Biografisches

 

 

 

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Biografisches

Als ich 1957 in Bochum das smogverhangene Licht der Welt erblickte hatte niemand in meiner Familie auch nur die geringste Vorahnung; wahrscheinlich weil ich weder Schlappohren aufwies, noch andere Merkmale einer caniden Zukunft.
Dass ich schon in der Startphase meines Erdenlebens verrückt war nach allem, was unter den Begriff "Tier" fällt und einige Jahre später begann, kiloweise die Pferdebücher aus der Stadtbücherei zu verschlingen fand niemand seltsam, denn welches kleine Mädchen fühlte sich nicht (zumindest) von Pferden magisch angezogen? Mein familieninternes Statement im Volksschulalter, wenn ich einmal gross wäre Schriftstellerin oder Tierlehrerin zu werden, am besten aber beides, fand schändlicherweise kaum Beachtung. Tatsächlich blieben tierpädagogische Bemühungen meinerseits zu dieser Zeit auch noch gänzlich aus. Das hatte die bedauerliche Folge, dass unser Goldfisch weiterhin ohn' Unterlaß aus seinem erbarmungswürdigen, kleinen Rundglas sprang, bis meine Schwester ihn eines Morgens versehentlich tot trat, die beiden Hamster meines Bruders bis zu ihrem traurigen Ableben bissig blieben, unsere gemeinsame Schildkröte auf Nimmerwiedersehen verschwand, die Mäuse im Kartoffelkeller weiterhin Reißaus vor mir nahmen und so weiter.
An ein eigenes Pony war natürlich überhaupt nicht zu denken, und mein Vater erstickte jede Hoffnung auf einen Welpen, oder wenigstens ein Kätzchen im Haus sofort im Keim. Demzufolge blieb mein Wunsch nach einem eigenen Hund für lange Zeit auf "Foxi" beschränkt, den Holzwolle gefüllten Foxterrier auf Rädern, der mich gemeinsam mit zwei Teddys und diversen anderen Stofftieren loyal, stubenrein und liebevoll durch die Kindheit begleitete.
Ob es nur am fehlenden Vierbeiner lag weiss ich nicht mehr, aber es ist urkundlich belegt, dass ich mit siebzehn allein gen Norden zog, in Hamburg das Abitur machte, und dann dort anfing zu studieren. Architektur. Nicht Schriftstellerei oder Tiererziehung.
An einem unbestimmten Tage Anfang 1977 jedoch steckten dann die Nornen geheimniskrämerisch ihre Köpfe zusammen, flüsterten miteinander und plötzlich erschien in meinem von Statik und Bauphysik geplagten Hirn der Gedanke: "Hey, Moment mal! Ich hab' doch längst meine eigene Wohnung und könnte endlich einen Hund halten!"

Erinnern Sie sich vielleicht auch noch an das unbeschreibliche Hochgefühl, als Ihnen auf einmal klar war, dass Sie jetzt wirklich und wahrhaftig den Hund zu sich nehmen würden, den sie schon als Kind erträumt hatten?
Für mich jedenfalls war dieser Augenblick schicksalhaft, und als ich am 7.7.1977 meinen achtwöchigen Blauschimmel Cocker Jessica in den Arm gedrückt bekam, änderten etliche Planeten ihren Lauf, karmische Kräfte begannen zu wirken, ich war selig wie nie zuvor und Jessica leckte mir begeistert die Nase.
Damit ich auch wirklich begriffe worum's im Leben künftig gehen

würde, fügten die Nornen es, dass das Fernsehen einige Tage später eine Sendung über Eberhard Trumler brachte, seine Wildhunde, seine Forschung, seinen Groll gegen die bloßen Hundevermehrer, gegen absurde, tierquälerische Rassestandards. 45 Minuten TV, die in mir eine innere Kulturrevolution auslösten.
Mit Hunden leben! Hunde beobachten und verstehen! Hundeverhalten dem Menschen nachvollziehbar machen! Nicht als Business, nicht als dubioser Egotrip, sondern um der Hunde selbst willen!
Na ja, zuerst einmal lagen die langen Sommersemesterferien vor uns. Jessica wurde stubenrein, verlor ihre Milchzähne, tobte und schmuste wie das nur Welpen können, lernte zu gehorchen, entdeckte, dass sie ein Jagdhund ist und liess mich ernsthaft fragen, wie ich 20 Jahre ohne sie hatte existieren können. Dann wurde es Herbst, und die Uni ging wieder los. Ich weiss noch genau wie oft ich morgens

