Verunglückte Farbmauszucht
Von Sabine Middelhaufe

Winter mit Hochschnee, Eis und empfindlichen Minustemperaturen gibt es neuerdings bekanntlich auch in Italien, und das macht die Tierbeobachtung im Freien nach ein paar Stunden doch ziemlich ungemütlich. Im vorletzten Winter kam mir endlich der zündende Gedanke, wie ich die kalten Monate trotzdem sinnvoll und vergnügt verbringen könnte - mit Tierbeobachtungen im Haus nämlich!
Während draußen die Herbststürme rumorten und eisiger Regen die Fensterscheiben herunterrann, zerlegte ich sämtliches zerlegbare Mobiliar meines Gästezimmers, verstaute die auseinandergenommenen Schränke, Betten etc.pp. im Holzschuppen und begann dann, den fünfzehn Quadratmeter großen Raum nach sorgsamer Überlegung neu zu gestalten.
Als allererstes legte ich eine enorme Plastikfolie auf den Fußboden, auf dieser breitete ich viele, viele Eimer Sand und Erde aus, oben auf kam hier ein bißchen Heu, dort eine dicke Schicht Herbstblätter, da einige Holzscheite, und erst dann fiel mir ein, daß ein Zimmer ja nicht nur Länge und Breite, sondern auch Höhe hat. Also schleppte ich deckenhohe Äste ins Haus, nagelte sie unten an dicke Holzscheite, und befestigte sie ungefähr auf halber Höhe mittels Nägeln und dünnem Hanfseil an der Wand. Die dergestalt aufrecht stehenden Äste ihrerseits verband ich allesamt mit horizontal verlaufenden, dünnen Lianen. In zwei Zimmerecken bastelte ich außerdem aus großen, dünnen Holzplatten so eine Art mittlerer Etage, mit Heu und Blättern bedeckt, und endlich war es an der Zeit, aus Pappe etliche kleine Häuschen zu bauen. Die wiederum wurden, unter Riedgras, Holzstücken, Herbstlaub und dergleichen gut getarnt an den verschiedensten Stellen des Zimmers untergebracht.
Wäre in diesem Stadium der Vorbereitungen mein Hausherr vorbeigekommen, hätte er sich vermutlich auf dem Miniatur-Set für eine Tarzan-Verfilmung geglaubt: Überall Dschungel, und in der Mitte eine sandige Lichtung mit halben Kokosnußschalen darin.
Gottlob kam mein Hausherr nicht, und ich konnte in Ruhe telefonieren.
Der Blick in die Gelben Seiten belehrte mich, daß es im nächstgelegenen Städtchen keine Zoohandlung gab; (überhaupt gab es nur sehr wenige Tierhandlungen in der Umgebung). Ich versuchte den Laden eine knappe Autostunde entfernt.
"Guten Tag, verkaufen Sie auch Mäuse?"
"Selbstverständlich!"
"Von welcher Farbe?"
"Also, die Meerschweinchen sind…"
"Entschuldigung, ich suche Mäuse, keine Meerschweinchen."
"Ach so, natürlich, die Hamster sind sandfarben…."
"Nicht Hamster, Mäuse!"
"Ist das nicht dasselbe?"
"Keineswegs! Ich suche ganz normale, kleine, graue Mäuse, so wie man sie in den allermeisten Häusern zumindest im Keller antrifft, außer in meinem Haus, und deshalb möchte ich sie kaufen."
"Sie wollen RATTEN kaufen?"
"Nein, guter Mann, keine Ratten: MÄUSE!"
"Nee, die ham wa nich."
Ich rief in der Folge noch einige Dutzend Zoohandlungen in einem immer größer werdenden Radius um mein Heimatdorf an. Fast überall hatten sie Hamster-Mäuse. Hier und da auch Meerschweinchen-Mäuse. Aber ganz banale Maus-Mäuse - nee, die ham wa nich.
Frustrierend. Da sitzt man in einem perfekten Mäuse-Zimmer und findet nirgends Mäuse, die es bewohnen können…!
