Frühling

Was der Hund Ihnen zeigen kann

Der Frühling ist die große Zeit des Nachwuchses. Überall regen sich jetzt Jungtiere. Fuchswelpen be-ginnen schon bald neugierig die Höhle zu verlassen und toben vorm Bau. Die spätreifen Dachse fangen ebenfalls allmählich an, die große, weite Welt zu erkunden.
Mutter Waschbär wirft jetzt ihre meist 3
bis 4 Kinder, Hermeline kommen zur Welt, und zwar weiß, Mauswiesel und Iltis, Stein- und Baummarder, Biber und Fischotter vergrößern im April und Mai ihre Familien, während die im März geborenen Eichhörnchen mit acht Woch-en bereits selbständig sind. Vögel brüt-en an geeigneten und (leider) gänzlich ungeeigneten Stellen, weshalb Sie be-sonders gut auf "klug getarnte" Boden-nester achten, ihre Präsenz auf der Kar-te sorgsam festhalten, und die Gegend für die nächste Zeit lieber nur noch aus


der Ferne beobachten. Zum Frühlingsende finden sich eine Menge leerer Eierschalen. Um festzustellen, ob ein Vögelchen munter ausgeschlüpft ist oder Opfer eines Feindes wurde, müssen Sie die Schalen nur genau untersuchen: ging alles mit rechten Dingen zu, sind die Schalen innen sauber und die feine Haut in der Eierschale ist nach innen gerollt.
Im Mai/Juni schließlich werden auch die Kitze von Reh und Rothirsch geboren. Für Ihren Scout ist das
Frühjahr die Zeit der Großen Versuchung, und für Sie die Zeit der Großen Achtsamkeit! Viele Jungtiere sind noch nicht schnell und clever genug, um vor einem Feind zu flüchten, und manche Mütter bzw. Eltern nehmen Störungen zum Anlaß, ihre Nachkommen aufzugeben. Also bitte den gebotenen Abstand halten! Und Ihren Vierbeiner an der Leine, sofern Sie seines

absoluten Gehorsams beim Anblick flüchtenden oder sich versteckenden Wildes nicht vollkommen sicher sind. (Mit dem Zoom der Kamera kommen Sie ja trotzdem auf Ihre Kosten!)
Kaum daß das Eis auf Tümpeln und Weihern geschmolzen ist, hüpfen Kröten und Frösche zu ihren Laich-plätzen. Daß ein Hund und sein Mensch ihnen bei der Unterwasserpaarung zuschauen, stört sie nach meiner Erfahrung nicht im mindesten. Höchst ungehalten reagieren Erdkröten allerdings auf die vor-witzige Annäherung einer Hundeschnauze auf dem Trocknen. Das Gift der unzähligen Drüsen auf ihrer warzigen Haut ist leicht genug, aber doch äußerst unangenehm für die
Schleimhäute, die allsogleich eimerweise schäumenden Speichel produzieren und einen ziemlich verwirrten Hund hinterlassen…
Der intensive, charakteristische Maggi-Geruch des Wildschweins kann der Hundenase unmöglich ent-gehen. Wenn sogar Sie ihn riechen, heißt das allerdings, daß Sauen in der Nähe sind, und dann ist Vor-sicht geboten! Schweinemütter vergessen jegliche Vernunft, wenn sie ihre Frischlinge in Gefahr glauben und greifen alles an, was der Kinderstube und den gestreiften Kleinen absichtlich oder ohne es zu ahnen zu nahe kommt. Ein Hund muß schon ganz schön schnell und geschickt im Ausweichen sein, um so einem zornschnaubenden Kraftpaket zu entwischen. Auch Sie tun im Falle eines Angriffs gut daran, zu sprinten. Stillstehen hat keinen Sinn, das ist jedenfalls meine Erfahrung, und mörderisches Gebrüll auch nur dann, wenn die Sau Sie eigentlich schon weit genug von ihren Sprößlingen entfernt glaubt. Wohlgemerkt geben Wildschweine normalerweise Fersengeld, um dem Menschen und seinem vierbein-igen Begleiter auszuweichen. Nur wenn die Frischlinge noch zu klein sind, um beim mütterlichen Spurt mitzuhalten, geht die Sau - verständlicherweise - auf Störenfriede los.
Ich kenne viele Jagdhunde die ganz instinktiv auf die Saujagd verzichten. Sie verweisen die Borsten- tiere zwar aus sicherer Distanz auf ganz unverwechselbare Weise, mehr aber nicht. Sollte Ihr Scout hingegen (noch) Jagdgelüste beim Wittern von Schwarzwild demonstrieren, kommt er speziell in dieser Jahreszeit besser an die Leine, sobald sie "schweinernes" Territorium betreten.