im Dunkeln auf dem Bahnsteig stand, auf die S-Bahn wartete und dachte: "Die erste Vorlesung ist Bauentwurf (oder Bauchemie oder Statik), und da muss ich hin… aber Jessica ist ganz allein; bestimmt heult sie schon in kompletter Verzweiflung. Ausserdem würd' ich eh lieber mit ihr spazieren gehen als die verdammte Vorlesung zu hören…" Und dann dieses Gefühl von Befreiung wenn ich auf dem Absatz kehrt machte, nachhause rannte, Jessica anleinte und mit ihr im ersten Dämmerlicht durch die Felder und Wiesen außerhalb Hamburgs streifte, und soll der Teufel den Bauentwurf
holen! Erinnern Sie sich noch, wie Ihr Hund als Welpe war? Zu jeder Tages- und Nachtzeit voll sprühender Lebenslust, hellwach und zu allen Schandtaten bereit, sozusagen? Wie er draussen in der freien Landschaft alles wahrnahm, anzeigte, Ihnen verständlich machte? Da sitzt der Hase, dort oben klettert aufgeregt das Eichhörnchen, hier muss ein Fuchs entlanggeschnürt sein, dort sind die Kotpillen vom Reh! Schau, Mensch, die Kühe auf der Weide dösen noch, aber natürlich könnte ich mal eben unter der Umzäunung durchschlüpfen und sie alle ordentlich aufwecken! Soll ich? Von denschlafmützigen Enten im Teich ganz zu schweigen! Aber, oha! jetzt kommt der griesgrämige Nachbarshund vor dem ich mich fürchte, und da drücke ich mich doch lieber eng an deine Beine, damit du mich beschützt!
Erinnern Sie sich an diese unvergleichliche Erfahrung von wortloser Kommunikation und Gemeinschaftsgefühl, diese einzigartige Empfindung, dass Sie einem jungen Geschöpf einer ganz anderen Spezies Beschützer, Lehrer, Komplize und Freund sein können? Die ansteckende Daseinsfreude des Welpen, sein absolutes Vertrauen in Sie, die totale Bereitschaft, mit Ihnen durch dick und dünn zu gehen?
Natürlich sah ich sehr schnell ein, dass Jessica und Vollzeitstudium nicht zu vereinbaren waren, und beantragte erst mal ein Urlaubssemester. Um ihr Alleinsein künftig aufs vertretbare Minimum zu reduzieren, zogen wir von der Peripherie in die Stadt, aber dorthin, wo es gute Auslaufmöglichkeiten für sie gab.
Wie ich es trotz häufiger Abwesenheit im Hörsaal hinkriegte, mein Studium erfolgreich zu absolvieren, weiss ich wirklich nicht. Hingegen weiss ich mit Bestimmheit, dass Jessica der einzige Hund war, der an den Examen teilnahm. Während ich über meinem Abschluß-Entwurf schwitzte, apportierte sie vorn im Saal Papierkugeln, die ihr die Aufsicht führenden Professoren geschickt warfen, oder sie erschmeichelte sich Schinkenbrötchen von meinen Kommilitonen. Das heisst, sofern sie nicht auf der Fensterbank sitzend aufmerksam den Verkehr in der City Nord beobachtete…
Dass ich dieses ganze, inzwischen sinnlose Studium überhaupt zu einem ehrenvollen Ende brachte, dafür gab es übrigens nur zwei
Gründe: erstens hatte ich mir und Jessica zur Feier meines akademischen Titels "Dipl.-Ing." einen achtwöchigen English Springer Spaniel versprochen, und ausserdem wollte ich nach der Architektur in aller Ruhe Philosophie und Theologie studieren, denn Lorenz, Trumler und Giordano Bruno hatten mich inzwischen gelehrt, dass Hundeforschung auch mit Naturphilosophie zusammenhängt.
Nun, kurz vor meinem 23. Geburtstag erhielt ich meinen ersten akademischen Titel, und kurz nach meinem 23. Geburtstag erhielt ich, sehr viel bedeutsamer, meinen zweiten Hund, Jana , braun-weiß mit Loh, pummelig, blauäugig, frech.
Hatten Sie je das Vergnügen, Ihrem erwachsenen Hund dabei zuzuschauen, wie er einen Welpen erzieht? Und wie das Band zwischen den beiden allmählich wächst, sich festigt, ein echter Bund fürs Leben wird? Wie sich die zwei Tiere aufeinander einstellen und auf Sie? Ich erdreiste mich zu behaupten, dass Sie dabei mehr über angewandte Theologie und Philosophie lernen können, als Bücherstaub hüstelnd in einem Universitätsstudium.... Was mich nicht hinderte, letzteres

trotzdem noch etliche Semester lang zu tun, in meiner Freizeit wohlgemerkt, wenn ich also nicht Hunde beobachtete, filmte, fotografierte, Protokolle führte und verglich.
Jemand, der so richtig vom "Hunde-Virus" befallen ist, dem macht es auch Freude, seine Beobachtungen und Schlussfolgerungen mitzuteilen. Und so erschien 1982 mein erstes kleines Buch; eine Rassemonografie des English Springer Spaniels. Aber mich reizte auch, eigene Theorien in Sachen Zusammenleben und Ausbildung auszuprobieren… weshalb kurz vor Janas 4. Geburtstag ein neues Mitglied in unsere Familie kam: Gordon Setterwelpe Gina .

Ans Unistudium war an diesem Punkt natürlich nicht mehr zu denken. Ich brauchte alle Zeit für mein Trio und Hunde im allgemeinen. (Wahrscheinlich hat die evangelische Kirche an mir aber ohnehin keine besonders wünschenswerte Pastorin verloren; man denke nur an die Hunde, die Sonntag morgens während meines Gottesdienstes garantiert Kauknochen knabbernd vor der Kanzel herumgelungert hätten, in Erwartung ihres ersehnten Spazierganges….)
Während Ginas Kindheit hatten wir einen Hunde-Freund, der seinen Riesenschnauzer gerade für die Schutzhundprüfung vorbereitete. Er (ich meine den Freund) hat, glaube ich, nie so ganz verstanden, wieso ein
7 monatiger Setter immer, allsogleich und absolut zuverlässig "Down" macht - und dabei spitzbübisch mit der Rutenspitze wedelt. Gina machte dieser Befehl offensichtlich Spass. Dank Jessicas und Janas ebenso
tatkräftiger wie subtiler Unterstützung hatte sie Gehorsam auf lustvolle Weise gelernt und tat deshalb einfach gern was ich ihr auftrug.
Genau an dieser Stelle der Geschichte steckten die Nornen ihre Köpfe erneut zusammen, munkelten miteinander, und am selben Abend rief Eberhard Trumler mich an und erklärte sich sehr interessiert an meiner Mitarbeit in seiner Haustierkundlichen Forschungsstation Wolfswinkel.
Drei Wochen später zogen wir zu ihm und seiner Familie, wo gerade die Arbeit an dem Buch "Das Jahr des Hundes" im Gange war.
Heute trägt die Station Trumlers Namen, und ich nehme an, die Atmosphäre ist eine ganz andere.
Damals gab es noch das berühmte Scheich-Gehege, von dem "Das Jahr des Hundes" berichtet, und das Gehege mit Arka (Wolf - Irish Wolfhound - Scottish Deerhound - Mischling) und ihrem Saluki-Gatten Ygal, der den Wildhunden zeigte, was Monogamie bedeutet. Und dann waren da die Neuguinea-Dingos, die Parias, die Schakal-Hund-Mischlinge, ein paar "gemeine" Haushunde, und in der guten Stube natürlich ein Paar Italiensche Windspiele.
Für mich war das der erste Kontakt mit Wildhunden, und ich wüßte nicht wie ich das Gefühl beschreiben soll, als der erste Dingo, nach meinem tagelangen Stillsitzen im Gehege, endlich die Nase nach meiner Hand reckte und sich sanft streicheln ließ.
Ich zögerte hingegen ziemlich lange ehe ich zum ersten Mal wagte, in das weiträumige Gehege der Wolf-Windhundkreuzungen zu gehen. Arka und ihre Nachfahren waren nicht nur beeindruckend große Wolf-Hunde, sondern besaßen allesamt ein ausgeprägt wölfisches Verhalten. Wanderte ich durch ihr Gehege, folgte garantiert das gesamte Rudel in Sicherheitsabstand aber voller Alarmbereitschaft; mußte ich mal hinter einem Gebüsch verschwinden, überdeckte Arka in Person unverzüglich meine unverschämte Duftmarke, und verliess ich ihr Territorium schließlich, versammelte sich die ganze Gruppe am Zaun und blickte mir mit rätselhaften Wolfsaugen schweigend nach.