Na ja, das stimmt nicht ganz. Im Dorf gab es schon Mäuse, sogar massenhaft. In all den Ställen, Heuschobern und Kellern wimmelte es nur so von Mäusen. Aber wie sollte ich die fangen? Ich konnte schließlich meinen Nachbarn nicht gestehen, daß ich "Ratten" in meinem Heim einbürgern wollte. Diese geduldigen Menschen hatten im Laufe der zehn Jahre meiner Präsenz eine Menge geschluckt: geimpfte Hunde, Fertigfutter für Hunde, tägliche Spaziergänge mit den Hunden - aber "Ratten" im Haus, das hätten sie mir nie verziehen.
Am nächsten Tag setzte ich die Telefonaktion fort.
Ein ganz gewitzter Händler sagte: "Mäuse verkaufe ich nicht, aber Medizin für Mäuse. Wollen Sie vielleicht die?"
"NEIN, DANKE!" antwortete ich barsch.
"Medizin für Mäuse" ist eine dieser typischen italienischen Wortverdrehungen und meint Rattengift.
In einem Laden vor den Toren Mailands wurde ich am Ende doch noch fündig.
"Natürlich habe ich Mäuse", sagte die Dame.
"Maus-Mäuse?"
"Freilich! Was denn sonst? Gibt's etwa noch andere Mäuse?"
(Oh, ich hätte ihr erzählen können, was ihre Kollegen so alles unter dem Begriff "Maus" (ital. topo) einordneten….)
"Wieviele?" fragte ich stattdessen aufgeregt.
"Vier, das sind die letzten."
"Farbschlag?"
"Ist das wichtig?"
"Schon…."
"Ich wußte gar nicht, daß Schlangen Vorlieben für eine bestimmte Farbe entwickeln."
"Ich bin keine Schlangenhalterin!"
"Oh…Also wollen Sie die gar nicht zum Verfüttern…"
"Keinesfalls! Ich möchte sie einfach in einem schönen, großen Raum halten und beobachten, fotografieren, bei der Jungenaufzucht zuschauen usw."
"Ach ja?….Na, jedenfalls, es sind vier, und sie sind grau."
"Perfekt!"
"5 Euro das Stück."
"…(schluck) einverstanden. Können Sie sie unter allen Umständen für mich zurückhalten?"
"Wieso das?"
"Ich wohne zwei Autostunden von Mailand entfernt, und weiß noch nicht, wann ich sie abholen kann. Aber ich will sie in jedem Falle!"
"……..Na, ich weiß nicht…Ich halte sie Ihnen für zwei Tage, aber nicht länger."
"Bestens! Notieren Sie bitte meinen Namen."
Sie notierte, und ich dachte inzwischen schon fieberhaft darüber nach, wie ich meine Mäuse nachhause bekommen könnte.
Ich hab kein Auto. Aber Freunde.
Als das reizende Rentnerehepaar hörte, daß sie mir aus ihrem Städtchen (vor den Toren Mailands) beim nächsten Besuch vier banale, kleine, graue Hausmäuse mitbringen sollten, zuckten sie kaum mit der Wimper. (Sie sind einiges gewöhnt. Ihre Enkel laden in regelmäßigen Intervallen Haustiere bei ihnen ab, die nicht mehr "in" sind. Folglich haben die zwei alten Herrschaften Ziervögel, Wasserschildkröten, Landschildkröten, Hamster, Stubenkaninchen etc. etc., und natürlich Hunde.)

Meine vier Mäuse trafen wenige Tage später ein. Sie waren so winzig, daß ich sie in dem kleinen Vogelkäfig (in weiser Voraussicht mit Klarsichtfolie vielfach umwickelt und nur oben mit Luftlöchern versehen) regelrecht suchen mußte. Die vier Mäuschen zusammen hätten problemlos in einem Brillenetui Platz gefunden.
Als ich den Käfig öffnete stoben sie erst einmal alle in verschiedene Richtungen, und jeder nahm Zuflucht in einem der winzigen Häuschen. Ich ließ sie in Frieden. Abends dann servierte ich in den Kokosnußschalen das Menü des Tages, setzte mich etwas abseits still ins Heu und wartete ab.
Bevor ich meine neuen Mitbewohner taufen konnte, mußte eine grundlegende Frage geklärt werden. Ich fing sie also der Reihe nach ein, schaute, was der lange Steert verbarg, kontrollierte ungläubig noch einmal, und all meine Hoffnung auf viele, muntere Mäusekinder löste sich in Luft auf. Ich hatte vier Männchen gekauft….
