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20.
Schorschi - das Schwein, das aus dem Keller kam...
Es
müsste jetzt so vier Jahre her sein, als ich
einen Anruf erhielt. Die Dame am anderen Ende der
Leit-ung
war mir unbekannt, und zuerst dachte ich, sie hätte
sich vielleicht verwählt. Als sie jedoch erwähn-te,
sie hätte meine Schwester auf einer Geburtstagsfeier
getroffen und sich lange mit ihr unterhalten, wurde
ich hellhörig. Wie sich herausstellte, hatte meine
Schwester erzählt, dass ich gerne ein Mini-schwein
hätte.
Nun kann man das nicht so stehen lassen. Mein Interesse
an diesen Tieren war zwar groß, doch ich woll-te
lediglich eines in natura zu Gesicht bekommen, nachdem
ich viel darüber gehört hatte. Die Frau
schien etwas enttäuscht, hatte sie doch ein
junges Schweinchen zu Hause, dass ihr mehr und mehr
Prob-leme bereitete.
Da sich ihre Wohnung unweit meiner Arbeitsstelle befand,
beschloß ich, mir das kleine Schwein einmal
anzusehen...Nach der Arbeit packte ich wie immer
meine Hunde ins Auto
und fuhr zu der angegebenen Adresse. Das Haus lag ziemlich
im Zentrum der Stadt und war ein Teil eines Reihen-hauses.
Kurz nachdem ich geklingelt hatte, öffnete die
mir bis dahin unbekannte junge Frau die Tür.
Sie begrüßte mich freundlich und bat mich
einzutreten. Gleich hinter der Eingangstür führte
auf der linken Seite eine Treppe in das Kellergeschoß
des Hauses. Es schien der jungen Frau etwas unangenehm
zu sein und sie entschuldigte sich dafür, dass
wir in den Keller gehen müssten. Sie erzählte,
sie hätte das jetzt 4 Monate alte Schweinchen
von einem Tierschutzverein übernommen,nachdem
sie im Internet gelesen hatte, dass man diese Tiere
sehr gut
als Haustiere halten könnte. Dort wurden minipigs
mittlerweile als ideale Haustiere angeboten
- stubenrein, gehorsam und unkompliziert. Anfangs
ging
der kleine Eber brav auf seine Katzentoilette, allerdings
nur um dort Urin abzusetzen. Die Haufen verteilte
er lieber
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in
der Wohnung. Auch den Sinn der Blumentöpfe sah
das Schwein eher darin, diese zu durchwühlen.
Wie es sich eben für ein richtiges Schwein gehört.
Schlussendlich wusste sich die Frau nicht anders zu
hel-fen und verbannte den Kleinen in den Keller, bevor
er die Wohnung völlig verwüstete. Wir gingen
in das dü- stere Untergeschoß und zuerst
sah ich gar nichts außer herumstehender Dinge,
die man so in einem Kellerraum lagert. Als sie das
Licht einschaltete,
flitzte das Schwein zwischen den Sachen herum und versteckte
sich. Die junge Frau versuchte Schorschi, so der Name
des Minischweins, zu locken. Mit zuckersüßer
Stimme sprach sie auf ihn ein. Das Schwein hatte jedoch
keine Lust herauszukommen.
Mir tat der Kleine leid, wie er da zwischen dem ganzen
Gerümpel herumlief und schon etwas verstört
wirkte. |
Kurzentschlossen
erklärte ich mich nun doch dazu bereit, ihn erst
einmal mitzunehmen. Ein Schwein für eine kurze
Zeit unterzubringen, sollte kein Problem sein und
dann würde
sich schon eine Lösung finden. Das größere
aktuelle Problem war die Unterbringung im Auto. Die
Dame
besaß zwar ein Behältnis, in das das Schwein
hineinpasste, aus dem es aber auch sehr leicht wieder
heraus konnte. Die große lilafar-bene Plastikbox,
die ursprünglich einem Gerät von Metabo zur
Aufbewahrung diente, war für ein 9kg schweres
Minischwein ausreichend groß, hatte jedoch keinen
Deckel. So konstruierten wir eine Abdeck-ung mit
einem großen
Tuch, das wir ringsherum mit einer Schnur fixierten.
Nachdem die Neugier siegte und der kleine Eber zwischen
Kellergerümpel schließlich doch zum Vor-schein
kam, verpackten wir ihn in der Kiste und stellten diese
auf den Beifahrersitz, damit ich Schor-schi während
der Fahrt im Auge behalten konnte.