Arka hatte zu jener Zeit Welpen, und abgesehen von der Routinearbeit diverse Gehege zu beobachten und zu filmen, konnte ich ein anderes Projekt verfolgen: Die Integration eines Wildhundwelpen in eine Haushundegruppe plus Mensch. Die sandfarbene Arka-Tochter Alyscha lehrte mich und meine drei britischen Jagdhundedamen in Rekordzeit, dass Haus- und Wildhunde, seien letztere auch schon mit Haushund vermischt, zwei ganz verschiedene Paar Schuhe sind, und als wir 1985 die Station wieder verliessen, mußte ich Alyscha zurücklassen - das Leben mit uns, zumal ausserhalb der Station, wäre für sie der pure Dauerstress gewesen.
Allerdings hatte mich die Arbeit mit Trumler überzeugt, dass ich unbedingt weiter in der Rassehundeforschung arbeiten wollte, aber irgendwo, wo es mehr abgeschiedene Gegenden gab - in Italien zum Beispiel.
Folglich zogen wir, Jessica, Jana, Gina und ich, in die Toskana, genauer gesagt in die Apuanischen Alpen. Dort oben in den verlassenen Bergen startete ich das Projekt "Gordon Setter".

Für etliche Jahre studierte ich (oder vielmehr: wir, schliesslich halfen ja alle Hunde mit) die Jugend-entwicklung der Gordonwürfe.
Bis die Schicksalsweberinnen etwas ganz Übles ausheckten: irgendein Irrer warf unbemerkt Giftköder in mein Grundstück.
Ich wünsche Ihnen von Herzen, daß Sie diese Erfahrung nie machen werden.
Das Gift (Strychnin, nach Meinung des Tierarztes) führte, entsprechend der geringen Dosis, zunächst zu Erbrechen. Als es Stunden später das Gehirn erreichte, stürzte sich der betroffene Hund plötzlich knurrend auf den erstbesten Gefährten neben sich, und dann rastete er aus, wurde im wahrsten Sinne des Wortes verrückt.
Gordon Junghündin Rana, nachdem sie sich nachts knurrend auf ich weiss nicht welchen Kumpan gestürzt hatte, zerstörte während ihres folgenden Amoklaufes den gesamten, sehr stabilen Hüttenkomplex der sechs Hunde vorm Haus, verbiß sich dann in der Hüttenpolsterung, fiel ins Koma und starb erst Stunden später. Nur drei Tage darauf griff Jessica nachts plötzlich den Gordon David an und bekam dann schauerliche Laufanfälle, während derer sie, ohne noch zu wissen, was sie tat, wie zwanghaft kurze Strecken im Grundstücke herumraste, dann zuckend zusammenbrach, heulte, und wieder versuchte zu rennen.
Ich wohnte allein in den Bergen, natürlich weitab vom nächsten Dorf, ohne Auto, ohne Telefon, ohne Verbindung zu irgendwem, und meine Hunde auf diese Weise sterben zu sehen war alles andere als erbaulich.
Nachdem ich Rana und Jessica beerdigt und endlich begriffen hatte, dass ein Giftleger sein Unwesen trieb, war mein einziger Gedanke, die Gruppe unverzüglich zu verkleinern, denn es gab keinen Ort, an den wir so plötzlich hätten umziehen können, und mehr als zwei Hunde konnte ich in dem grossen Grundstück nicht beaufsichtigen. Ich hatte noch Monate Angst vor diesem unbekannten Menschen, der meinen Hunden grundlos und gnadenlos einen derart qualvollen Tod bescherte, aber er tauchte nie wieder auf.
Nur Jana und die fehlfarbene Gordon Junghündin Suki blieben bei mir - wochenlang mit Maulkorb sogar im eigenen Garten…
Seltsam sind die Verstrickungen des Schicksals - ein halbes Jahr später bekam ich nämlich einen neuen Hund. Das trug sich folgendermaßen zu: Jemand fuhr mit seinem dreifarbigen Englisch Setter Rüden in die stillgelegten Marmorbrüche oberhalb meines Hauses und band das Tier dort mit einem Seil an. Tatsächlich sah ich den hübschen Kerl (ich rede natürlich vom Hund) beim Morgenspaziergang in der Ferne dasitzen, dachte mir aber nichts Böses, ausser, dass es ihm unter der glühenden Sommersonne ganz schön warm sein müsste. Der Jemand fuhr irgendwann an meinem Grundstück vorbei bergab. Am folgenden Tag war auch der Hund verschwunden. Seltsamerweise jedoch hatte er ein durchgebissenes Seil hinterlassen.

Seltsamerweise wuselte nun auch jede Nacht etwas durch den Garten, liess sich aber nie von mir erwischen. Erst drei Wochen später "stellten" Jana und Suki den Eindringling bei einer nächtlichen Pinkelrunde. Dass der Rüde, von mir auf den Namen Paul getauft, abgemagert war, kann man sich leicht vorstellen. Um seine Panik vor mir, dem Menschen, zu verstehen, muss man allerdings in die tiefsten Alptraumwelten steigen, die die Seele eines Hundes bedrücken können. Ich will hier nicht beschreiben, wielange es dauerte, um Paul davon zu überzeugen, dass ich ihm genauso wohlgesonnen war wie Jana und Suki. Oder wie er anfangs beim Wittern von Federwild ausnahmslos immer die Rute klemmte, sich zu mir schielend kurz duckte, und dann einfach weiterging und so tat, als hätte er nichts gefunden. Oder wie er, nach etlichen Monaten bei uns, mein perfekter Schutzhund gegenüber allen Männern wurde, obwohl sich die Herren ganz und

gar friedlich verhielten. Oder wie dieser große Rüde mir panisch auf den Schoß sprang, als er zum ersten Mal nach langer Zeit die Stimmen von Jägern in der Nähe hörte. Natürlich half er zu diesem Zeitpunkt den zwei Hündinnen ansonsten tüchtig und völlig unverklemmt beim Suchen und Vorstehen und war der Stolz in Person, wenn er mich auf seine Beute hinwies.
Der Korrektheit willen hatte ich Pauls Fund natürlich bei der nächstgelegenen Kaserne der Carabinieri gemeldet. Vielleicht kam es dadurch, daß der örtliche Tierschutzverein auf mich aufmerksam wurde. Jedenfalls stieg zum Sommerende hin eines der Mitglieder auf meinen Berg und fragte, ob man nicht einige Welpen bis zur endgültigen Vermittlung bei mir unterbringen könne. Klar doch! Und so entstand in unserem grossen Grundstück bald so eine Art Hunde-Kinderheim. Als der Besitzer des Hauses in dem ich lebte von der Aktion erfuhr, brachte er mir zwei Welpen seines Lupo Italiano Paares, die ihm daheim den Garten zu ruinieren drohten, und die er, obwohl die übrigen Wurfgeschwister schon vergeben waren, noch nicht hatte vermitteln können.
Besonders gut erinnere ich mich an Binna, einen etwa vierwöchigen Pointer-Segugio-Mischling. Nicht nur weil sie das Prinzip der Stubenreinheit komplett missverstand - sie sprintete vom Garten ins Haus, um zu pischern etc., sondern vor allem, weil sie der erste junge Welpe war, mit dem das nun erwachsene Setterpaar Suki und Paul Kontakt hatte.