Die Enttäuschung verflog allerdings sehr schnell, denn die lustigen Junggesellen zu beobachten machte Spaß, und ich lernte rasch, sie zu unterscheiden und ihre Beziehung zueinander ansatzweise zu durch-schauen.
William, der Boß der Bande, hatte sein Hauptquartier im Papphäuschen hinter einem Stapel Feuerholz aufgeschlagen.
Douglas, die Nummer Zwei, bewohnte den Bungalow auf der von Williams Heim am weitesten entfernt-en Zwischenetage.
Henry, einer der beiden Jungmäuse, lebte unterm Heu nahe dem Futterplatz. Und Maximilian, der Winzling, war gleich in den Untergrund gegangen. Er hatte sich, ebenfalls nahe beim Futterplatz, irgendwie durch Sand und Erde unter die Plastikfolie gewühlt und es sich dort offensichtlich gemütlich gemacht.
William nahm seine Aufgabe als Stammesältester wohl sehr ernst, jedenfalls durchstöberte er täglich den großen Raum, markierte hier, schnüffelte dort und die beiden Kleinen vermieden es nach Kräften, seinen Weg zu kreuzen. Tauchte er bei der Kokosnußschale auf, räumten sie protestlos das Feld.
Douglas war da schon erheblich selbstsicherer. Er erlaubte sich zwar nicht, Williams Haus zu betreten, am Futter aber "stand er seine Maus", und dies
wörtlich, denn die zwei Ältesten erhoben sich unverzüglich auf die Hinterbeinchen, wenn sie einander trafen und drohten sich an. Bevor es zur Prügelei kommen konnte, trat Douglas aber in den meisten Fällen den Rückzug an und William konnte ungestört fressen oder Vorräte heimschaffen. Henry, auf der Hut vor dem Boß, unterhielt augenscheinlich ein weitaus herzlicheres Verhältnis zu Douglas. Obwohl er dessen Vorrang nicht anzweifelte, durfte er ungestraft den Bungalow des Größeren auf-suchen und tatsächlich fand ich ihn häufig dicht an dicht mit seinem Mentor in Tiefschlaf versunken. Was nicht heißt, daß Henry eine Schlafmütze war. Ganz im Gegenteil! Er war mit Abstand der unter-nehmungslustigste des Quartetts, durchstöberte alle Verstecke, erklimmte alle Äste und fegte wiesel-flink über die Lianen von einem "Baum" zum nächsten. Er war auch der Erste, der Kontakt zu mir auf-nahm. Vorausgesetzt ich blieb still sitzen, kletterte er mir auf die Schultern, wühlte in den Haaren, steckte sein Näschen in mein Ohr und fürchtet sich nicht die Spur, das Innere der Hosenbeine zu er-kunden.
Ganz anders Maximilian. Er kam prinzipiell nur zum Vorschein, wenn die anderen Mäuse ruhten, stockte dann erst einmal eilig sein unterirdisches Vorratslager auf, und wenn unterdessen immer noch niemand aufgetaucht war, begann auch er, das Zimmer und die endlos vielen Kletterpartien zu erkunden. Allerdings reichte die leichteste Bewegung, und Maxi verschwand in seiner Höhle, die er für die nächsten Stunden garantiert nicht mehr verließ.
Wie das Leben so spielt: erst muß man Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um irgendwo Mäuse zu finden, und dann fallen sie einem plötzlich in den Schoß. Ein Freund erwähnte, als ich von meinen neuen Mitbewohnern schwärmte, einen gemeinsamen Bekannten, der ebenfalls Mäuse züchtete. Ein kurzes Telefonat genügte, und am folgenden Wochenende zogen drei Mäusedamen bei uns ein.
Die rotblonde Jasmin, elegant, schlank, ein wahres Mäuse-Model (siehe Titelbild oben). Ginny, insgesamt etwas rundlicher, rot-weiß und wie sich schnell erweisen würde keineswegs zimperlich im Umgang mit Ihresgleichen. Und dann war da noch die kleinste Mäusin, grau-weiß, munter wie ein hüpfender Floh und auf den Namen Benjamine getauft. Allerdings war sie auch so scheu, daß kein einziges, unverwackeltes Foto von ihr zustande kam...
