Winter

Was der Hund Ihnen zeigen kann

Wildtiere, die den Winter nicht im sonnigen Süden verbringen oder im eigenen Heim komplett ver-schlafen, bewegen sich natürlich, und dabei hinterlassen sie garantiert Spuren. Dank seiner wunder-baren Spürnase entgeht Ihrem Vierbeiner rein gar nichts. Schauen Sie mal, was er da ganz konzen-triert begutachtet: die klassische Schnürspur des Fuchses im Schnee, oder ein paar Trittsiegel vom Wildschwein, den unverwechselbaren Fußabdruck von Meister Dachs oder dem flinken Marder? Mag aber auch sein, daß Schnee oder Schlamm ihm zeigen, wo Iltis, Eichhörnchen, Reh, Hirsch und Hase entlang gegangen sind. Und wenn Sie in einem der Bundesländer leben, wo der fast Cocker große Waschbär sich niedergelassen hat oder der Marderhund, findet Ihr Freund vielleicht auch deren Fußabdrücke!

Während Sie solche Spuren auf Anhieb sehen, müssen Sie bei subti-leren Hinweisen schon genauer hinschauen, denn in dem kargen Dorn-busch, den Ihr Freund so aufmerksam beriecht, sind vielleicht einige Haare hängengeblieben, etwa vom Reh oder Hasen.
Malbäume, die man so nennt, weil sich Wildschweine nach dem Suhlen genüßlich daran reiben, bieten auch gute Chancen, in der angetrock- neten Schlammschicht etliche Borsten zu finden, problemlos zu iden-tifizieren an ihren gespaltenen Spitzen.
Noch spannender wird die Angelegenheit bei den Fraßspuren. Nicht jeder Hund ist freilich so verrückt nach Mäusen, daß er angeknabberte Wildäpfel, Nüsse, Kastanien, Äste usw. mit eifrigem Wedeln anzeigt. Vögel, die sich winters an Hagebutten, Schlehen und übrig gebliebenen Beeren, an Tannenzapfen und Grassamen gütlich tun, hinterlassen deut-

liche Spuren an den Früchten und ggf. Geläufe auf demSchnee; wollen wir nur hoffen, daß Kohlmeisen, Drosseln, Rotkehlchen, Krähen & Co. Ihrem Scout nicht schnuppe sind. Was Sie natürlich nicht daran hindern sollte, trotzdem darauf zu achten!
Eichhörnchen nun wieder haben für die allermeisten Hunde einen herrlich "wilden" Geruch, weshalb Ihr Begleiter Sie höchstwahrscheinlich mit Elan zu deren Trittsiegeln und Futterplätzen führt. Das gleiche gilt für die unübersehbaren Nagespuren etwa der Kaninchen, die die unteren Bereiche von Bäumen und Sträuchern systematisch angeknabbert haben, und erst recht für die tiefen Rinnen, die die Wildschweine auf Nahrungssuche in Wald, Wiese und Acker hinterlassen.
Nach dem Schmausen muß man verdauen, und die dabei entstehenden Hinterlassenschaften findet Ihr Vierbeiner äußerst anziehend. Vom Rot,- Dam- und Rehwild findet man typische, mehr oder minder ei-chelförmige Kotpillen, beim Hasen und Kaninchen sind sie fast rund; der Fuchs benutzt seine "Ge-schäfte" gleichzeitig als Reviermarkierung, weshalb Ihr Hund die "Würstchen" mit der lang ausgezo-genen Spitze mühelos entdeckt. (Vorsicht allerdings, wenn die Füchse in einem Gebiet Tollwut gefähr-det sind oder den für Sie extrem gefährlichen Fuchsbandwurm übertragen können! Dann ist die Zone für Expeditionen aber ohnehin ungeeignet!)
Manche Wildtiere legen in weiser Voraussicht Vorrats-lager für den Winter an; vielleicht finden sie nicht jede Speisekammer wieder (oder zumindest nicht unangetastet), aber dort, wo sie tatsächlich ihre Mahlzeit abholen, bleiben stundenlang geruchliche Spuren "hängen", die Ihr Hund wittert und anzeigt, und die Sie vielleicht mit dem Auge ausmachen können.

Selbstredend gehört auch das Ausruhen zum Alltag dazu. Den derzeit bewohnten Fuchs- oder Dachs-bau weist Ihnen Ihr Spurensicherer mit ziemlicher Gewißheit, und wo sich etwa Reh und Hase zum Schlafen niedergelegt haben, kann er erschnüffeln, und Sie mit bloßem Auge sehen, von den Kolonien der Wildkaninchen ganz zu schweigen.
Möglicherweise lotst Ihr Hund Sie gelegentlich auch zu den Opfern eines strengen Winters; hier eine tote Maus, dort ein toter Vogel; oder er findet die nur noch kargen Beutereste, die Fuchs oder Greif-vogel zurückgelassen haben.
So ein winterlicher Inspektionsgang sagt Ihnen immerhin schon mal, welche Wildtiere sich in der Ge-gend aufhalten, und je firmer Sie und Ihr tüchtiger Helfer dabei werden, Spuren zu finden und richtig zu bestimmen, desto interessanter wird die ganze Angelegenheit.