Suki war bei Binnas Ankunft gerade scheinschwanger, und nachdem die Kleine ergebnislos versucht hatte, bei Jana und Paul die vertraute Milchbar zu finden, endete sie zwangsläufig bei Suki - und wurde fündig. Der nahezu verklärte Gesichtsausdruck der Gordonhündin, wenn Binna wohlig schmatzend das bißchen Milch aus ihren leicht geschwollenen Zitzen sog, wäre ein Foto wert gewesen. (Aber natürlich hatte ich ausgerechnet da keinen Film in der Kamera.) Der Tierarzt erklärte, es sei in Ordnung für die Hündin, und folglich liess ich der Natur ihren Lauf. Binna wurde Sukis Adoptivtochter, und Paul sammelte erste Erfahrungen, was es bedeutet, Vater zu sein, denn der Welpe adoptierte ihn einfach als solchen mit. Vielleicht brachte Binna sie auf den Gedanken, und außerdem fand Suki den ungefähr gleichaltrigen Engländer Paul ohnehin sehr anziehend. Tatsache ist, daß sie ihn bei der nächsten Frühjahrsläufigkeit unter diversen (streunenden) Bewerbern zu

ihrem Gatten erwählte, ihm ihre Jungfernschaft opferte und schließlich drei English und drei Gordon Setter farbene Welpen gebar. (In meinem Bett, nebenbei bemerkt, obwohl sie die Wurfkiste zunächst ach so wunderbar gefunden hatte…) Mit Papa Paul und Tante Jana hatte sie gute Unterstützung, und die lieben Kinder gediehen prächtig. Ebenso meine Forschungsarbeit mit ihnen.
Kaum waren alle Welpen - Setter, Lupo Italiano und Tierschutzhunde- vermittelt, flüsterten die Nornen mal wieder und wir mussten den einsamen Berg verlassen: Der Besitzer des Hauses hatte eigenen Bedarf angemeldet.
In der Etagenwohnung im Dorf gestaltete sich die Haltung von zwei Damen und einem Hundeherrn sehr schwierig, zumal Paul auf den Geschmack gekommen war und die Welt mit seinen Nachkommen füllen wollte.
Gott sei Dank lernte ich gerade rechtzeitig einen Jäger namens Paolo kennen, dessen Hund vor kurzem gestorben war, und der Paul trotz dessen allgemeiner Skepsis gegenüber Männern (und Kindern) äusserst sympathisch fand. Erstaunlicherweise bekundete auch Paul eine spontane Sympathie für Paolo. Unter der Bedingung, dass Paul unverzüglich zu mir zurückkäme, wenn der eine oder andere Herr mit der Veränderung nicht glücklich wäre, zog Paul zu Paolo. Zu meiner Freude verstanden sich die beiden ruhigen, sensiblen Gesellen ausgezeichnet, und so war unser Engländer gut versorgt, zumal sein neuer Herr ihm etwas bieten konnte, wonach er inzwischen richtig lechzte: im Ernst jagen zu gehen nämlich!
Hätten sich doch die Schicksalfäden nur nicht schon wieder verwirrt…! Suki starb wenig später von einer Viper in die Lefze gebissen, und Jana, ihr Leben lang daran gewöhnt, vierbeinige Kumpanen um sich zu haben, wollte so ganz ohne die anderen auch nicht mehr, gab ihrem Krebsleiden nach und starb im selben Monat wie Suki.

Der Schock, plötzlich ohne Hund zu sein, war niederschmetternd. Ich füllte ständig Wasser- und Futternäpfe für Hunde, die nicht mehr lebten und zückte die Leinen zum gewohnten Spaziergang, obwohl es keine Hunde mehr gab, die mich hätten begleiten können.
Meine englische Freundin im Nachbarort, die vor langer Zeit Gina übernommen hatte, (eine komplizierte Geschichte, die an anderer Stelle erzählt wird) erklärte just zu dieser Zeit, Kinder und Gatte seien des Hundes müde. So kam Gina nach Jahren des Exils überglücklich zu mir zurück.
Man kann nicht in einem italienischen Bergdorf leben und in dessen Umgebung mit einem Hund spazierengehen, ohne Bekanntschaft mit herrenlosen Hunden zu machen.
Nr. 1 war Purzel. Die, der Entwicklung der Zähne nach zu urteilen vielleicht achtwöchige Hündin erschien eines Tages auf dem Dorfplatz - Herkunft unbekannt. Purzel war lackschwarz mit weißem Latz und drei weißen Pfotenspitzen. Auf dem Rücken trug sie dichtes Langhaar, das Richtung Kopf zu Rauhhaar wurde und, wie sich das gehört, buschige Augenbrauen und einen hübschen Bart bildete. Auch die Läufe waren rauh behaart; nur der Schwanz fiel ziemlich aus der Rolle, hätte er doch einen Schäferhund gut gekleidet. Purzels Ohren boten eine verwirrende Vielfalt, denn obwohl dreieckig und relativ groß, hatten sie noch nicht entschieden, was sie werden wollten: Steh,- Kipp- oder Rosenohren. Vom Format her erinnerte die junge Hündin verblüffend an Basset oder Dackel, denn sie war nicht nur extrem lang, sondern stand auch auf sehr kurzen, stämmigen, leicht krummen Läufen, und ihren

Schäferhundschwanz trug sie hoch aufgerichtet wie eine Laufhundrute.
Diesmal tuschelten nicht die Nornen, sondern mein deutscher Tierarzt Freund, der gerade zu Besuch war, mit mir. Nach nur ganz kurzer Überlegung adoptierte und taufte er Purzel auf eben diesen Namen, schmuggelte sie bei der Rückreise im Flugzeug irgendwie mit nach Berlin und erzählte mir etliche Monate später, ihr Bart sei inzwischen rostbraun.

Diverse andere, erwachsene Hunde folgten Gina und mir bei den Spaziergängen, und taten einfach so, als ob sie zu uns gehörten. Ich war mehr als willig, sie zumindest zeitweise aufzunehmen - nicht so Gina. Draußen verhielt sie sich einfach nur spröde, um es nett auszudrücken, aber betraten die Gäste dann wie selbstverständlich ihr Heim erster Ordnung wurde sie zur Furie. Niemand hielt ihren Psychoterror länger als ein paar Tage aus. Niemand außer Scheich.

