie selbst anfangs als Anschuss angezeigt hatte, startete Bea erneut, ging in dieselbe Richtung wie beim ersten Mal, aber nun wendete sie sich kurz vor dem Bach nach rechts und stieg zu einem Wildwechsel hinauf, der von Trittsiegeln und Schwarzwildfährten übersät war. Wieder dachte, wir schaffen es nicht, und genau in dem Moment bog die Hündin Richtung Wald, stellte die Nackenhaare auf und knurrte. Also schnallte ich sie, sie rannte los und nach rund 50 Metern konnte ich sie nicht mehr sehen, aber hörte ihren Standlaut. Schließlich kam sie zurück, bereit, mich zum Stück zu führen. Als wir beim Wild ankamen, fanden wir es mehr tot als lebendig, fast ausgeblutet vom dem Schuß, der ihm beide Hinterläufe zertrümmert hatte. Es wurde von seinem Leiden erlöst. Mittlerweile war es Mittag, wir waren unvorstellbar nass, aber glücklich, unsere Mission erfolgreich beendet zu haben. Weidmannsheil!
Ich hatte Bea zuvor noch nie so arbeiten gesehen; ihre Einsatzbereitschaft und sture Entschlossenheit waren die Gaben, die mir klar gemacht haben, wie herausragend unsere Hunde sein können. Eigentlich bin ich es nicht gewöhnt, die Fähigkeiten meiner Hunde öffentlich zu loben, aber in dem Falle war ich selbst begeistert. In Erinnerung an Beas Großmutter, Afra, meine erste Hündin, dachte ich: der Apfel fällt eben nicht weit vom Stamm.“

Gabriella Rubicondi und Bea.

(c) Text: 2019
Fotos: Gabriella Rubicondi 1, 5, 7, 8, 9, 12, 13; Sabine Middelhaufe 2, 3, 4, 6; H. Wecker 10; Anita Züsli 11.

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