Die Hunde - selbstverständlich gut gesichert durch
ein Trenngitter - schnüffelten interessiert nach
vorne. Noch verhielt sich das Schweinchen ruhig in
seiner
Kiste, was sich allerdings schnell ändern soll-te.
Ich verabschiedete mich und fuhr los. |
Ich
war noch nicht sehr weit gekommen, als es in der
Kiste
zu rumpeln begann. Das Schwein hatte keine Lust, nichts
von der Umwelt mitzubekommen, und kur-ze Zeit später
kam an einem Ende der Kiste die Schweinenase zwischen
Handtuch und Box zum Vor-schein. Die restliche Nachhausefahrt
verlief sehr abenteuerlich. Ich war ständig
damit beschäftigt, Schorschi an dem einem oder
anderen Ende der Kiste wieder ins Innere zurückzubefördern.
Mit einem Schwein auf dem Schoß hätte
ich die Fahrt auch nicht unbedingt weiterführen
können.
Ohnehin wäre ich wohl in arge Erklärungsnot
geraten, wenn ich in eine Poli-zeikontrolle gekommen
wäre. |
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Endlich
zu Hause fuhr ich mein Auto in die Garage und lud erst
einmal die Hunde aus, die schon total hibbelig wegen des
Schweinedufts geworden waren.
Mein Mann, der die Woche bei einer Fortbildung verbracht
hatte, stand in der Einfahrt und packte ge-rade ein
Fahrrad
aus seinem Auto aus. Auf sein "Schau mal, ich hab
mir ein Liegerad aus München mit-gebracht!"
erwiderte ich "Schau mal, ich habe ein Schwein mitgebracht!"
Nachdem er mich nun schon lange genug kannte, wusste
er, dass dies kein Scherz sein konnte. Da Schorschi
zu dieser
Zeit noch ri-chtige Frischlingsstreifen besaß,
dachte er gar, ich hätte ein junges Wildschwein
angeschleppt. |
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Da
Schorschi bisher im Haus untergebracht war und die
Außentemperaturen
zu dieser Zeit noch nicht son-derlich hoch waren, blieb
uns nichts anderes übrig, als das Schweinchen erst
Mal auch bei uns im Haus einzu-quartieren. Gott sei Dank
besitzen wir mehrere Zim-mer, so dass mein "Tierzimmer"
zunächst Schorschis Unterkunft wurde. Der Kleine
war sehr anhänglich, ging tatsächlich auf´s
Katzenklo und wollte immer dabei sein. Gelegentlich verteilte
er zwar die Einstreu der Katzentoilette im näheren
oder auch weiteren Umkreis, dennoch konnte man ihn
als
stubenrein bezeichnen.
Ein paar Wochen später waren die Temperaturen dann
so weit gestiegen, dass seiner Umsiedlung nach draussen
nichts mehr im Wege stand. Wir richteten dem kleinen Schwein
eine vorübergehende Unterkunft in der Scheu-ne
ein.
In der nächsten Zeit mussten erst einmal die nötigen
In -formationen über richtige Ernährung und
Versorgung |
solcher
Schweine herangeschafft werden. Wir beschlos sen, den
ohnehin unbenutzten Hundezwinger in eine Schweineunterkunft
umzugestalten. Viel musste dafür nicht getan werden.
Die Hütte wurde mit Stroh gefüllt und der
Außenbereich
des Zwingers noch mit einem größeren Auslauf
versehen. Dann zog Schorschi ein. Spaziergänge
im Garten hatte er schon hinter sich, und so inspizierte
er seine neue Un-terkunft ohne Scheu. Die Hütte
schien ihm zu gefallen und er wühlte sich durch
den Strohberg ins In-nere. Von nun an wohnte das Schwein
also im
Zwinger,
erhielt in unserer Anwesenheit Auslauf im Garten |
und
durfte gelegentlich auch ins Haus. Schon machte sich
allerdings ein anderes Problem be-merkbar.
Da es
sich um einen kleinen
Eber handelte, blieb auch das typische Ebergehabe
nicht
aus. Das gerade mal 12 kg schwere Schweinchen versuchte
schon an den Beinen aufzureiten und seinen Dickschädel
durchzu-setzen. Da ich in der Literatur gelesen hatte,
dass man die Eber am besten frühzeitig kast-rieren
sollte, um spätere Probleme zu vermeid-en, suchte
ich mir einen kompetenten Tierarzt und vereinbarte
einen
Termin. Die Kastration verlief ohne Komplikationen und
Schorschi war nun ein sogenannter "Borg". |
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Minischweine
sind durch Kreuzungen verschiedener Schweinerassen
entstanden und werden noch nicht lange reingezüchtet,
so dass es hin und wieder zu unliebsamen Überraschungen
kommen kann. Die Ge-wichtsspanne der Minipigs reicht von
erwünschten 25 kg bis stattlichen 120 kg. Darum sollte
man solch ein Schwein von einem seriösen Züchter
erwerben, bei dem man auch die Elterntiere und deren Größe
begutachten kann. Selbst hier kann es allerdings sein,
dass die Wurfgeschwister in Farbe und Größe
stark variieren.