Dieser sandfarbene Schäferhundmischling hatte eine traurige Geschichte zu erzählen. (Aber natürlich erzählte nicht er sie mir, sondern der Postbote, der alles mitangesehen hatte.) Also, dieser Rüde wurde eines abends vorm Nachbardorf von einem vorbeifahrenden LKW geworfen, brach sich dabei den rechten Vorderlauf, wurde von einem Augenzeugen (Briefträger) aufgesammelt, adoptiert und versorgt. Zur Ruhe kam der Hund leider nicht. Er humpelte täglich die Asphaltstraßen zwischen den Dörfern entlang, vielleicht auf der Suche nach Herrn und Heim, wer weiß. Das böse Glück wollte es, daß er bei der (hoffnungsvollen?) Verfolgung eines Lkws erneut angefahren wurde. Wieder ein Bruch des rechten Vorderlaufs. Leider gab es
diesmal keinen Briefträger, der ihn zum Tierarzt brachte, und so verheilte der Bruch schlecht. Der Rüde lungerte weiterhin zwischen dem Dorf, wo man ihm vom LKW geworfen hatte, und unserem Dorf herum, und als ich ihn zum ersten Mal sah, fiel mir sofort die Verdickung oberhalb der rechten Pfote auf; die alte Bruchstelle. Vor allem aber fiel mir auf, daß Gina ihn tollerierte, als er uns nachlief - er überschlug sich nämlich fast, um ihr seinen Respekt zu bekunden. Na gut, dachte ich, und ließ ihn ins Haus kommen. Haustüren waren ihm suspekt, Treppen erst recht, und sich in einer Wohnung zu bewegen fand er extrem befremdlich. Aber scheinbar mochte er mich und Gina und überwand seine Skepsis. Die Inspektion der Zähne, Hoden und des Allgemeinverhaltens legte nahe, daß der von mir so benamste Scheich noch nicht einmal ein Jahr alt war. Tatsächlich verhielt er sich Gina gegenüber wie ein unterwürfiger Junghund, und das allein bewegte sie, ihn zu dulden. Und so kam es, daß Scheich für viele Monate bei uns blieb, sesshaft wurde, aufhörte, den LKW zu suchen, und schließlich von den schon erwähnten Tierschützern an einen neuen, permanenten Besitzer vermittelt werden konnte.
Unterdessen hatte ich eingesehen für das Leben in einem italienischen Dorf kein genügend widerstandsfähiges Nervenkostüm zu besitzen und fand nach langer Suche in den Bergwäldern einen verfallenen Stall, den ich in ein bewohnbares Domizil umbaute. Gina, nun neun, schon ziemlich grau um die Nase und aus unbekannten Gründen auf den Namen Lieschen umgetauft, fand die Veränderung grandios. Sie ließ sich sogar dazu herab, Lampo in ihrem neuen Heim erster Ordnung zu akzeptieren.
Lampo, ein kippohriger junger Schäferhundmischling, war in Wahrheit meiner Tierarzt-Freundin zum Einschläfern gebracht worden, weil die Besitzer ihn nicht in die neue Stadtwohnung mitnehmen konnten/wollten. Logisch, daß meine Freundin die Leute zum Teufel jagte und den gutmütigen großen Kerl fürs erste zu uns brachte. Leider währte die Idylle nicht lange. Kaum fünf Monate nach dem Umzug in den Wald starb Gina an Krebs.
Eine örtliche Tierschutzorganisation nutzte die Gunst der Stunde und füllte mein riesiges, einsames Grundstück mit herrenlosen Jagdhunden. Setter, Pointer und Epagneul Breton kamen und gingen. Nur Lampo blieb, ließ sich in philosophischer Gleichmut von Banshee tyrannisieren, einem im Wald gefundenen Kätzchen

das wir adoptiert hatten und inspirierte mich selbstverständlich beim Verfassen meiner Zeitschriftenartikel. Und dann, natürlich!, mußten die Schicksal spinnenden Nornen wieder dazwischenfunken.
Sicher haben Sie genügend Fantasie, um sich folgendes Szenarium vorzustellen: ein am Hang gebautes schmuckes Haus mit Terrasse. Dank der Hanglage unter der Terrasse eine Art Verlies, zu dem man mittels einer langen Leiter herunterklettert. In diesem nassen, engen Betonraum, der auf einer Seite nur mit Maschendraht verschlossen ist, lebt eine tragende Jagdhündin, die mit einer knapp einen Meter langen Kette an die Hütte im Verlies gebunden ist. Es ist Ende Dezember und so kalt, dass das Trinkwasser im Napf schnell überfriert, wie auch das Wasser, das an den Betonwänden des "Zwingers" herunterrinnt. Der stolze Besitzer der Hündin macht gerade Ferien und hat seinem Nachbarn aufgetragen, gelegentlich nach dem Tier zu schauen, um die Welpen gleich nach der Geburt zu eliminieren. Die werdende Mutter beginnt in der Sylversternacht zu werfen, und ich komme am 1. Januar am Haus mit Terrasse vorbei, frage den Nachbarn verdutzt, wieso er mit einer Plastiktüte in der Hand die schwankende Leiter herunterturnt, höre die Antwort und folge ihm ungläubig. In der Hütte liegt Laufhundmischling Lola, erschöpft aber gesund, und bei ihr neun Welpen. Meine erste, automatische Handlung besteht darin, sie von der verdammten Kette zu befreien, in der, kurz wie sie ist, ein paar Neugeborene verschlungen sind. Neben den sieben schwarz-weissen Welpen liegen zwei Black and Tans. "Die nehm' ich!" rufe ich, denn der Nachbar wirft die anderen bereits seelenruhig in die Plastiktüte. Dann besinnt er sich und sagt:
"Na, wenn du zwei nimmst, will ich auch zwei haben", wühlt in der Tüte, zieht ein Neugeborenes heraus und kratzt sich am Kopf: "Ich will aber nur Männchen. Weißt du, wie man die erkennt?" Der Welpe in seiner Hand ist in der Tat ein Rüde. "Hol' mir noch einen 'raus", sagt er und hält mir die Tüte unter die Nase. In dem Gewühl kleiner, warmer Hündchen ist eines mit großen lohfarbenen Marken über den Augen - ein Rüde. Den setze ich zu seinen drei Geschwistern zurück in die Hütte, wo Lola winselt, aber panische Angst hat, herauszukommen. Jeder Versuch, mit dem Mann zu diskutieren ist zwecklos. Er macht mir mit einer Geste grinsend klar, welches Ende den Tierchen in der Supermarkttüte bevorsteht und zieht ab… Ich verzichte an dieser Stelle auf jeden Kommentar, weil ich dabei garantiert meine leidlich gute Erziehung vergessen würde.
Lola bekommt von mir erst mal freudig akzeptierte Streicheleinheiten, sauberes, lauwarmes Wasser, ihre Futterschüssel wird von verschimmelter Salami befreit und mit Trockenfutter gefüllt. Und natürlich verspreche ich ihr, mehrmals am Tag nach ihr zu schauen. Obwohl die junge Mutter reichlich Milch hat, finde ich den ersten toten Black and Tan schon am selben Abend. Seine gleichfarbene Schwester stirbt 48 Stunden später, der schwarz-weiße Bruder am 9. Lebenstag. Krank? Erfroren? Totgedrückt? Ich weiß es nicht, aber die Beerdigungen sind traurig. Bleibt nur der Kleine mit den Lohabzeichen, der aber auch alarmierend oft klagt; vielleicht wegen der Nabelentzündung und den vielen Würmern im Bauch. Den Nabel kann ich nur desinfizieren, gegen die Darmparasiten gebe ich ihm auf eigene Faust Wurmpaste, worauf sich sein Befinden schlagartig verbessert. Fast überflüssig zu bemerken, dass sein künftiger Besitzer an alledem keinen Anteil nimmt; entweder der Köter lebt oder er stirbt, ist seine Devise. Lolas Herr, ein Jäger und Halter von zehn oder zwölf weiteren Jagdhunden in Zwingern neben dem Haus, beschliesst vom Urlaub heimgekehrt plötzlich, dass er die Hündin los werden will. Der Welpe ist knapp vier Wochen alt und soll nun ergo zu dem Nachbarn umsiedeln, oder vielmehr in dessen Garten vorm Dorf, wo ihn eine Hütte mit hübscher, kurzer Kette erwartet und viele einsame Stunden, um über sein Schicksal zu meditieren.
Stattdessen gelangt der kleine Kerl, den ich mit eigener Hand aus der Plastiktüte genommen hatte, in einen kleinen Stoffbeutel, wird unter meiner Jacke versteckt in unseren Wohn-Stall im Wald trans-portiert, auf den Namen Jonas getauft und zu Lampos und Banshees neuem Gefährten. (Mehr über Lampo, Banshee und Jonas in Zurück zur Natur) Erst später erfuhr ich, daß der "hilfsbereite" Nachbar kurz nach Jonas' Entführung willig die Aufgabe übernahm, Lola zu erschießen.