Der freundliche Spender erklärte mir noch, daß die drei Damen prak-tisch ihr ganzes Leben gemeinsam im selben Käfig gelebt, bereits Junge großgezogen und sich immer prächtig verstanden hätten. Meinen Plänen für viele bunte Mäusekinder stünde also nichts mehr im Wege. Sagte er. Und dachte ich.
Wir irrten gewaltig. Daß die Herren (außer Maxi) zunächst einmal sehr ungehalten auf die Eindringlinge in ihrem Territorium losgingen, war normal. Und die drei Damen wehrten sich mit angemessener Vehe-
menz. Leider nahm die allgemeine Aggressivität sehr schnell ungeahnte Ausmaße an. William und Doug-las starteten regelrechte Überfallaktionen, drangen einer ins Heim des anderen ein, lauerten einander irgendwo im Revier auf und prügelten sich recht deftig. Was früher mit bloßen Drohungen abgehandelt worden war, ging jetzt in echten Zweikampf über. In dieser angeheizten Atmosphäre bezog auch Hen-ry ernsthaft Prügel, so er den Älteren unachtsamerweise zu nahe trat, und die traute Zweisamkeit mit Douglas war natürlich fortan auch dahin. Vielleicht weil Douglas, kaum daß sich eine graue Maus näher-te, Williams Attacke vermutete. Oder vielleicht weil der Streß seine allgemeine Toleranzgrenze er-heblich reduziert hatte.
Zu meiner wachsenden Besorgnis fingen bald auch Jasmin, Ginny und Benjy an, nicht nur die Mäusemän-ner unwirsch zu verscheuchen, (falls sie von denen nicht ihrerseits grantig vertrieben wurden), sondern auch untereinander handfeste Prügeleien zu inszenieren. So idyllisch es im Zimmer zuging, solange nur eine Maus neugierig in Ästen herumkletterte oder zufrieden schmauste, so chaotisch wurde die Lage, wenn eine zweite hinzukam.
Als das erste Blut aus einem eingerissenen Öhrchen troff, rief ich panisch den ehemaligen Mäusinnen-besitzer an, der immerhin seit über 20 Jahren Nager züchtete.
Ein bißchen ratlos war auch er. Bei so viel Platz und Ausweichmöglichkeiten hätten die sieben Gesellen eigentlich keinen Grund für diese anhaltende Aggressivität…"Versuch' mal, sie in Käfigen zu halten," riet er schließlich.
trat in den Käfigen unverzüglich Frieden
Also siedelten Jas-min und Douglas in einen großen Käfig, Ginny und William in den zweiten, und Benjy blieb mit den beiden Jungs, Henry und Maxi, im Zim-mer. Wunderbarerweise ein.
Die beiden Paare richteten sich häuslich ein, schliefen im besten Einvernehmen aneinander gekuschelt im selben Häuschen, und es war eine Freude sie zu beobachten.
Die Ruhe im Zimmer hingegen währte nicht lange. Zuerst machte sich Benjy einen Sport daraus, die jungen Männchen anzugiften; dann fühlte sich Henry plötzlich berufen, Maximilian zu verprügeln, so daß der arme kleine Kerl in Douglas verlassenen Bungalow flüchtete, auch wenn ihn das nicht immer vor Henrys Nachstellungen bewahrte.
Der um Rat gefragte Mäusezüchter erklärte die Aufregung mit der Hitze der Mäusinnen und stellte uns Frieden in Aussicht, sobald die Damen gedeckt sein. Tatsächlich wurde Benjy bald zusehends rund-licher und begann ein Nest zu bauen. Auch Ginny, im Käfig, schien ihre schmale Taille zu verlieren.
Irgendwann schließlich war es eindeutig, daß die grau-weiße Mäusedame in den nächsten Tagen werfen würde. Als sie in ihr Nest verschwand und weder abends, noch am nächsten Tag zum Futterplatz kam, wuchs meine Vorfreude mit jeder Stunde. Natürlich auch meine Neugier, doch wollte ich sie unter über-haupt keinen Umständen stören, und wartete geduldig ab. Zwei Tage nach ihrem Verschwinden witterte ich beim Eintreten ins Mäusezimmer einen seltsamen Geruch. Süßlich, unangenehm, mit bösen Vorahn-ungen verknüpft. Während ich Benjys Häuschen behutsam öffnete nahm der Verwesungsgeruch noch zu, und da lag das glücklose kleine Ding, tot und steif, und von ihren Kindern keine Spur. Ihre Beerdigung war ein sehr trauriger Moment.