Schorschis Herkunft war völlig unklar; klar hingegen
war sehr schnell, dass er das Gewicht von 25 kg schon
ziemlich bald überschreiten würde. Mittlerweile
ist aus dem ehemals kleinen Schweinchen ein stattlicher
Eber von geschätzten 60 - 70 kg Gewicht und mit
imposanten Hauern geworden. |
Für
Fressen tut er fast alles, er hört auch auf seinen
Namen - zumindest wenn er Lust dazu hat. Erst neulich
hat er einen - nicht ganz ungefährlichen
- Ausflug in die Nachbarschaft unternommen. Schweine
sind wahre Ausbruchskünstler und der Auslauf
an Schorschis Zwinger nicht unbedingt hundertprozent-ig
sicher. Ich
hatte vergessen, das Hoftor zu schließen und das
Schwein befand sich in seinem Auslauf. Als das Telefon
klingelte, erkannte ich die Stimme am anderen Ende der
Leitung zunächst nicht. Dann dämmerte mir,
dass es sich um eine Dame handelte, die am anderen
Ende unserer
Straße wohnt. Sie fragte mich, ob es sein könnte,
dass unser Schwein bei ihr in der Nachbarschaft in einem
Garten stünde. |
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Ich
knallte das Telefon in die Ecke, schnapp-te mir
noch
schnell einen Apfel und eine Handvoll Mais und rannte
aus dem Haus. Ich lief im Laufschritt den Berg hinauf
und sah die Frau schon von weitem winken und in ein-en
Garten deuten. Dort stand Schorschi in seiner vollen
Größe
und kam erfreut näher, als er mich erblickte. Ich
bedankte mich schnell und lockte das Schwein die Straße
wieder hinunter. Er schien allerdings sehr viel mehr
Zeit
zu haben als ich und schlenderte gemächlich hinter
mir her. Wir hatten die Hälfte des Weges hinter
uns als ein Auto entgegenkam. Schorschi stand mitten
auf der
Straße und war nicht dazu zu bewegen, sein-en
Platz zu räumen. Im Gegenteil: er schnüf-felte
interessiert in Richtung des Autos. |
Da ich
keine Lust auf weitere unliebsame Überraschungen
hatte, trieb ich ihn in der Hoffnung, ihn nachher
wieder
herauszubekommen, in eine Nebenstraße. Der Fahrer
des Autos setzte seine Fahrt fort. Bevor das Schwein
dem
weiteren Verlauf der Nebenstraße folgen konnte,
rief ich seinen Namen und hielt die Hand mit dem Mais
in seine Richtung. Die Gier nach dem Mais siegte über
den Erkundungs-trieb und wir konnten unseren Heimweg
nun
unbehelligt zu Ende bringen. Ich war froh, als ich das
Gar-tentor hinter dem Ausreißer schließen
konnte...
Schweine sind sehr interessante Tiere. Sie sind weder
dumm noch dreckig. In ihrer Unterkunft haben sie immer
eine bestimmte Ecke, in der sie ihr Geschäft erledigen.
Ihre Lautäußerungen sind sehr unter-schiedlich,
und sie können ihre Stimmungen zum Ausdruck bringen.
Man merkt, ob sich das Schwein wohl fühlt oder
schlecht gelaunt ist. Trotz der frühen Geschlechtsreife
von vier bis sechs Monaten bei Sau-en, sind Schweine
erst mit
vier bis fünf Jahren ausgewachsen. Sie können
ein Alter von 15 Jahren er-reichen, was man bei der
Anschaffung
berücksichtigen sollte.
Ich habe durch Schorschi viel über diese Tiere gelernt,
die man nicht nur als Schnitzel auf dem Teller sehen sollte.
Unter anderem habe ich begriffen, dass sie Gesellschaft
brauchen, am besten natürlich einen Artgenossen.
Und so haben wir uns schließlich dazu entschlossen,
für Schorschi einen Kumpel an-zuschaffen. Mehr
dazu in der Geschichte von Fritz und Betty.
Übrigens: das Liegerad hat mein Mann schon lange
verkauft... |
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