Jonas entpuppte sich als der erstaunlichste Hund, der je mein Leben teilte. Nicht nur wegen seiner rasanten Farbentwicklung (von weiß mit wenig Schwarz und Lohabzeichen über den Augen zu dunkel Merle und schließlich zu undefinierbar vielfarbig). Sondern auch wegen seiner panischen Angst vor sämtlichen Menschen außer mir. Aber vor allem wegen seiner Jagdleidenschaft. Ich hatte mir noch nie Gedanken über den Unterschied zwischen Jagdhunden und jagenden Hunden, Bracken, Laufhunden also gemacht. Tatsächlich sind das zwei ganz verschiedene Welten. Wo der normale Jagdhund direkt mit dem Menschen arbeitet, arbeitet der jagende Hund nur indirekt für

den Menschen. Seinen Aktionsradius muß man in Kilometern bemessen und innerhalb dieses Bereiches agiert er selbständig, mit genialem Jagdverstand, unfaßlicher Fernorientierung und einer Ausdauer, die begreiflich macht, wieso solche Hunde früher von berittenen Jägern begleitet wurden und heute von Jeep fahrenden. Und es erklärt auch, warum viele Laufhunderassen heute praktisch ausgestorben sind - es gibt kaum noch Jagdgebiete, in denen man ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen gerecht wird.
Jonas war neun Monate alt, als das Dach unseres Wohn-Stalles endgültig nachzugeben drohte, meine Tierarzt-Freundin ein festes, neues Zuhause für Pflegehund Lampo fand und Jonas und ich also nach Deutschland zurückkehrten.
Na ja, ich für mein Teil fand die dort herrschende Atmosphäre rasch bedrückend und Jonas vermutlich auch, denn er, dem das Leben in städtischer Umgebung ohnehin schon arg zusetzte, wurde obendrein beinahe täglich Opfer hundischer Pöbeleien. Seine Vorfahren sind Petit Bleu de Gascogne, Foxhound und vielleicht Segugio Italiano, allesamt Meutehunde mit ausgeprägter sozialer Verträglichkeit, und so fehlte ihm jeder Sinn für Macho-Gehabe und Bully-Allüren. Traurigerweise machte ihn gerade seine hohe Tolleranz in der städtischen Hundeszene zum Prügelknaben.
Also flüchteten wir südwärts, in die Schwäbische Alb. Dort wurde mir schließlich klar, daß die BRD für Jonas' Zukunft nur eines bedeuten konnte: gute Aussichten, früher oder später von einem Jäger erschossen zu werden wenn ich ihn mal frei laufen ließ, oder lebenslänglich Leinenzwang. Aber traben am Fahrrad, eine gehörig lange Schweißfährte (mit Rinderblut, versteht sich) pro Woche und ansonsten nur die begrenzte Freiheit an der Feldleine, das war keine akzeptable Lösung für einen Hund mit Kilometer weitem Aktionsradius und der angeborenen Sehnsucht nach freiem Laufen, Laufen, Laufen…
So gut mir die Redaktionsarbeit bei der Hundezeitschrift gefiel, in Deutschland konnten wir nicht bleiben. Vor der Rückkehr nach Italien bekam Jonas allerdings noch eine Überraschung: Giada, einen achtwöchigen English Springer Welpen.

Während der ersten Spaziergänge mit Jonas und dem schwarz-weißen Pummelchen im sonnigen Süden wurde mir so richtig bewußt, wie dem armen Kerl der freie Auslauf gefehlt haben musste! Wirklich zu begreifen, was es heisst, einen Laufhund zu halten, davon war ich allerdings noch weit entfernt. Erst Jahre später bin ich dahintergekommen und muss leider sagen: Nie wieder! Als Jagdhundfan könnte ich mir keine faszinierenderen Hunde vorstellen, aber für diese Tiere hat das Leben nur einen einzigen Sinn: Jagen. Selbständig. Weiträumig. Unermüdlich. Jeden Tag. So blödsinnig es wäre, einem Laufhund, der ja nun einmal vom Menschen gezielt für diese besondere Jagdweise selektiert wurde, per Teletaktgerät oder auf sonstige Weise

