Erfahrungen mit dem Galgo
Von Nina Groß

Einen Windhund wollte ich eigentlich nie.
Mein erster Hund war ein Dobermann und für mich der ideale Hund. Doch er starb und ohne Hund war es ziemlich langweilig. Also ging die Suche nach einem neuen Hund los. Eigentlich sollte es wieder ein Dobermann werden, egal ob mit Knall oder ohne, der erste hatte schließlich auch nicht alle Tassen im Schrank und dennoch habe ich ihn ganz gut in die Spur bringen können.
Doch der rechte Hund wollte nicht her, der Wanderurlaub im Herbst 2000 fand ohne Hund statt. Zu Hause angekommen schaute ich in den Videotext von HR3, Herrchengesucht konnte ich damals ja nicht sehen, da wir im Urlaub waren. Dort stand: „ Zwei Galgos abzugeben. Sehr liebe Hunde, aber nicht ableinbar.“
Hmm, Galgo hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gehört, aber ich hatte ja ein Hundebuch und schlug die Rasse einfach mal nach: "Zurückhaltender Jagdhund zur Hetzjagd auf Hasen. Seinem Men-schen treu. Mit großem Laufbedürfnis..."
Aha, man kann ihn sich ja mal anschauen. Also rief ich dort an, und oh graus, die beiden Hündinnen sind vom Stadttierheim auf einem Gnadenhof gekommen, da NIEMAND für sie anrief.
Noch ein Grund mehr dorthin zu fahren und zu schauen, was das für Hunde sind.
Allerdings war der Gnadenhof doch recht weit entfernt und die Begeisterung einfach mal so zum Schauen 150km zu fahren hielt sich bei meinem Vater in Grenzen. (Ich war ja noch nicht volljährig und folglich auch autolos).
Wir fuhren doch hin und uns erwarteten 20 Hunde auf einer Fläche. Alle waren am Kläffen, nur einer nicht. Ich fragte nach diesem einen, ob das der Hund aus dem Videotext war, war nun egal.
Es war Lupe; angeblich ließ sie sich nicht anfassen und war selbst zu den Futterleuten nicht zutrau-lich. Man war der Meinung, ich sollte es gar nicht erst versuchen, zu dem Hund zu gelangen, der haue eh ab.

