Behind the scenes 1: Jagdhund ohne Jagdschein? Der Film
Von Sabine Middelhaufe
In einer Zeitspanne von nur wenigen Monaten etliche Vertreter ganz unterschiedlicher Jagdhunderassen bei der Arbeit oder zumindest dem Training für den praktischen Einsatz beobachten (und in Italien filmen) zu können ist nicht nur ein Genuss, sondern auch Quelle vieler Aha-Erlebnisse.
Hundeausbildung, und generell der Umgang mit dem Hund, ist ja ein Thema mit endlos vielen Facetten, Meinungen und Methoden, und wenn man nur gut zuschaut, kann man aus allem etwas lernen.
Unser erster Filmtermin fand bei meinem Freund Danilo Rebaschio statt, der seit fast 40 Jahren Vorsteher aller Rassen für Leistungsprüfungen und den praktischen Jagdgebrauch ausbildet, und natürlich selbst Jagdhunde züchtet und mit ihnen jagen geht.
Für ihn beginnt die eigentliche Arbeit damit, dass er dem Junghund nicht zu weit entfernt eine Wachtel o.Ä. in die Wiese setzt, den Vierläufer an der Leine so in den Wind bringt, dass er Witterung bekommt und nun ein paar Schritte vorwärts gehen muss, ehe er, notfalls von der Leine unterstützt, in korrekter Distanz vom Vogel vorstehen kann. Hat er seine Willigkeit demonstriert, das Wild in dieser Weise am Platz zu bannen, tritt der Ausbilder den Vogel heraus, der fliegt davon und der vierläufige Schüler darf ihm nur hinterher schauen.
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Oben und unten: Danilo Rebaschio beim Training mit zwei Braccos. Titelfoto: Ariègeois Meute.

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Für den jungen Vorsteher, der auch nur ein Minimum an Jagdtrieb hat, ist dieser erste Ausflug, bei dem er drei, vier Vögel suchen und vorstehen darf, ein bedeutsames Schlüsselerlebnis und lehrt ihn sehr viel mehr als man bei oberflächlicher Betrachtung erkennen mag.
Die offensichtliche Lektion lautet: kluger Einsatz der Nase führt zu diesem unerhört aufregenden Geruch, zu dessen Quelle ihn all seine Instinkte ziehen, allerdings muss die Quelle, sprich der Vogel, von Anfang an respektiert werden; suchen und finden heisst die Devise, nicht aufscheuchen.
Weniger offensichtlich ist, dass der junge Hund den Ausgang in die Wiesen von nun an mit der Befriedigung seiner Instinkte, also mit "Arbeit" verknüpft, und den Menschen, der ihn dort hin und zum Erfolg, also der Befriedigung des Findens führt, als Chef im aller positivsten Sinne erfährt.
Der Ausbilder stellt sich seinem neuen Schüler also schon am ersten Tage mit der praktischen Demonstration des simplen Grundsatzes vor: Ich weiss was du unbedingt möchtest, und ich verschaff es dir, sofern du meine Regeln akzeptierst..
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Oben: Spinone auf der Suche nach der nächsten Wachtel.
Unten: Segugio Italiano - Zeit zum Schmusen mit dem Chef.

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Und diese Regeln sind weder drastisch noch unangenehm, verlangen sie doch im Grunde nur, dass der Junghund - mit Hilfe der Leine - den Vogel solange sitzen lässt, bis der Ausbilder ihn hoch macht.
Da es im Anschluss gleich einen weiteren Vogel zu suchen gibt, ist das für den Vorstehhund auch nicht frustrierend. Ganz im Gegenteil prägt sich ihm der Ausflug ins Gelände als etwas extrem Lustvolles ein.
Klar, ob bei Training oder Jagd, junge Hunde dürfen auch mit Herrchen schmusen und nach Herzenslust miteinander toben - nach der Arbeit allerdings! Und das hat seinen Sinn, denn da sie nun mal Gebrauchshunde sind, soll sich ihnen gleich einprägen, worum's hier draussen geht. Nicht nur, weil dem Jäger das besser in den Kram passt, sondern weil ein Hund, der seinen "Kick" aus der Beschäftigung bezieht, die seinen Instinkten entspricht, der Jagd also, ohnehin ziemlich rasch aus dem Spielalter heraus wächst.
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Oben: 6 und 8 Monate junge Drever, bereit für den Einsatz.
Unten: Deutsch Kurzhaar.