Worauf Sie selbst achten müssen
Anhand von Form und Machart lassen sich Nester den verschiedenen Vogelarten zuordnen, und um sich erst einmal einen Überblick über in der Umgebung nistende Arten zu verschaffen, ist keine Zeit bes-ser geeignet als der Winter mit blattlosen Bäumen, Hecken, Sträuchern und kahlen Teichufern.
Wofür Sie sich ebenfalls nicht auf die gute Nase Ihres Hundes verlassen können, ist das erste Spries-

sen der Wildblumen zum Ende der kalten Jahreszeit: die unverwüstliche Primel legt ihre gelbes Blütenkleid wieder an sobald der Frost nachläßt, und je nach Region können Sie bald auch wilde Krokusse begrüßen, kurz: der Frühling ist im Anmarsch, und nun hat Ihr vierbeiniger Begleiter bald ganz neue Dinge anzuzeigen.
.

Projektideen
Mit dem Hund durch Wald und Feld zu stöbern macht immer Spaß, klar, aber noch viel spannender ist es, wenn Sie bisweilen ein klares Ziel vor Augen haben. Zum Beispiel könnten Sie, mit Kamera, Notiz-buch und Schreiber ausgestattet, beim Spaziergang festhalten, welche Säugetiere und Vogelarten in Ihrer Gegend (im Wachzustand) überwintern. Trittsiegel, Losung (= Kot des Wildes und des Hundes, außer bei Greifvögeln und Reihern), Geschmeiß (= Kot von Greifvögeln und Reihern) und Fraßspuren geben Ihnen ja genaue Auskunft darüber, und ab und zu haben Sie vielleicht auch das Glück, ihre Ver-ursacher in persona zu sehen!

Was ist im Winter draußen sonst noch los?
Oh, eine ganze Menge! Füchse sind im Januar/Februar brünstig, was ziemliche Unruhe in die örtliche Population bringt. Um die Tiere beim Flirten und Toben auf mondbeschienenen Schneeflächen zu sehen, müssen Sie sich freilich im Dunkeln auf die Lauer legen, obwohl Einzelsichtungen auch bei Tage möglich sind.
Etwa im Februar beginnt auch die rund acht Monate währende Paarungszeit der Wildkaninchen und Feldhasen, deren Verfolgungsspiele und Boxkämpfe unbedingt sehenswert sind.
Dachsmütter hingegen können im Januar bereits Nachwuchs bekommen, dann auch die Häsin (ungefähr ab Ende Februar) und ab März bringt Mutter Fuchs ihre Welpen zur Welt, bei der Aufzucht der Kleinen bisweilen tatkräfig vom Rüden unterstützt.
Die meisten Frischlinge werden zwischen Februar und April geboren, und dann nehmen die besorgten Mütter Störungen extrem übel, aber darauf gehen wir gleich noch genauer ein.
Für Wildkatze, Marderhund und Waschbär sind Februar und März die Hochzeitsmonate, und auch der hübsche Hermelin kümmert sich gegen Winterende um die Fortpflanzung.
Das ist zwar noch längst nicht alles, was winters im Tierreich passiert, wir wollen es aber für den Moment dabei bewenden lassen.

Spuren, Fährten und Geläufe
Klären wir erst einmal die Begriffe gemäß der Definition, die die Jäger benutzen.
Spur: aufeinanderfolgende Abdrücke der Füße von allem Haarwild, das keine Schalen (= Hufe) hat, außer von Bär, Luchs und Wolf. Im weitesten Sinne: alle wahrnehmbaren Hinweise, auf die Gegenwart eines Tieres, also Fuß- und Fraßspuren, Kot, Baue usw.
Fährte: aufeinanderfolgende Abdrücke von Schalen bei allem Schalenwild, der Pranken von Bär, Wolf und Luchs sowie der Trappe und des Auerwildes.
Geläuf : aufeinanderfolgende Abdrücke der Füße von allem Federwild, außer von Trappe und Auerwild.
Trittsiegel: Tritt von Schalenwild, der sehr deutlich zu sehen ist. Im weitesten Sinne: deutlicher ein-zelner Fußabdruck eines jeden Tieres.

