Der Pachón Navarro (Old Spanish Pointer)
von Anna Laukner

Die älteste Vorstehhundrasse der Welt – das soll er sein, der Pachón Navarro. Der legendäre Spanische Pointer, Vorfahr vieler europäischer Jagdhunderassen. Unverkennbar ist vor allem seine Verwandtschaft zum Englischen Pointer.
Lange war es still um den Pachón. Selbst in Spanien galt er als ausgestorben. In den letzten Jahren erlebte er in seinem Heimatland wieder einen starken Aufschwung – und trotzdem ist es gar nicht so leicht, etwas über ihn in Erfahrung zu bringen.
Legenden und Tatsachen vermischen sich bei der Entstehungsgeschichte alter Hunderassen. Zu spärlich sind handfeste Beweise, es gibt nur wenige Bild- und Textdokumente.
Festzustehen scheint, dass die Jagd mit Vorstehhunden in Zusammenhang mit dem Aufkommen der Falkenbeize steht, also schon einige Zeit vor der Erfindung der Schusswaffen betrieben wurde. Die Beizjagd war in Deutschland bereits im Mittelalter bekannt. Nach Spanien brachten sie die Mauren ab 710 n. Chr.
Die arabischen Jagdhunde waren und sind typische orientalische Windhunde, wie die seit Jahrhunderten unveränderten Rassen Sloughi, Azawakh und Saluki. Sie stehen höchstwahrscheinlich nicht in Zusammenhang mit der Entstehungsgeschichte des Pachóns. Selbst wenn die Mauren ihre Windhunde mit nach Spanien gebracht hätten: Die unterschiedlichen topografischen Verhältnisse auf der Iberischen Halbinsel (im Vergleich zu den Wüsten ihrer Heimat) hätte die „Brauchbarkeit“der orientalischen Hunde sicher in Frage gestellt. Deutlich anders in Typ und Temperament müssen die Hunde gewesen sein, die in Spanien bereits vor der Invasion der Mauren existierten und aus denen sich die ersten Vorstehhunde rekrutierten. Brackenähnlich, mit Hängeohren, Wamme, stabilem Körperbau und kräftigen Läufen. Allein schon das unterschiedliche Gelände mit dichterer Vegetation erforderte einen anderen Hundetyp als die sichtjagenden Windhunde.

Auch außerhalb Spaniens Grenzen beliebt: Der Pachón vor 200 Jahren
Die Behaarung der alten spanischen Hunde war kurz, seltener auch ein seidiges Langhaar, die Farbe überwiegend weiss mit orangefarbenen, schwarzen oder kastanienfarbenen Platten und Tüpfelung, mit oder ohne Brand. Einfarbig orangefarbene Hunde wurden ebenfalls beschrieben. An diesen Schlag erinnert heute die portugiesische Vorstehhunderasse Perdiguero Portugues.
Im 13. Jahrhundert wird die Existenz der vorstehhundartigen Pachónes in Spanien erstmals erwähnt.
Im 18. Jahrhundert erreichte schliesslich mit der Verbreitung der Feuerwaffen die Jagd mit Vorstehhunden einen Höhepunkt. Der Pachón wurde zum Jagdhund hochstehender und vermögender Persönlichkeiten. Man exportierte ihn in die verschiedenen europäischen Länder.
Spanische Vorstehhunde erscheinen auf den Gemälden spanischer Künstler wie Goya und Bayeu.
Als schliesslich die Niederwildjagd auch von der breiten bürgerlichen Masse betrieben werden konnte, stieg die Verbreitung der Pachónes rasch an.
1911 schliesslich, wurde die Rasse von der Real Sociedad Canina Central (RSCC) (dem offiziellen spanischen Dachverband der Hundezuchtvereine) anerkannt, die fortan sein Porträt im Emblem trug.
Der Rassename setzt sich zusammen aus dem Wort „Pachón“, mit dem dieser Hundetyp generell bezeichnet wird (vergleichbar mit dem französischen „braque“) und der Ortsbezeichnung „Navarro“ nach dem nordostspanischen Landstrich Navarra.
Früher sprach man vom Pachón Andaluz, dem Pachón Vitoria, dem Pachón Manchego und dem Pachón Portugues – je nachdem, wo die Hunde herkamen. Manche dieser Rassenamen blieben bis heute erhalten und werden für die verschiedenen Landschläge immer noch verwendet.