Aha, ich ging trotzdem. Und siehe da, ich ging etwa zehn Meter vor diesem Häufchen Elend in die Hocke und der Hund kam zu mir und bohrte seinen Kopf in meine Armbeuge.
„ Den will ich mitnehmen“ rutschte mir nur noch raus.
Die Tierheim-Leiterin traute ihren Augen nicht, war sie doch solche Zutraulichkeit nicht gewohnt.
Wir nahmen den Hund mit und nannten sie Kaya.
Panische Angst hatte sie vor allem und jedem. Zivilisation war ihr gänzlich unbekannt. Wir riefen wie-der im Tierheim an und erkundigten uns, woher der Hund überhaupt kommt.
Aus Spanien sei sie, und ein Mann hatte sie dort von einem Bauern gekauft, in Deutschland gemerkt, dass er nicht mit Kaya klar kommt und sie im Tierheim abgegeben.
Wenn sie aus Spanien von einem Bauern stammt, ist es ja verständlich, dass sie Zivilisation nicht kennt. Woher auch? Außer dem Dorf, wenige Menschen, Artgenossen und andere Tiere konnte sie ja nichts kennen gelernt haben. Ob mit ihr gejagt wurde oder sie von einer Dorfrennbahn stammt, wissen wir nicht. Gesagt wurde, dass es ein Bahnhund ist, jedoch glaube ich eher, dass sie ein ganz normaler Galgo für die Hetzjagd war.
Kaya lernte schnell alles kennen; täglich kamen neue Abenteuer für sie dazu, ob nun Busse, Bahnen, Straßen, alles war neu und aufregend und zugleich beängstigend. An Menschenansammlungen war noch nicht zu denken, aber wir hatten ja Zeit.
Ein gutes Jahr dauerte es, bis sie sich draußen bewegen konnte wie jeder andere Hund auch, ohne Angst, ohne panischen Blick.
Doch Kaya war nicht nur unproblematisch. Im Tierheim wurde uns ja schon mit auf den Weg gegeben, dass man diesen Hund niemals ableinen kann, da er dann einfach wegläuft.
Abgeleint haben wir Kaya nach gut drei Tagen, denn immerhin klebte sie ja an meinem Rockzipfel, und wir lebten damals in einem kleinen Örtchen wo wenig los war.
Doch auch Kaya machte ihre erste Begegnung mit Wild in Form eines Kaninchens. Kurz zuvor hatte sie noch auf ganz leise Kommandos reagiert, in Sicht des Kaninchens half auch Brüllen nicht mehr, sie war in einer anderen Welt.
Klar war nur eins, mit viel Lob und Leckerchen hält man den Hund nicht davon ab durchzubrennen.
Gefestigt war sie, vertrug auch mal ein etwas lauteres Wort ohne in Panik zu verfallen und kannte die Grundkommandos die ein Hund eben braucht. Eigentlich wollte ich kurz darauf die Begleithundeprüf-ung mit ihr machen, doch ich hatte ein ungutes Gefühl solange das Jagen nicht abgestellt war.
Ich entschied mich für die Wurfkette, bzw. Trainingsdiscs. Alles andere an Erziehung hat sie schließ -lich auch dadurch gelernt, dass man Verbotenes straft und Erwünschtes eben lobt, warum also nicht auch das? Und es half. Ich habe sie auf diese beiden Verstärker konditioniert und sie verstand, was es heißt, wenn ich damit klapperte. Es ist wie immer alles eine Frage des Wie. Der BH stand nun nichts mehr im Wege.
Für mich ist der Galgo im Grunde ein Hund wie jeder andere auch. Er lernt zwar ein wenig anders, aber man kann ihm wirklich alles beibringen was ein anderer Hund auch könnte.
Warum er anders lernt und Kaya auf gewisse Dinge seltsam reagiert, erfuhr ich jedoch erst ein wenig später, denn Bücher über Windhunde, insbesondere über Windhunde die noch aktiv jagen gab es da-mals noch nicht. Galgos jagen selbstständig. Sie müssen für die Hetzjagd nicht ausgebildet werden. Als Junghunde werden sie gemeinsam mit den Althunden mit zur Jagd genommen, was bedeutet, sie werden von der Leine gelassen und beginnen dann zu hetzen. Selbstständig entscheiden sie ob es sich lohnt einem Jagdobjekt zu folgen oder nicht. Der Jäger sortiert sie Hunde aus, die nicht den schmal- en Grad zwischen lassen oder hetzen erkennen. Also die Hunde, die in den Augen des Besitzers zu lange Hetzen ohne Erfolg oder zu zögerlich sind.
Und natürlich gehen auch nur die besten in die Zucht. Was man also bekommt, sind absolute Spezia-listen in selbstständigem Handeln, Hetzen und Gesundheit, denn ein kranker Hund hetzt nicht gut.

Bei der Erziehung von Kaya war es ähnlich. Man musste versuchen sie denken zu lassen, dass sie den nächsten Schritt selbst ausführen will. Den ersten Schritt muss man also mit Fingerspitzengefühl her-auskitzeln, alle weiteren kann man dann ganz einfach wie bei anderen Hunden auch durchsetzen und einfordern.
Ansonsten ist sie ein einfacher Hund gewesen, hat nie etwas zerstört, war nie krank, machte nie groß- artig Sorgen. Ohne Leine ging ja nun fast überall. Dass man nicht unbedingt ein Kaninchenstall zum Freilauf aussucht ist ja auch klar, dort wäre die Versuchung einfach zu groß.
Ein Hund für Anfänger ist sie jedoch trotzdem nicht. Die hündische Körpersprache ist bei ihr, wie bei fast allen Windhunden, enorm gut ausgeprägt. Daher kommt auch das Vorurteil Windhunde seien kleine Aristokraten. Kaya zeigt ganz deutlich was sie will oder eben auch nicht will, was sie erwartet oder was sie eben nicht. Ließt man diese Zeichen nicht richtig oder lässt ihr ausreichend Spielraum damit sie sich ausleben kann, hat man ein kleines aristokratisches Monster vor sich, dass ganz genau anzeigt, wer nun das Sagen hat – nämlich sie.
Im März 2007 entschlossen wir uns, da wir genug Zeit hatten, einen zweiten Hund dazu zu nehmen. Einmal Windhund, immer Windhund heißt es, und so kam es auch, es sollte wieder ein Galgo werden.
Abby kam ins Haus. Vom Grunde her ist sie wie Kaya in jungen Jahren, nur noch ausgeprägter in allen Bereichen. Noch gewiefter, noch frecher, noch selbstständiger.
Bei ihr war es schwierig eine Bindung aufzubauen. Sie verbrachte die ersten Jahre mit sieben weiter-en Galgos im Stall und hatte dort die Rudelführung inne. Und so zeigte sie sich auch bei uns. Unter-ordnen, tun was man verlangt, sich integrieren – nö, nicht ihr Ding. Sie blieb keine 30 Sekunden alleine, stellte unsere Wohnung um, vertrug kein Trockenfutter und trieb uns fast in den Wahnsinn. Und wir hatten immer im Hinterkopf, dass in 3 Monaten Deadline ist, dann ist die Zeit gekommen, bis Abby gelernt haben muss alleine zu bleiben, zumindest für kurze Zeit.