Spuren, Trittsiegel und Geläufe

Neuschnee ist wunderbar dazu geeignet, Sie in die Kunst des Fährtenlesens einzuweihen, weshalb es sich empfiehlt, mit einem guten Naturführerbüchlein bewaffnet, erste Erfahrungen zu sammeln. Anhand klarer Trittsiegel (und guter Abbildungen in Ihrem Büchlein) wissen Sie bald Schwarzwild von Rothirsch oder gar Reh zu unterscheiden, verwechseln den Pfotenabdruck eines kleinen Hundes nicht mehr mit dem des Fuchses, haben sich die charakteristischen Fußspuren von Dachs, Hase und Eichhörnchen eingeprägt und freuen sich bei jedem neuen Ausgang auf kompliziertere Spurenrätsel. Geläufe, also die Trittfolge von Vögeln, bieten dazu reichlich Gelegenheit. Eine Herausforderung mag es auch sein, der Spur von Fuchs und Dachs ein ganzes Stück zu folgen, und darüber nachzusinnen, ob Reineke beim Stop am Mauseloch wohl Beute machen konnte, und wieso der Dachs es ab einem bestimmten Punkt auf seiner Route plötzlich so eilig hatte...

Paarung, Tragezeit und Geburt
Wie wir vorhin schon sahen ist der Winter für etliche Tierarten die Zeit der Brunst und Geburt ihrer Jungen. Im Gegensatz zu Ihrem Hund und Ihrer Mieze daheim, mögen es Wildtiere überhaupt nicht, bei der lebenswichtigen Aufgabe der Fortpflanzung gestört zu werden. Machen Sie es sich deshalb zur eisernen Regel, durch Ihre fröhlichen Ausflüge mit Freund Hund werdende Tiermütter nicht zu beunruhigen oder gar zur kräftezehrenden Flucht zu nötigen, Kinderstuben weiträumig zu umgehen, und natürlich Ihren Scout in kritischen Zonen ggf. an der Leine zu führen. Mit einem guten Teleobjektiv, Geduld, Beobachtungsgabe, kluger Berechnung der Windrichtung und ein bißchen Glück werden Sie trotzdem wunderschöne Fotos von Ihren Exkursionen nachhause bringen!

Was tun, wenn Sie verletzte, kranke oder tote Tiere finden?
Sollte Ihr Hund Sie zu einem toten, verletzten oder deutlich kranken Reh, Hirsch, Wildschwein usw. führen, dürfte Ihnen das Forstamt für die sofortige Meldung dankbar sein. Bei Sichtung eines Fuchses mit einem der drei genannten Merkmale bedenken Sie bitte ggf. die Gefahr von Tollwut und Fuchs-bandwurm und halten Sie - vor allem in gefährdeten Gebieten - Ihren Vierbeiner und sich selbst un-bedingt vom Wildtier fern. Eine Anzeige beim Forstamt ist wiederum vernünftig.

Um eine dahingeschiedene Spitzmaus oder ein erfrorenes Rotkehlchen wird, traurigerweise, wohl nie-mand eine Träne verlieren (außer Ihnen vielleicht). Lassen Sie sie ruhen wo sie liegen, denn mit Gewiß- heit wird alsbald jemand auftauchen, der sie verspeist und damit Energie auftankt, um dem Winter zu trotzen.

Karten zur besseren Orientierung
Wenn Sie an der "Spurensicherung" erst mal richtig Geschmack gefunden haben und praktisch jeden Tag mit Ihrem Vierbeiner losziehen, um Neues zu erforschen und Bekanntes zu bestätigen, verlangt die Flut an Daten regelrecht nach einer geeigneten Karte, um Funde und Sichtungen dort exakt zu ver- merken. Beschaffen Sie sich also bei Zeiten, etwa im Gemeindeamt, eine Karte Ihrer Umgebung. Im Bedarfsfalle können Sie sie ja auf brauchbaren Maßstab vergrößern und dann mehrfach kopieren: ein Exemplar begleitet Sie draußen, die anderen benutzen Sie zuhause, um für jede Tierart, die reichlich Spuren beschert, ein eigens Blatt anzulegen, auf dem Sie haargenau festhalten, mit Datum, Uhrzeit und Wetterbedingungen, wo Trittsiegel, Fraßspuren, Haare oder was es auch sei, gefunden wurden.

Naturschutz
Viele wildlebende Tiere müssen heute leider unter Schutz gestellt werden. Andere entwickeln sich ortsabhängig zu echten Landplagen. Finden Sie doch einmal heraus, ob ein paar dieser Arten auch in Ihrer Gegend leben, und überlegen Sie, ob Sie und Ihr Vierbeiner sie je direkt gesichtet, oder anhand von Trittsiegeln, Losung und Fraßspuren indirekt entdeckt haben!



Alle Fotos: Sabine Middelhaufe

(c) Text: Februar 2006
home Seitenanfang weiter zurück