Die RSCC erkannte seinerzeit mit dem Pachón Navarro noch sechs weitere spanische Vorstehhundrassen offiziell an: Den Pachón de Vitoria, den Perdiguero, den Perdiguero de Burgos, den Perdiguero de Mallorca, den Gorgas de Alicante und den Barbas. Nur eine dieser Rassen ist übrigens heute noch offiziell durch die FCI anerkannt: der Perdiguero de Burgos, der heute als der Spanische Vorstehhund gilt.
Im letzten Jahrhundert starb die Rasse beinahe aus
Wann und warum der Pachón Navarro schliesslich im Verlauf des 20. Jahrhunderts einen so massiven Rückgang erlebte, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Der Spanische Bürgerkrieg in den 30er Jahren machte es sowohl der breiten Landbevölkerung als auch den Städtern unmöglich, nur zum Vergnügen zu jagen oder sich gar Vorstehhunde zu halten. Ein verheerender Myxomatose-Seuchenzug dezimierte dann in den 60er Jahren die Kaninchenpopulation gravierend. Und ohne zu jagendes Wild blieb kein Bedarf für die Jagdhunde...
Nicht vergessen darf man ausserdem, dass diverse ausländische Vorstehhunderassen seit einigen Jahrzehnten in Spanien sehr populär sind und die bodenständigen Rassen zusätzlich stark verdrängt haben: Englische Setter und Pointer, der Deutsch Kurzhaar und der Epagneul Breton sind auch heute bei spanischen Jägern sehr beliebt und weit verbreitet. Vor allem die Federwild-Spezialisten Pointer und Setter wurden nach dem Kaninchensterben in grosser Zahl importiert.
In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts schliesslich wurde der Pachón Navarro als ausgestorben erklärt.
Im Prinzip ist es einer Handvoll engagierter spanischer Jäger zu verdanken, dass der Bestand der Rasse heute als gesichert gilt. Allen voran die Züchterfamilie Contera engagiert sich seit 1978, den Pachon Navarro zu erhalten und zu verbessern. Hierbei wird grösster Wert darauf gelegt, die jagdlichen Eigenschaften der Rasse zu fördern. In ihren Anfangsjahren suchten die Anhänger auf der gesamten Iberischen Halbinsel nach typischen Rassevertretern, die sich in manch abgelegenen Gebieten erhalten hatten. Das Vorhaben erwies sich als ziemlich schwierig, denn viele Jäger hatten Pointer, Setter und andere Rassen in die alten Pachón-Linien eingekreuzt. Auch der Perdiguero Portugues - eigentlich ein direkter Nachfahre des Pachóns - erwies sich als nur begrenzt geeignet für den Wiederaufbau der Rasse; waren doch ein paar grundlegende Merkmale des alten Pachóns aus dem modernen Perdiguero Portugues herausgezüchtet worden: Die Scheckung, die schwarze und kastanienbraune Pigmentierung sowie die typische Spaltnase, die in dieser Form als Rassemerkmal auf der ganzen Welt einmalig beim Pachón Navarro vorkommt.
Der Pachón Navarro heute
Im Zuge der „Rettung“ wurde die „Asociación Nacional para la Recuperacíon del perro Pachón Navarro“ gegründet, die sich für Reinzucht sowie Erhaltung und Förderung der jagdlichen Eignung einsetzt. 2004 wurde der Pachón von der RSCE (dem spanischen Pendant zur SKG) national anerkannt.
Schlägt man heute spanische Jagdzeitschriften auf (von denen es eine ganze Menge gibt), so stösst man auf eine Vielzahl oft aufwändig gestalteter Annoncen von Hundezüchtern und -ausbildern. Auch der Pachón Navarro wird angeboten, und die Nachfrage scheint immer weiter zu steigen. Neben sehr engagierten Züchtern, die sich nur auf diese Rasse spezialisiert haben (wie dem Zwinger „Alajú“ der bereits erwähnten Familie Contera), bieten leider auch immer mehr Vermehrer neben Pointern, Englischen Settern, Epagneul Bretons, Deutsch Kurzhaar und weiteren Rassen Pachón Navarros an. Die seriösen Züchter warnen davor, sich von dubiosen Händlern Welpen mit der berühmten Spaltnase aufschwatzen zu lassen, die in Wirklichkeit Pointermischlinge aus nicht leistungsgeprüften Eltern sind.

