Wir schauen nur. (Oder: wie man auf den Bracco kommen kann)
Von Gabi Brainin

Wir, das sind Thomas, bisher hundlos glücklich, und ich, immer mit Hund bis Mitte Studium, dann ein arbeitsreiches Leben mit Sehnsucht nach glücklichem Hund - hatten die Sache durchdiskutiert. Es sollte also so sein, dass ich ab dem Jahr 2010 beruflich stark zurückschrauben würde. Für den nächsten Sommer war noch eine Schiffsreise in die Ostsee gebucht, aber danach bekämen wir endlich einen Hund!
Ja, es wäre dann natürlich mein Hund. Ich würde bei minus 20 Grad Celsius um 5 Uhr früh mit ihm ins Freie gehen. Ich allein würde mich um die Erziehung kümmern und sämtliche anfänglichen Nebenprodukte der Welpenhaltung aus der Wohnung entfernen. Auch die Sache mit dem hier bei uns in Wien auf allen Grünflächen angebrachten „Nimm ein Sackerl für dein Gackerl“ beträfe Thomas nicht.
Mit Hilfe eines voluminösen Rassenlexikons nützte ich einen schwachen Moment meines geliebten Mannes um die Kriterien zu definieren. Meine Prägung – Vater und Bruder leidenschaftliche Jäger und ich der optische Typ – lief klar in Richtung Jagdhund. Thomas’ Sorge war in erster Linie, dass der Hund nicht zu klein ausfiele, damit er sich für seine Menschen nicht genieren müsse und umgekehrt. Und nur ja kein Dauerbeller! Wobei, so ein Rauhhaardackel wäre schon nett...
Letzere Variante hatte sich dank einer Dackeldame, die mit uns bei Freunden zu Gast war, einige Tage später von selbst erledigt. (Der Kunststopfer hat Thomas Hose wieder sehr gut hinbekommen.)

Blieben also meine „optischen Kriterien“: Weimaraner, Magyar Viszla oder Bracco Italiano. Vom Lieblingshund meiner Kindheit, einem Bayrischen Schweißhund, wusste ich, er wäre nicht für unser Leben geeignet. Aber war eine Rasse dabei, die auch in einem Haushalt mit Nichtjägern glücklich werden könnte?
Die mittlerweile ziemlich stattliche Abteilung „Hund“ in unserer Bibliothek gab Auskunft, das Internet untermauerte wie üblich all das, was wir gerne erfahren hätten. Von den drei Rassen schien der Bracco die größten Chancen auf ein glückliches Hundeleben zu haben, wenn er nur das entsprechende Jagdersatzprogramm geboten bekommt. (Hier ist der Moment, in dem Sabine Middelhaufes neuestes Buch, "Jagdhund ohne Jagdschein", gekauft und in einem Zug gelesen wurde.)

Unser Septemberurlaub 2009 in das Piemont (Norditalien) war lange vor dem Akutwerden meiner "Hundeschwangerschaft" gebucht. Aber wie gut sich das doch alles trifft, dachte ich. Da werden wir ein paar Züchter besuchen, unsere Rassewahl nochmals überprüfen und uns gegebenenfalls für einen Welpen des Sommerwurfes 2010 anmelden.
Im Internet findet man über die S.A.B.I. ( Bracco Italiano Club ) diverse Züchteradressen. All jene mit eigener Website wurden genauestens betrachtet und dann zwei von ihnen per Email angeschrieben. Auf die Antwort einer Züchterin und Besitzerin einer sehr imposanten Website warte ich bis heute. Der zweite Züchter antwortete auf meine Frage, ob wir ihn und die Hunde kurz kennenlernen könnten, mit: „Orange-weißer oder braun-weißer Bracco? Und rufen Sie im Jänner 2010 zur Fixierung der Reservierung an.“ Das war nicht gerade, was wir uns vorgestellt hatten.

Dank fach- und sachkundiger Hilfe gelang es dann glücklicherweise doch noch, Kontakte zu mehreren Züchtern herzustellen, und plötzlich hatten wir auch fixe Termine in unserem Urlaub!
Zuerst trafen wir Mauro Nerviani, der sich freundlicherweise die Zeit nahm, uns alle seine Hunde und seinen neuen Zwinger zu zeigen. Seine Hündin Malvasia ließ er für uns traben, damit wir den eleganten Gang eines Bracco, wie er im Buche steht, erleben konnten. Ein Exemplar des Bracco-Kalenders, den er jährlich herausgibt, durften wir mit nach Hause nehmen. (Unser Auftritt im Zwinger hat leider ein Tete-à-tete zwischen einer Hündin und einem männlichen Gast unterbrochen. Ich hoffe, sie trägt mittlerweile und er hat uns verziehen.)
Einige Tage später besuchten wir Dr. Mele und seine Bracchi. Wir durften auch dort alle Hunde ausgiebig besehen. Dr. Mele stellte sie uns einzeln vor, erzählte viel und sehr offen über ihre Charaktere und auch Eigenheiten. Beeindruckt hat uns vor allem, wie eng die Beziehung zwischen ihm und seinen Hunden war. Zum Abschluß unseres Besuches gab es Kaffee und ein Foto eines Bracco-Welpen. Dr. Mele meinte : „Damit ihr nicht ganz ohne Hund nach Hause kommt.“
Mit beiden Herren wollten wir den Kontakt weiter pflegen und sehen, was für Würfe es im kommenden Sommer geben würde. Wir wollten ein Mädchen, das war klar. Ich hatte auserdem vor, sobald der Wurf zu besichtigen wäre, auf Besuch zu kommen, um erste Kontakte zum Welpen aufzunehmen, dann wieder die 850 km nach Wien zurück zu fahren, bis es Zeit wäre, unseren Hund endgültig abzuholen.