seine innerste Natur austreiben zu wollen, so unverantwortlich wäre es andererseits, ihn unkontrolliert gewähren zu lassen. Dass der Laufhund seine Beute erreichen und töten will kann man ihm nicht vorwerfen, er trägt da keine Schuld. Und deshalb sitze ich, Mensch, peinlicherweise zwischen zwei Stühlen: hier die Verantwortung für den Hund, der das Recht hat, er selbst zu sein, dort die Verantwortung für das Wild mit dem gleichen Recht.
Nun, Jonas, Giada und ich hatten das ungeheure Glück ein Gebiet zu finden, in dem es so gut wie keine Rehe und nicht ein einziges Kaninchen gab, wo Hasen und Federwild nur kurz vor Beginn der Jagdsaison im September ausgesetzt wurden (und dann natürlich bis Ende Dezember, wenn die Jagd endete, abgeschossen waren), es vor Wildschweinen nur so wimmelt, (doch denen ging er von Anfang an instinktiv aus dem Wege), und so blieben nur Füchse und Dachse, die in der Tat reichlich vertreten waren. Doch Dachse wandern nicht tagsüber durch die Landschaft, weshalb sie von Jonas nichts zu fürchten hatten. Seinem Foxhoundblut gehorchend stürzte er sich folglich jeden Tag mit unveränderter Wonne auf die Fuchsfährten. Da konnte er suchen und rätseln und verfolgen - bestenfalls bis zum Bau, wo der Spaß zwangsläufig endete, denn um in die Röhre zu kriechen war er natürlich viel zu groß. Eingedenk dessen, dass die Füchse normalerweise zwischen Abenddämmerung und Morgengrauen auf Beutefang ziehen, wenn Jonas zufrieden in seiner Kuschelecke schlief, hoffe ich inständig, dass seine jägerischen Ambitionen sie nicht nachhaltig störten.
Giada hatte ganz andere Interessen. Frauchen, Fressen und Buddeln. Nach Mäusen, nach Erdöl und nach Trüffeln. Ersteres verbot ich, weil ich Mäuse liebe, Zweites fand sie trotz tiefschürfender Grabearbeiten nie, aber Drittes war unbedingt fördernswert, denn 100 g Trüffel verkaufte man in der Saison für gut 20 Euro.
Kurz vor Giadas erstem und Jonas drittem Geburtstag band ein schlauer Jäger aus der Umgebung seine nicht mehr erwünschte Hündin an unserer Eingangstreppe an und verschwand. Diana, vermutlich eine Kreuzung aus Bleu de Gascogne, Ariégeois und braunem Segugio Italiano, war fast vier Jahre alt, voller Liegeschwielen wo immer die Anatomie das ermöglicht, und genauso jagdbesessen wie Jonas. Mit dem einen Unterschied, daß sie mit dem typischen Geläut der Laufhunde durch die Landschaft zog, was leider sehr verräterisch ist.

Mir war schon nach wenigen Tagen klar, daß ich Diana nicht behalten könnte und wollte, doch der Jäger, den ich mühelos identifiziert hatte, weigerte sich, seinen Hund wieder abzuholen und drohte, Diana zu erschießen, sollte ich sie dreisterweise zurückbringen. Das arme Ding bei Frost und Schnee draußen streunen zu lassen war natürlich auch keine Lösung, und so kam sie mit in die kleine Wohnung, wurde läufig und liess sich von Jonas decken. Was mich noch heute erstaunt, denn die beiden hatten dank ihres Jagdfiebers draussen überhaupt keine Zeit für amouröse Zwischenspiele, und waren nach den langen Spaziergängen meist viel zu erschöpft. Meist. Nicht immer. Einmal fühlte Jonas sich doch verpflichtet, dem Ruf der Natur Folge zu leisten, schlief allerdings während des Hängens für etliche Minuten tief und fest auf Dianas Rücken ein…
Dass nun bloss niemand denkt, die Welpen wären als Schlafmützen zur Welt gekommen. Ganz im Ge-genteil hatte sich das Jagdfieber ihrer Erzeuger in den Nachkommen noch potenziert. Der Bleu farbene Daniel und seine Schwester Jacqueline, Typ Ariégeois, blieben bis zur Pubertät bei uns, und an ihre Wilden Jagden unter Jonas' Führung und Giadas kurzfristiger Begleitung möchte ich lieber nicht zurückdenken. Wohlgemerkt, die Viererbande hat nie auch nur ein einziges Wildtier gestellt und getötet, aber ich fürchte, sie waren manchmal nahe daran, und hätten es früher oder später auch geschafft. Aber Daniel starb beim Toskana-Urlaub jämmerlich an einem Giftköder, Jacqueline zog zu ihrem neuen Herrn, Diana hatte uns längst verlassen, Giada konzentrierte sich wieder aufs Buddeln und Jonas nahm neuerlich seine Solo-Arbeit in der Fuchsspurensicherung auf.

Die Jahre zogen ins Land, und dann kam der traurige Tag, im August 2005, an dem Giada, knapp 11, eingeschläfert werden mußte. Krebs.
Nun war Jonas in seinem vierzehnten Lebensjahr plötzlich wieder Einzelhund.
So ganz gefallen tat ihm das nicht, und wir würden diesem Zustand garantiert sehr bald Abhilfe schaffen, beschloß ich. Wenn er einen Welpen in die Kunst des Fährtenlesens einweihen müßte, würde er die Trauer um seine Freundin bestimmt leichter verarbeiten.
Und ich auch.
Dachte ich.
Tja, fast ein Jahr war ins Land gezogen, seit Giada in den