Mildes Interesse an dem Zweibeiner mit der Videokamera.
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Mit Ausnahme eines einzigen Hundes befinden sich alle Vierläufer, die im Film als "Hauptdarsteller" zu sehen sind, in Jägerhand, und das wurde schon beim Kennenlernen deutlich, denn wenn sie aus den Transportkisten hüpften, hatten sie nach Erledigung dringender Geschäfte nur noch eines im Sinn: arbeiten nämlich, arbeiten mit dem Herrn - und zwar auch die mit 5 bzw. 6 Monaten jüngsten "Stars".
Da trottete niemand mehr oder weniger ziellos über die Wiese, oder hielt nach Mauselöchern Ausschau, oder nach den Geruchsmarkierungen von Artgenossen, und erst recht machte sich keiner allein aus dem Staube.
Sie erschienen wie die Traummitarbeiter eines jeden Chefs: hellwach, intelligent, fokussiert, in freudiger Erwartung der Aufgabe, die ihnen gleich zugeteilt wird, allerdings ohne den irren Blick, den manche Hunde haben, die wie automatisiert dem immer gleichen Ball nachrennen und sich durch nichts auf der Welt davon abbringen lassen.
Vielleicht erntete der fremde Mensch mit dem seltsamen Gerät auf der Schulter mal einen Seitenblick als Ausdruck milden Interesses, aber die wirkliche Aufmerksamkeit galt dem eigenen Herrn und seinem Signal zum Auftakt der Jagd oder des Jagdtrainings.
Als nicht jagender Jagdhundehalter kann man daraus schon eine Menge lernen.
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Oben: Segugio Italiano Meute auf der Hasenfährte - da schweigt der Brackenführer besser.
Unten: Segugio Maremmano (r.), Istrianischer Laufhund (lks.)und, im Hintergrund, Bracco Italiano - ohne Worte.
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Was dem Zuschauer auffallen wird ist, mit wie wenigen Kommandos die Jäger ihre Hunde lenken.
Stimmen hört man eigentlich nur, wenn die Hunde gelobt oder, im Falle einiger Bracken, zu Beginn der Jagd angefeuert werden. Ansonsten ist es bis auf die Wendepfiffe für die Vorsteher bei der Feldsuche meistens ganz still.
Diese ruhige Atmosphäre, die dadurch entsteht, dass der Führer seinen Vierläufer nicht permanent "voll textet" oder durch andere Signale auf Schritt und Tritt zu beeinflussen versucht, ist unglaublich angenehm. Wohlgemerkt hat das rein gar nichts mit antiautoritärer Erziehung und Führung zu tun.
Einerseits vertraut der Führer darauf (oder erwartet ganz selbstverständlich), dass sein erwachsener Gehilfe schon weiss, was er tut, warum ihm also ins Handwerk pfuschen?
Andererseits lautet die grundlegende Philosophie vieler italienischer Jäger und Profi-Ausbilder: Lass den jungen Hund doch erst mal zeigen, was er kann!
Und oft stellt sich dabei heraus, dass es nur die stilistischen Feinheiten sind, an denen man noch gemeinsam arbeiten muss. Die genetischen Voraussetzungen für ihren Job bringen Jagdhunde aus Arbeitszuchten ja in aller Regel von Haus aus mit, und wenn sie die gewünschten Aufgaben als etwas Erfreuliches, mit dem Menschen Verbindendes erfahren, klappt es mit den Korrekturen dann meist sehr einfach.
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Oben: Beim Gebrauchshund vertraut der Jäger sehr darauf, dass seine Gehilfen, hier Posavatz Mischlinge, ihren Beruf viel besser verstehen als er und pfuscht ihnen möglichst nicht ins Handwerk.
Unten: Wenn den Hunden, hier junge schwedische und Alpenländische Dachsbracken, ihre Arbeit erst einmal Freude macht und zum Erfolg führt, ist es kein Problem, "stilistische Feinheiten" noch gemeinsam zu erarbeiten.