Drei Tage vor Urlaubsende haben wir dann Danilo Rebaschio besucht. Als wir den Termin am Telefon vereinbarten, hielt ich seinen Satz „..und ihr werdet die Welpen sehen wollen..“ für einen Scherz.
Bei Herrn Rebaschio gab es jede Menge Hunde zu sehen; eigene verschiedener Rassen, vierbeinige Gäste zur Ausbildung.... Wir gingen weiter bis zum Zwinger von Zulu, einem stolzen Bracco Rüden, und Herr Rebaschio sagte, dies sei der Vater – und da begriff ich, es gibt wirklich Welpen zu sehen!
Die Kleinen waren schon 10 Wochen alt, fünf stramme Buben und zwei dünne Mädchen.
Ein Blick in Thomas' verklärte Augen und mir war klar, wir kommen zu dritt nachhause. Ein Zuhause ohne Futter, Decke, Napf, dafür mit vielen Büchern und spannenden Objekten in Bodennähe – denn natürlich war nichts vorbereitet worden, "wir wollten ja nur mal schauen...!"
Während der Wurf am nächsten Tag seine letzte Impfung bekam, rasten wir von einer Tierhandlung zur anderen und rüsteten mächtig auf. Unser teuerstes Stück war ein Transportkäfig, groß genug für einen ausgewachsenen Bracco, flugtauglich, mit einem Set Rollen extra. Die weisen Bücher und Herr Rebaschio waren sich auch einig, dass ein Käfig die beste Lösung auf Reisen sei. Unser Hundekind sollte sich darin möglichst willkommen fühlen. Also Matratze und Plüschpelikan hinein, Leckerli vorbereiten, und dann Gioia, unser Mädchen, für die erste große Fahrt abholen. Sie saß neugierig in einer Box im Heck von Herrn Rebaschios Transporter und war bereits von ihren Geschwistern getrennt worden. Wir erledigten noch die Formalitäten, nahmen Abschied und verfrachteten unsere Gioia in ihren neuen Käfig. Einmal noch winken, um die Kurve, auf die Hauptstraße, zurück Richtung

Autobahn - und mörderisches Aroma verbreitete sich im Wagen. Das Hundekind wimmerte verzweifelt, denn Käfig samt Pelikan und Gioia waren übersät mit Kot, und es wird niemals geklärt werden, wer unglücklicher war: Gioia, Thomas, ich oder gar der Pelikan ?
Nun, der Zellstoff und das Desinfektionsmittel waren ja Teil unserer Panikkäufe vom Vortag. Eine Fleece-Decke gab es auch. Die restlichen 850 km legte Gioia also friedlich schnarchend auf meinem Schoß im Beifahrersitz zurück.
Gioia wurde um 2 Uhr früh nach unserer Ankunft daheim noch gebadet und so erschöpft war sie, dass sie es heldenhaft und ruhig über sich ergehen ließ.
Der Käfig stand eine Weile im Garten, bevor er gesäubert und desinfiziert wieder Gnade fand, und seit Kurzem sogar sehr erfolgreich im Einsatz ist.
Thomas Auto riecht wieder wie früher.
Und der Plüschpelikan? Der war unrettbar verloren. Er wurde in einen der grauen Kübel im Hof verbannt, am nächsten Mittwochmorgen von den Herren in den orangen Uniformen abgeholt und noch am selben Tag der Kremierung zugeführt.
Happy End: Plüschpelikan Nr. 2 wartet jeden Abend in ihrem Bettchen auf Gioia.
Und all das, was vor der Anschaffung eines Welpen noch so dringend zu erledigen gewesen wäre, lässt sich schließlich auch zeitlich unterbringen, wenn die beiden in trauter Zweisamkeit ruhen.
P.S.: Gioia ist als Rusin dell’Oltrepo zur Welt gekommen, ihr Vater Zulu dell’Oltrepo gehört Danilo Rebaschio, Bressana Bottarone , Provinz Pavia. Die Mutter stammt von Eugenio Stucchi.

Alle Fotos von Gioia: Gabi Brainin

Zum Fotoalbum Bracco Italiano

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