Ewigen Jagdgründen Schmetterlinge verfolgte und massenhaft Hundekekse mampfen konnte, ohne je Bauchweh zu kriegen. Uns Erdenbürgern erging es währenddessen nicht so gut, denn in Jonas hatte sich dieses seltsame Phänomen wiederholt, das ich schon bei so vielen Hunden beobachten konnte: wenn der langjährige Hundepartner stirbt, gerät das sogenannte psychosomatische Gleichgewicht nachhaltig aus dem Lot - und da ändert auch Herrchen oder Frauchen nichts dran. Jonas, der den Tierarzt während der ersten 13 Sommer seines Lebens praktisch nur zum Impfen gesehen hatte, begann wenige Wochen nach Giadas Tod zu kränkeln. Aber nicht nur das. Er begann auch Giada-eigene Gewohnheiten anzunehmen: Betteln bei Tisch, Müllfressen, frenetisches Trüffelsuchen für den "Eigenbedarf", unerträgliches Gieren nach jedem Apfel und jeder Möhre die ich beim Spaziergang kaute, und natürlich wich er mir draußen kaum noch von der Seite. Regelrecht gespenstisch. Als hätte Giada bei ihrer Himmelfahrt noch schnell alle typischen Verhaltensweisen bei ihm abgeladen. Seine ebenfalls eher atypische Begeisterung beim seltenen Zusammentreffen mit anderen, netten Hunden brachte mich in echte Seelennöte, so eindeutig war sein Begehren nach arteigener Gesellschaft.
Dann im Frühjahr auch einen Welpen zu finden erwies sich als nicht ganz so einfach, und es wurde Juni, bis Jens bei uns Einzug hielt, ein sechseinhalb wöchiger DK Braunschimmel.
"Opa Jonas" nahm den Winzling sofort und willig unter seine Fittiche, und Jens fand den Grossen einfach toll. Letzterer fühlte sich in den ersten Wochen sogar verpflichtet, wie eine Furie gegen alle Vierbeiner zu drohen, die sich, völlig ahnungslos und in den meisten Fällen mit den freundlichsten
Absichten, "seinem" Welpen näherten. Was mich erstaunte, denn Jonas hielt sich nie damit auf, Klein-Giada zu verteidigen und griff auch bei seinen eigenen Sprösslingen nur ein einziges Mal ernstlich sauer ein, als ein fremder Rüde seinen Sohn Geoffrey angriff.
So lästig Jens' Kuschelbedürfnis auch bisweilen sein mochte, irgendwie genoss es Jonas durchaus, wieder "jemanden zu haben", und sein Gesundheitszustand verbesserte sich merklich. Aber er wurde trotz alledem nicht wieder "der alte", der unermüdliche Sprinter, Akrobat, Clown, passionierte Jäger in allen Lebenslagen, stets ganz Nase, Auge und Ohr.
Ein paar Tage nach Jens' Einzug brach Jonas völlig unerwartet zusammen und fiel in einen fast komatösen Zustand. Während ich bereits kummervoll überlegte, wo ich ihn würde begraben können, begann er, sich wieder zu regen, stand unsicher aber entschlossen auf, ging von mir eskortiert nach draussen, um die Blase zu entleeren, kehrte zum Wassernapf in der Küche zurück, trank und verlangte nach einem Spaziergang.
Von der ausgiebigen Runde heimgekehrt, bei der er seine Nulldiät schon mal mit Pferdeäpfeln und Trüffeln aufhob, trank er wiederum ausgiebig und forderte sodann seine normale Mahlzeit. Sie bekam ihm ausgezeichnet, und wenig später rangelte er mit Jens um den Besitz eines Kauknochens, den er am Ende selbstredend beschlagnahmte und genüßlich fraß.
Natürlich hatte die Tierärztin recht: Jonas war inzwischen ein alter Herr, so schwer es mir auch fiel den faszinierendsten all meiner Hunde, Begleiter durch viele Abenteuer und Umzüge so zu bezeichnen.
Leider verkehrte sich auch die positive therapeutische Wirkung des Welpen rasch ins Gegenteil, denn Jens entwickelte sich, wohl aufgrund einer angeborenen Nervenschwäche, zu einem extrem problematischen Hund, dessen chronische Unruhe für alle Beteiligten sehr belastend war.
Pünktlich zu Weihnachten 2006 fand ich dann einen streunenden
English Setter Senior, Jules getauft, den liebenswertesten Hund, den man sich denken kann, doch unglücklicherweise von einigen alarmierenden organischen Störungen heimgesucht. Jonas, der, wie übrigens auch Jules, den mittlerweile gleichgroßen Jüngling Jens keine Spur mehr unterhaltsam fand, und auch gesundheitlich wieder auf Talfahrt war, zog sich einfach in sich selbst zurück. Ein Umstand, der zum Auslöser wurde, einen neuen Besitzer für Jens zu suchen.
Dann klappte ich zusammen. Ruhe, null Stress oder Krankenhaus, urteilte der Doktor. Krankenhaus, und die Hunde bleiben allein daheim? Wohl kaum.
Der Tierschutz erklärte sich bereit, Jules nach Deutschland zu bringen. Eine Jungjägerin aus Deutschland holte Jens ab, und so leid es mir tat, die beiden ziehen zu sehen, so erleichtert war ich, mich in den letzten Monaten, die meinem 14 jährigen Jonas noch bleiben würden, ganz und gar und ohne jede Hektik um ihn kümmern zu können.

Im Oktober 2007, kurz vor Vollendung seines fünfzehnten Lebensjahres, mußte Jonas eingeschläfert werden.
Auf der Flucht vor einem hundelosen Heim voller Leinen, Halsbänder und halb gefressener Kauknochen reiste ich erst einmal zum "Winterurlaub" nach Deutschland; fast genau 14 Jahre nach meiner letzten Stippvisite. Der Gedanke an einen neuen Hund kam zwar immer mal auf, doch bis Jonas dann tatsächlich einen würdigen Nachfolger fand, dauerte es viele Monate, zumal ich immer hin und her gerissen war zwischen den drei Rassen, die in die engere Wahl kamen: der Vizsla, der Segugio Italiano und der Bracco Italiano. Der Segugio ist ein Laufhund, Vizsla und Bracco sind Vorsteher. Am Ende siegte die Vernunft, denn schliesslich wird man nicht jünger, und ein Laufhund, will man ihn angemessen halten, stellt nun mal enorme Ansprüche in Sachen Freilauf und rassegerechter Arbeit.
Im März 2008 wieder daheim in Italien nahm das Schicksal mich an die Hand und führte mich zu einem Bracco Züchter, Dr. Mele, gar nicht so weit von mir entfernt, und auf dessen Hof sah ich zwischen Geschwistern, Mutter, Cousins und sonstigen Verwandten einen schlacksigen, 8 Monate alten Rüden. Nach Stunden in Haus und Garten des Züchters, der mir viele wichtige Tipps in Sachen Bracco gab, stand meine Wahl fest: der schlacksige Braunschimmel sollte es sein.
Der offiziell Bolo genannte Hund reiste mit mir nach Hause, und ich genoss seine plötzliche Präsenz in meinem Leben fast genauso wie die meines allerersten Hundes mehr als dreissig Jahre zuvor.
Ein Dasein ohne Vierbeiner mag in mancher Hinsicht einfacher sein, aber angenehmer - bestimmt nicht!
Bolo akzeptierte ohne Murren auf Julian umgetauft zu werden, wuchs heran, entwickelte sich prächtig und wurde für manchen Hundefan Anlass, sich einmal genauer mit dieser seltenen italienischen Rasse zu beschäftigen.
Nun bin ich ja prinzipiell der Meinung, dass innerartliche Kontakte für den Hund enorm wichtig sind. Julian ist jetzt zwei Jahre alt, und vielleicht würde ihm ein Kumpel im Haus gefallen und gut tun.
Na ja, im Frühjahr hat sein Züchter wieder Welpen. Wer weiss....
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