"So was kommt vor," sagte der Züchter am Telefon. "Aber du hast ja noch zwei andere Weibchen."
Nach Ginnys Leibesfülle zu urteilen stand die Geburt bald bevor. Na, immerhin hat sie einen Mäuserich, der ihr beisteht, dachte ich, denn Mäusemänner sind tüchtige Geburtshelfer.
Diesmal hielt ich meine Geduld allerdings nicht lange im Zaum. Als sich in Ginnys und Williams Nest 24 Stunden nach der letzten Sichtung der werdenden Mutter nichts regte, schaute ich nach. Und fand Ginny tot und steif, und von ihren Kind-ern keine Spur….!
Was ging da vor? Alle Mäusen fraßen dasselbe Futter, Benjy und Ginny waren
beide munter und gesund zum Werfen ins Nest gegangen - und dann plötzlich gestorben? Woran, um Himmels Willen?
Jasmin, die Hübsche, ließ sich mit dem Schwangerwerden Zeit. Erst einen Monat nach Ginnys Beerdig-ung zog sie sich mit einem runden Bäuchlein in ihr Nest zurück, das sie die ganze Zeit und im allerbest-en Einvernehmen mit Douglas geteilt hatte.
Ich fand auch sie wenig später tot und ohne Spuren ihrer Jungen.
Der Züchter zuckte ratlos die Achseln. Hatten die Männchen ihre Partnerinnen beim Werfen umge-bracht und die Jungen gefressen?
Es tat mir unendlich leid für die drei lebenslustigen Mäusedamen, und mich quälte die Frage ob und was ich falsch gemacht hatte.
Douglas und William jedenfalls fanden alsbald offene Käfigtüren, kletterten hinaus und nahmen ohne Verzug ihr altes Territorium wieder in Besitz. Es gab zunächst einigen Wirbel, aber schließlich einigten sich die vier Mäusemänner auf die angemessene Rangfolge, jeder bezog ein neues Zuhause, und abgeseh-en von ein bißchen Drohen hin und wieder lebten sie fast so friedlich zusammen, wie vor dem Einzug der drei bedauernswerten Damen.

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Skorpione:Dinner for one
Von Sabine Middelhaufe

Während ich in dem Wohn-Stall in den toskanischen Bergen lebte, (siehe: Zurück zur Natur) teilte ich das traute Heim wohl oder übel mit den verschiedensten Tieren. Darunter auch Skorpione.
Der erste ihrer Art stürzte eines abends mit einem seltsam trocknen Laut auf meine Bettdecke, nötig-te mich zum panischen Verlassen der Federn, zitterndem Anknipsen der Taschenlampe, die inzwischen vorsorglich in Reichweite stand und strengem Stirnrunzeln als ich ihn in der endlosen Weite des Bettes schließlich entdeckte. Ein kleiner, unscheinbarer, schwarzer Skorpion, der ungefähr genauso verstört war wie ich.
Nun sind die schwarzen, italienischen Skorpione bekanntlich harmlos. Mit einem von ihnen das Bett zu teilen mißfiel mir trotzdem. Folglich beförderte ich den Skorpion zwecks sicherer Aufbewahrung bis zum nächsten Morgen in ein leeres Marmeladenglas. Von dort ging es ab ins Exil, sprich die am weite-sten entfernte Bruchsteinmauer der Grundstücksumgrenzung.
So viel ich weiß, blieb er auch dort, aber seine Hinterbliebenen, möglicherweise erfüllt von finsterst-en Vorahnungen, schickten einen Suchtrupp los. Zumindest geisterten plötzlich überall Skorpione zwi-schen den sommerheißen Hauswänden herum, fielen auf meine Bettdecke, fielen auf meinen Küchentisch, fielen auf meinen schlummernden Hund.
Wenn man sich mal die Zeit nimmt, einen Skorpion genauer zu betrachten, erweist er sich als durchaus interessantes Tier. Etwas urzeitlich vielleicht, aber sehenswert. Sofern ich also die heißen Mittags-stunden, die uns ab Mitte Juli beschert waren, nicht damit zubrachte, etwas blaß um die Nase zuzu-schauen, wie die fast zweihundert Zentimeter lange Äskulapnatter es sich zur Siesta vor meiner Küch-entür gemütlich machte, die Mäuse den Setter ärgerten oder dem Gras beim Wachsen zuhörte, beob-achtete ich Skorpione.