Es schien schier unlösbar. Nichtmal zum Briefkasten konnte ich gehen, ohne anschließend eine vollge-kotete Wohnung vorzufinden.
Eine Box musste her. Box war da, Abby schlief darin, alles schien gut zu werden. Doch es schien nur so. Sie war an dieses Ding gewöhnt, doch sobald ich die Wohnung verließ stieg in ihr die Panik auf, die Gesellschaft von Kaya interessierte nicht mehr. Sie schaffte es sogar sich durch die schmalen Stahl-streben zu quetschen und dabei das Metall zu verbiegen. Ich kam vom Einkauf zurück und alles war… vollgekotet. Doch wir gaben nicht auf, zogen das Programm durch ohne Rücksicht auf das Abby, wir zogen sie einfach mit und ließen die Rücksicht zurück. Und das war es was sie braucht, enge Grenzen, doch innerhalb dieser Grenzen Selbstbestimmung.
Auch Abby ist ableinbar, auch im Wald. Beim Anblick von Katzen und Kaninchen würde ich nicht dar-auf wetten, dass sie nicht hinterherläuft, aber solange nichts in Sicht ist, bleibt sie hinter mir, wie Kaya eben. Sie hat gelernt, dass es keinen Spaß und auch keine Bestätigung bringt, wenn sie durch-brennt. Und dennoch würde ich keine wildreiche Gegend aufsuchen und beide Hunde ablenken. Den Trieb kann man nun mal nicht abstellen, allenfalls umlenken oder schwächen und den Spaß daran ver-derben. Beide Hunde, da mache ich mir auch nichts vor, würden einen Jagdverbund bilden, schneller als ich gucken kann, und das Kaninchen wäre Geschichte.
Es sei denn es gelingt den Kaninchen außer Sicht zu geraten, denn dann setzt das selbstständige Denk-en wieder ein. Es lohnt nun mal nicht ewig hinter einem Kaninchen herzurennen. Ist es außer Sicht, legt sich bestenfalls der Schalter im Galgo-Hirn wieder um.
Glücklicherweise kamen wir noch in keine solche Situation. Meine Hunde haben eigentlich immer was zu tun auf den Spaziergängen und haben kaum Gelegenheit auf dumme Gedanken zu kommen.
Völlig unbeschäftigt schlendern gibt es bei uns auch, jedoch nur da, wo ich weiß, dass keine ungeahnten Überraschungen auf uns zu kommen.
Galgos sind nicht so zart wie man es gern hätte, sie sind auch keine kuscheligen Familienhunde. Sie sind Jagdhunde, zum hetzen und töten anderer Tiere gemacht. Dementsprechend konsequent muss man sie halten und erziehen. Sieht man Galgos miteinander umgehen, wird deutlich wie der Umgangston untereinander ist, wenn sich ein Hund nicht einfügt. Nett und Freundlich ist anderes. Sie setzen klare Grenzen untereinander und es wird peinlich genau darauf geachtet, dass diese Grenzen auch eingehalten werden. Schludereien oder Nachgiebigkeiten kennen diese Hunde nicht.
Die eng gesteckten Grenzen und die immer selben Folgen, also klare Strukturen, geben Sicherheit. Meine Hunde wissen immer, was sie bei mir erwartet. Ich reagiere bei gleichem Verhalten immer gleich. Streng und konsequent, aber besonnen.
Hielte man sich das immer vor Augen, hätten weniger Galgo-Halter Schwierigkeiten mit ihren Hunden.
Abby lebt jetzt genau ein Jahr bei uns und hat sich zu einem ganz normalen Hund entwickelt. Sie macht alles mit, bleibt alleine, man kann sie laufen lassen und wie Kaya hat auch Abby die Therapiehundeprüfung bestanden.
Beide Hunde arbeiten einmal die Woche in Senioren- oder Behinderteneinrichtungen und tun dort Dienst als Besuchshund. Sie lassen sich streicheln, lassen sich Geschichten erzählen und führen kleine Kunststückchen durch, laufen neben Rollstühlen und Rollatoren und erfreuen die Senioren mit ihrem Besuch.
Kaya wird bald in den Ruhestand übergehen, mit ihren 11 Jahren ist ein wöchentlicher Besuch zu viel. Abby hat sich das meiste bei Kaya abgeschaut und durch zusehen gelernt, was man von ihr erwartet. Dies zeigt sie dann auch bei jedem Besuch in gleicher Weise. Sie fordert unnachgiebig von sich aus die Senioren auf, sie zu streicheln. Sie ist der Animateur, sie begeistert und motiviert ohne dabei im geringsten frech zu wirken.
Doch das alleine lastet sie nicht aus. Durch ihre Vergangenheit ist sie es gewohnt bis an die körperlichen Grenz -en zu gehen. Die Hetze kann ich ihr aber nicht bieten, so behelfen wir uns eben mit dem Apportieren von Gegen-ständen.
Um die Gefahr des "Knautschens" bei der Jagd zu vermeiden, wird den Hunden abgewöhnt, das geschlagene Wild aufzunehmen. Sobald es tot ist, lassen sie es einfach liegen. Alles andere hätte ungemütliche Folgen in Spanien.
Abby liess sich das Apportieren recht gut antrainieren. Sie wartet meist brav bis das Dummy gelandet oder versteckt ist und bringt es dann auf dem schnellsten Wege zurück. Schnell konnten wir uns von leichten Dingen zu nun fast 2 kg steigern. Mühelos überspringt sie mit dem Gewicht auch Heurundballen.
Da sie sich merken muss, auch über län -gere Zeit, über welche Stelle das Dummy flog, und sie dies dann nicht