Trittsiegel Wildschwein
Malbaum
Suhle
Borsten
Mit dem Trittsiegel der Sauen haben Sie sich im Winter ja schon vertraut gemacht. Also können Sie nun versuchen anhand der Größe, Tiefe und Fährte zu bestimmen, welcher Gangart sich das Wildschwein bediente, wieviele junge Begleiter es hatte, ob jemand am Wegesrand oder auf dem Feld nach Futter gegraben hat uvm. Auch den Suhlen und Malbäumen werden Sie jetzt einen differenzierteren Blick gönnen: vielleicht läßt sich aus der Feuchtigkeit der Schlammspur, die aus der Suhle führt, feststellen, wann das badefreudige Borstentier dort war. Sofern auch die neue Schlammschicht am Malbaum noch frisch ist, läßt sich an ihrer Höhe, vom Boden aus gemessen, sogar die Rückenhöhe des Verursachers ablesen.
Eidechsen und Schlangen kommen im Frühjahr auch wieder zum Vor-schein, und zumindest die Erstgenannten stellen für Hunde sehr auf-reizende, wenn wohl auch wenig duftende Zeitgenossen dar. Wirft die panische Eidechse zur Verwirrung ihres Feindes dann auch noch den Schwanz ab, der minutenlang am Boden weiterzappelt, geraten noch unerfahrene Hunde geradezu in Ekstase angesichts dieses "herrlichen Spielzeugs". (Übrigens wächst dem armen Echslein der Schwanz wie-der nach!) Eidechsen zu jagen ist aber aus verschiedenen Gründen üb-erhaupt keine grandiose Idee, denn u.a. kann es den Hund dazu ver-führen, auch Schlangen anzugreifen. Handelt es sich dabei um Vipern, die ihrerseits den Feind blitzschnell attackieren, kann der giftige Biß den Vierbeiner das Leben kosten; Sie übrigens auch!
Worauf Sie selbst achten müssen
Im Laufe des Frühlings kehren auch die Insekten zurück. Und bittschön, nicht nur farbenprächtige Schmetterlinge sind fotogen! Auch der "kapitale" Hirschkäfer verdient Beachtung, Larven und Raupen, Spinnen und ihre fantastischen Netze, Ameisen, farbenfrohe Wanzen uvm.

Ihr Vierbeiner tut alles in allem gut daran, Insekten zu ignorieren, denn wilde Bienen und Wespen sind kampfbereite Kontrahenten, und andere Arten haben schon genug eigene Sorgen - sie brauchen nicht auch noch einen übermütigen Hund, der ihnen nachstellt.
Gegen Frühlingsende können Sie an Trieben, Blättern und Knospen diverser Bäume, Sträucher und Kräuter die absonderlichsten Auswüchse entdecken: das sind die Gallen. An Eichen, Weiden, Ulmen und Hundsrosen findet man sie besonders oft, und verursacht werden sie z.B. von Gallwespen,- mücken,- läusen- und milben. Die Weibchen dieser Insektenarten legen ihre Eier per Einstich ins Gewebe der Wirtspflanze und rufen dadurch das Wachstum jener seltsamen Wucherungen hervor. Im Innern der Wucherung, also der Galle, wird dann zur rechten Zeit der Insektennachwuchs geboren. Genial, nicht wahr? Dem befallenen Pflanzenteil scheint die Sache übrigens in der Regel nicht zu schaden.

Gallen

Das, was auf den ersten Blick wie Spucke auf Halmen und Büschen erscheint, sind in Wahrheit die Lar-ven der Schaumzikaden, kleiner, graubrauner Insekten, die ihren Nachwuchs in den Schaumbällchen vor diversen Parasiten und vor allem vorm Austrocknen sicher wissen!
Was bei mildem Wetter zum Winterende begann, ist nun nicht mehr zu bremsen: das Erblühen von Wildblumen und Sträuchern nämlich. Nehmen Sie es Ihrem Begleiter aber nicht übel, daß er den strah- lenden Weißdornbusch bestenfalls zum Beinheben benutzt….

Projektideen
Bestimmt gibt es in Ihrem Expeditionsgebiet Teiche, Tümpel, Wassergräben und Pfützen. Falls Sie die kurze Paarungszeit der Frösche und Kröten (je nach Region und Witterung zwischen Mitte Februar bis Mitte Juli) verpaßt haben, sagt Ihnen die Art des Laichs, der nun auf der Oberfläche treibt dennoch, wer da auf künftige Nachkommen hofft. Die enorme Anzahl von Eiern in den Laichballen bzw.-schnüren

ließe vermuten, daß es in der Umgeb-ung von Fröschen und Kröten nur so wimmelt. Tatsächlich aber ist es heutzutage fast ein Glückstreffer diese Tiere einmal zu Gesicht zu be-kommen. Was also geschieht mit all den Eiern, bevor sie sich zu Kaulquappen
Frosch
Frosch- und Krötenteich
Kaulquappen

verwandeln können? Und wieso wächst auch nur ein ganz kleiner Teil von letzteren zu fortpflanzungsfähigen Tieren heran? Gehen Sie der Geschichte doch mal auf den Grund!