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Wenn ein Hund, wie beispielsweise der 5 Monate junge Vizsla Rüde im Film, erst einmal Freude am Apportieren zeigt, und anfangs auch ruhig mal mit seinem Fasan im Fang herum stolzieren und "angeben" darf, bevor er ihn nachlässig ausspuckt, ist es ein Kinderspiel ihm nun noch beizubringen, die Beute solange festzuhalten, bis der Führer das Auslassen erlaubt; denn in der Praxis könnte ein nur verletzter Vogel, der vom Hund auf eigene Initiative irgendwo abgelegt wird, sonst nämlich eilig wieder das Weite suchen...!
Für mich persönlich waren die besonders heiss ersehnten Tage die, an denen wir Bracken filmen konnten. Diese Hunde zu beobachten, wenn sie, Nase am Boden, die langen Ruten ständig in Bewegung, mit absoluter Konzentration die frischen Fährten des Hasen oder Wildschweins suchen, diese euphorische Stimme zu hören, wenn einer plötzlich die Fährte findet und begeistert vorwärts galoppiert, aber auch dabei zu sein, wenn so ein winziger, 6 Monate alter Drever, der mich vorhin noch mit rotierendem Wedel "angelacht" hatte, plötzlich ein toternster, vollkommen auf seine Pflicht fixierter no-nonsense Hund wird, sobald der Keiler anhält und sich dem Knirps stellt - solche Erlebnisse erweitern definitiv den eigenen Hunde-Horizont!
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(Lauf-)Hundetage! Oben Ariègeois, unten Segugio Italiano.


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Ich möchte mich aber beeilen anzumerken, dass im Film weder Tötungsszenen noch Blut, es sei denn Kunstschweiss, zu sehen sein werden. Nicht weil ich die eigentliche Arbeit von Jagdhunden romantisieren will, sondern weil man, um die Tötung des Wildes wirklich korrekt verstehen und im eigenen Inneren einordnen zu können, eine Jagd von Anfang bis Ende selbst miterleben sollte.
Augenöffner gab es aber auch bei den Vorstehern. Der Dank dafür gebührt eindeutig meinem Freund Danilo, denn er zeigte uns der Reihe nach Bracco, Spinone, Epagneul Breton, Braque Francais (die leider wegen technischer Mängel bei den Aufnahmen am Ende schweren Herzens aus dem Film geschnitten werden musste) und Pointer.
Sie alle gehören zur Gruppe der Vorstehhunde, stimmt, sie suchen Federwild im Feld und stehen es vor, ja, und doch trennen sie Welten!
Nimmt man nun noch die ebenfalls präsenten Rassen Vizsla, Deutsch Kurzhaar, Perdigueiro Portuguès, English Setter und Korthals hinzu, wird einem, glaube ich, erst richtig klar, wie wichtig es ist, sich einen Jagdhund eben bei der Arbeit anzuschauen, und nicht bloss in einer Rassemonografie nachzulesen, ob er temperamentvoll ist, im Haus gehalten werden kann und sich gut mit Artgenossen verträgt....
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Epagneul Breton.

Braque Francais.

Spinone.
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Fotos: Middelhaufe 1, 6, 7, 10, 11, 12, 13; Dosch/Straub 2, 3, 4, 16, 17, 18; Brückner 5, 8, 9, 14, 15
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