nur einmal bringen muss, lastet sie das ganz gut aus.
Aber auch hier muss man sagen, sie hat gelernt sich anzupassen. Sie fordert nicht wie zu Anfang Ar-beit bis zur körperlichen Erschöpfung, es reicht ihr, wenn ihr Energieüberschuss abgebaut werden kann, dann ist sie zufrieden und es kann nach Hause gehen.
Wie schon erwähnt sind Kaya und Abby sich sehr ähnlich, Abby ist einfach noch 'ne Nummer frecher und dadurch schwieriger zu führen.
Auch bei ihr reicht jedoch ein Klackern mit den Discs, und sie macht auf dem Absatz kehrt. Was je-doch bezüglich der Selbstständigkeit der Hunde fatal ist, sind Fehler die den Haltern unterlaufen.
Ich rede auf Spaziergängen kaum mit den Hunden und rufe auch so gut wie nie. Rufe ich und die Dam-en folgen nicht, wissen sie beim nächsten Mal, dass Nicht-Gehorchen keine Folgen hat und das nutzen sie dann auch gnadenlos aus. Weniger statt mehr ist unsere Devise.
Einmal Windhund, immer Windhund, wir werden dabei bleiben, denn für uns sind es die tollsten Hunde der Welt.

Alle Fotos von Kaya und Abby: Nina Groß

Lesen Sie auch: Spanische Straßenhunde und andere Unwägbarkeiten
Zum Fotoalbum Galgo (in Vorbereitung)

Seitenanfang home