Was ist im Frühling draußen sonst noch los?
Die Zugvögel kehren ungefähr im April aus ihren Winterquartieren zurück, und die ersten Kuckucks-rufe erschallen. Im Mai sind die Igel brünstig, und wenn Sie Glück haben, können Sie zur Nacht ihr lautes Grunzen hören. Bei den Schlangen ist Paarungszeit und auch die alte Haut wird im Frühsommer abgestreift. Fledermausbabys werden geboren, Schwalben und Mauersegler brüten unter Dachränd-ern, in Ställen oder wo immer man ihnen heutzutage noch Gastfreundschaft gewährt.


A
meisen
Meine Springer Spaniel Hündin Giada konnte als Welpe Ewigkeiten ganz verzückt vor Ameisenhaufen verbringen und das Kommen, Gehen und Werkeln der riesigen Wald-ameisen betrachten. Allerdings erst nachdem sie mehrmals schmerzlich erfahren hatte, daß die flinken Krabbeltiere einem gnadenlos ins Maul beißen, wenn man versucht sie zu fangen. Folgen Sie ihrem Beispiel des Schauens ruhig mal - es lohnt!


Gewölle
Auch im Frühling wird gefressen und folglich verdaut. Richten Sie Ihr Augenmerk doch jetzt einmal auf die Gewölle, die Ihr Hund anzeigt. Gewölle sind die Speiballen von Greifvögeln und Eulen, voll unverdaulicher Nahrungsteile wie Haare, Federn und Knöchelchen, und geben Ihnen, wenn Sie sie daheim sorgsam auseinanderpuhlen, genauen Aufschluß über das Menü des Verursachers. Anhand der winzigen Knochen können Sie nämlich mit Gewißheit feststellen, ob Maus, Käfer oder Singvogel auf dem Speiseplan stand.


Kräuter für Tee und Küche

Während der Rest der Familie vielleicht Ihre Verzückung ob heimgebrachter Eichengallen, Mauserfe-dern und Schlangenhäute nicht recht teilt, leuchtet die Nützlichkeit von Kräutern jedem ein. Nach ein-em herrlichen Spaziergang den honiggesüßten Tee aus selbst gesammelten Huflattichblüten zu schlür-fen tut Körper und Seele wohl. Die Blüten des bescheidenen Gänseblümchens sind nicht nur Farbtupfer im Grünen Salat, sondern außerdem gesund. Mit der allgegenwärtigen Brennessel oder dem überall zu

findenden Löwenzahn kann die ganze Familie eine rundum nützliche Frühjahrskur machen - gratis und ohne Gefahr schädlicher Nebenwirkungen. Blätter, Blüten (und später Früchte) vom Weißdorn sind wissenschaftlich anerkannte Herzstärker und mit Honig gesüßt ein schmackhafter Tee. Das gilt auch für die Blätter der Walderdbeere, der Brombeere und Heidelbeere. Hierzulande (Italien) essen wir die jungen Blätter vom Klatschmohn (bevor er die Blüte ausbildet) als köstlichen Salat. Die Blätter des Leimkrauts, wiederum bevor es die Blüte bildet, schmeckt wie Spinat zubereitet hervorragend. Mit Quark, Semmelmehl und Parmesan vermischt und nach Belieben gewürzt dient dieser Wildspinat bei uns als Ravioli-Füllung.
Jedenfalls, es lohnt bei Ihren Expeditionen auch bisweilen ein paar Heil- und Küchenkräuter zu pflük- ken, wo das problemlos möglich und erlaubt ist. Und ein hübscher Wildblumenstrauß auf dem Früh-stückstisch hebt Morgenmuffels Stimmung garantiert.

Zecken
Spätestens ab Frühlingsbeginn laufen Sie und Ihr Scout Gefahr, Zecken mit Ihrem Blut zu bewirten. In manchen Regionen ist das nur lästig, in anderen lebensgefährlich. Bitte informieren Sie sich deshalb unbedingt über die Lage in Ihrem Expeditionsgebiet!



Fotos: 1 Trixi Gollwitzer: Weimaraner Tibor; alle sonstigen Sabine Middelhaufe

(c) Text: Februar 2006
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