Die viel gerühmten Eigenschaften des reinrassigen Pachóns sind es, die ihn für die Jagdverhältnisse des spanische Festlandes so geeignet erscheinen lassen. Er jage zuverlässig in jedem Gelände, eigne sich sowohl für Haar- als auch für Federwild (wobei als sein bevorzugtes Wild das Rebhuhn genannt wird) und besitze ein gelassenes Temperament. Man bezeichnet die Hunde seiner „Geschwindigkeitsklasse“ in Spanien als „trotadores“ (Traber), die sich von den schnelleren, aber auch hektischeren „galopadores“ (Galopper) unterscheiden. Dieser gemächlichere Trabstil mit nur vereinzelten Galopp-Sequenzen macht den Pachon Navarro zum geeigneten Jagdbegleiter für Anfänger, aber auch für Senioren. Neben der Arbeit vor dem Schuss wird er auch zum Bringen eingesetzt. Sein Pluspunkt hier ist, dass er kein „Einzelkämpfer“ ist, sondern – mit der entsprechenden Ausbildung - sehr führerorientiert und kommunikativ arbeitet. Sicher und zuverlässig durchsucht der Pachón jeden Winkel und jedes Gebüsch und bringt so auch Stücke, die ein Pointer oder anderer Vorstehhund mit rascherem Tempo übersieht.
Alles in allem schätzen ihn immer mehr spanische Jäger als widerstandsfähige Landrasse mit sehr guter Nase, die perfekt an die Anforderungen der iberischen Jagd adaptiert ist - sowohl an die klimatischen als auch die des Geländes.
Bescheiden nehmen sich die Nachteile aus, die in der momentanen Euphorie seiner „Wiederentdeckung“ in Erfahrung zu bringen sind: In erster Linie die bisher noch wenig durchgeführte Auslese-Zucht, was sich naturgemäss innerhalb der nächsten Jahre ändern wird. Ausserdem scheinen sich in manchen Linien Erkrankungen des lymphatischen Systems zu häufen - auch dies ein Problem, das mit den geeigneten züchterischen Massnahmen durchaus in den Griff zu bringen ist.

Besondere Erwähnung verdient schliesslich das auffallendste morphologische Merkmal des Pachón Navarro, die Spaltnase.
Als einzige Hunderasse der Welt trägt der Pachón dieses Rassemerkmal. Bei allen anderen Hunderassen wird eine solche „Doppelnase“ als schwerer Fehler gewertet und mit Zuchtausschluss geahndet. Vor allem bei breitköpfigen Rassen wie Pointern und Rottweilern treten solche gespaltenen Nasen immer wieder einmal auf. Beim Pointer kann man dies mit ziemlicher Sicherheit auf seine Abstammung vom Pachón zurückführen.
Beim Pachón werden sowohl Hunde mit als auch solche ohne gespaltene Nase anerkannt. In einem Wurf können beide Formen liegen.
Von vielen spanischen Jägern wird allerdings der Pachón mit ungespaltener Nase bevorzugt. Man vermutet eine etwas erhöhte Anfälligkeit der Spaltnasenhunde für Infektionen der Nasenschleimhaut. Ausserdem befürchten manche Halter, dass sich Fremdkörper (wie Pflanzenteile) leichter in der Nasenhöhle festsetzen. Ob die Rasse mehr als andere Hunde zu weiteren Spaltbildungen (Gaumenspalten, Kieferspalten, Lippenspalten) neigt, ist nicht wissenschaftlich erfasst. Die Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass bei der Verpaarung von Hunden mit Spaltnase (also Spaltnase x Spaltnase) mehr Welpen mit Rachenspalten fallen.
Weitere Informationen zur Rasse und zur Gesellschaft zur Erhaltung des Pachón Navarro bieten folgende Adressen (beide leider nur auf Spanisch und Englisch):
Circulo de cazodores y criadores de Pachón Navarro. Präsident: Sr. Carlos Contera. Die Homepage dieses Jagd- und Zuchtvereins ist die www.pachon.info

Fotos 1, 4: Carlos Contera, Zwinger „Alajú“, www.pachonnavarro.com , Fotos 2, 3, 5: Marquez.
Text in Hund&Natur 2010 (Erstveröffentlichung in Die Pirsch sowie Schweizer Hunde Magazin)

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