Allem voran überraschte mich ihre Nützlichkeit als Unter-mieter. Skorpione fressen nämlich Insekten. Stiefelt so ein gepanzertes Kerlchen die Mauer entlang, Arme will-kommen heißend ausgebreitet, die mächtigen Scheren hoff-nungsfroh geöffnet, Schwanz neckisch über den Rücken gerollt, ist es mit ziemlicher Sicherheit auf der Jagd oder richtiger, auf der Suche nach einem geeigneten Ansitz. Nicht zum Sprinter oder Dauerläufer geboren - obwohl er im Bedarfsfall erstaunlich flink ist- legt sich der Skorpion lieber auf die Lauer. Und da liegt er dann, vollkommen un-bewegt, mit einer beneidenswerten Geduld und wartet auf sein ahnungsloses Opfer. Ameisen verpönt er, Fliegen sind ihm zu schnell (meistens), doch Schnaken und kleine Spin-
nen erwischt er spielend. Die strategisch günstigst postierte Schere stößt zu wie ein Blitz. Man kann der Bewegung mit dem Auge gar nicht so rasch folgen. Der erfahrene Jäger weiß genau, was er zwisch-en die Schere bekommen muß: den Körper der Beute, nicht etwa bloß ein Bein. Dies erfolgreich getan, gönnt er sich eine meditative Pause. Den Braten triumphierend in die Luft gehalten, dankt er vermut-lich den zuständigen Göttern, gibt dem Opfer eine letzte Gelegenheit, seinen Frieden zu machen, rückt die Schere am anderen Arm zurecht und schreitet zum Anrichten des Mahls. So wie unsereiner ja auch die Gräten vorher aus dem Fisch pickt, entfernt der Skorpion zunächst mal alles, was schwer verdau-lich, wenig nahrhaft oder unappetitlich ist, sprich die Unmenge an dünnen Beinen und mehr zierenden denn sättigenden Flügeln. Sodann führt er das verbleibende Filet an den Mund, beißt kräftig zu und saugt in deutlicher Verzückung langsam aber stetig alles aus der knackigen Hülle heraus, was es da herauszusaugen gibt.
Die erste dieser Beobachtungen erfüllte mich mit einer gewissen Empörung. Dann fielen mir meine ei-genen Artgenossen ein, die mit verklärtem Gesicht lebende Austern ausschlürfen, andere Meeresbe-wohner bei lebendigem Leibe in kochendes Wasser werfen und dergleichen. Ich schluckte meine Vor-würfe dem fremdartigen Gourmet gegenüber geflissentlich hinunter.
Dank der großen Anzahl von Skorpionen im Haus konnte ich im Verlaufe des Sommers zweifelsfrei feststellen, daß sie den Giftstachel, den sie so keck über den Rücken gedreht tragen, mitnichten zum Töten ihrer Beute einsetzen. Selbst wenn sich ein Skorpion unvermittelt einer fetten, wehrhaften Spinne gegenüber sieht, geht er nicht mit dem Stachel auf sie los. Dessen Einsatz ist wohl der inner-artlichen Auseinandersetzung vorbehalten. Die plötzliche Präsenz eines Artgenossen im eigenen Revier zum Beispiel bringt den Skorpion unverzüglich auf die Palme, der Schwanz wird justiert und der Sta-chel kampfbereit gemacht. Ob sie sich mit den blanken Waffen nun auch wirklich Schaden zufügen konnte ich allerdings nie beobachten. Entweder machte sich einer der Rivalen schleunigst aus dem Staub, oder die beiden verschwanden wutschnaubend im Mauerlabyrinth.
Nachdem ich nachts einmal versehentlich mit nackten Füßen auf einen Skorpion trat und ihn damit ins Jenseits beförderte, ohne daß er den Stachel oder eine Schere zur Gegenwehr hob, beschloß ich, seine trauernden Verwandten uneingeschränkt als weitere Mitbewohner in meinem Haus zu akzeptieren. Italienische Skorpione sind tatsächlich harmlos - wenigstens solange man sich nicht als Schnake oder Artgenosse verkleidet.