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Verunglückte
Farbmauszucht
Von Sabine Middelhaufe
Winter
mit Hochschnee, Eis und empfindlichen Minustemperaturen
gibt es neuerdings bekanntlich auch in Italien, und
das macht die Tierbeobachtung im Freien nach ein paar
Stunden doch ziemlich ungemütlich. Im vorletzten
Winter kam mir endlich der zündende Gedanke, wie
ich die kalten Monate trotzdem sinnvoll und vergnügt
verbringen könnte - mit Tierbeobachtungen im Haus
nämlich!
Während draußen die Herbststürme rumorten
und eisiger Regen die Fensterscheiben herunterrann,
zerlegte ich sämtliches zerlegbare Mobiliar meines
Gästezimmers, verstaute die auseinandergenommenen
Schränke, Betten etc.pp. im Holzschuppen und begann
dann, den fünfzehn Quadratmeter großen Raum
nach sorgsamer Überlegung neu zu gestalten.
Als allererstes legte ich eine enorme Plastikfolie auf
den Fußboden, auf dieser breitete ich viele, viele
Eimer Sand und Erde aus, oben auf kam hier ein bißchen
Heu, dort eine dicke Schicht Herbstblätter, da
einige Holzscheite, und erst dann fiel mir ein, daß
ein Zimmer ja nicht nur Länge und Breite, sondern
auch Höhe hat. Also schleppte ich deckenhohe Äste
ins Haus, nagelte sie unten an dicke Holzscheite, und
befestigte sie ungefähr auf halber Höhe mittels
Nägeln und dünnem Hanfseil an der Wand. Die
dergestalt aufrecht stehenden Äste ihrerseits verband
ich allesamt mit horizontal verlaufenden, dünnen
Lianen. In zwei Zimmerecken bastelte ich außerdem
aus großen, dünnen Holzplatten so eine Art
mittlerer Etage, mit Heu und Blättern bedeckt,
und endlich war es an der Zeit, aus Pappe etliche kleine
Häuschen zu bauen. Die wiederum wurden, unter Riedgras,
Holzstücken, Herbstlaub und dergleichen gut getarnt
an den verschiedensten Stellen des Zimmers untergebracht.
Wäre in diesem Stadium der Vorbereitungen mein
Hausherr vorbeigekommen, hätte er sich vermutlich
auf dem Miniatur-Set für eine Tarzan-Verfilmung
geglaubt: Überall Dschungel, und in der Mitte eine
sandige Lichtung mit halben Kokosnußschalen darin.
Gottlob kam mein Hausherr nicht, und ich konnte in Ruhe
telefonieren.
Der Blick in die Gelben Seiten belehrte mich, daß
es im nächstgelegenen Städtchen keine Zoohandlung
gab; (überhaupt gab es nur sehr wenige Tierhandlungen
in der Umgebung). Ich versuchte den Laden eine knappe
Autostunde entfernt.
"Guten Tag, verkaufen Sie auch Mäuse?"
"Selbstverständlich!"
"Von welcher Farbe?"
"Also, die Meerschweinchen sind
"
"Entschuldigung, ich suche Mäuse, keine
Meerschweinchen."
"Ach so, natürlich, die Hamster sind sandfarben
."
"Nicht Hamster, Mäuse!"
"Ist das nicht dasselbe?"
"Keineswegs! Ich suche ganz normale, kleine,
graue Mäuse, so wie man sie in den allermeisten
Häusern zumindest im Keller antrifft, außer
in meinem Haus, und deshalb möchte ich sie kaufen."
"Sie wollen RATTEN kaufen?"
"Nein, guter Mann, keine Ratten: MÄUSE!"
"Nee, die ham wa nich."
Ich rief in der Folge noch einige Dutzend Zoohandlungen
in einem immer größer werdenden Radius um
mein Heimatdorf an. Fast überall hatten sie Hamster-Mäuse.
Hier und da auch Meerschweinchen-Mäuse. Aber ganz
banale Maus-Mäuse - nee, die ham wa nich.
Frustrierend. Da sitzt man in einem perfekten Mäuse-Zimmer
und findet nirgends Mäuse, die es bewohnen können
!
Na ja, das stimmt nicht ganz. Im Dorf gab es schon Mäuse,
sogar massenhaft. In all den Ställen, Heuschobern
und Kellern wimmelte es nur so von Mäusen. Aber
wie sollte ich die fangen? Ich konnte schließlich
meinen Nachbarn nicht gestehen, daß ich "Ratten"
in meinem Heim einbürgern wollte. Diese geduldigen
Menschen hatten im Laufe der zehn Jahre meiner Präsenz
eine Menge geschluckt: geimpfte Hunde, Fertigfutter
für Hunde, tägliche Spaziergänge mit
den Hunden - aber "Ratten" im Haus, das hätten
sie mir nie verziehen.
Am nächsten Tag setzte ich die Telefonaktion fort.
Ein ganz gewitzter Händler sagte: "Mäuse
verkaufe ich nicht, aber Medizin für Mäuse.
Wollen Sie vielleicht die?"
"NEIN, DANKE!" antwortete ich barsch.
"Medizin für Mäuse" ist eine dieser
typischen italienischen Wortverdrehungen und meint Rattengift.
In einem Laden vor den Toren Mailands wurde ich am Ende
doch noch fündig.
"Natürlich habe ich Mäuse", sagte
die Dame.
"Maus-Mäuse?"
"Freilich! Was denn sonst? Gibt's etwa noch andere
Mäuse?"
(Oh, ich hätte ihr erzählen können, was
ihre Kollegen so alles unter dem Begriff "Maus"
(ital. topo) einordneten
.)
"Wieviele?" fragte ich stattdessen aufgeregt.
"Vier, das sind die letzten."
"Farbschlag?"
"Ist das wichtig?"
"Schon
."
"Ich wußte gar nicht, daß Schlangen
Vorlieben für eine bestimmte Farbe entwickeln."
"Ich bin keine Schlangenhalterin!"
"Oh
Also wollen Sie die gar nicht zum Verfüttern
"
"Keinesfalls! Ich möchte sie einfach in einem
schönen, großen Raum halten und beobachten,
fotografieren, bei der Jungenaufzucht zuschauen usw."
"Ach ja?
.Na, jedenfalls, es sind vier, und
sie sind grau."
"Perfekt!"
"5 Euro das Stück."
"
(schluck) einverstanden. Können Sie
sie unter allen Umständen für mich zurückhalten?"
"Wieso das?"
"Ich wohne zwei Autostunden von Mailand entfernt,
und weiß noch nicht, wann ich sie abholen kann.
Aber ich will sie in jedem Falle!"
"
..Na, ich weiß nicht
Ich
halte sie Ihnen für zwei Tage, aber nicht länger."
"Bestens! Notieren Sie bitte meinen Namen."
Sie notierte, und ich dachte inzwischen schon fieberhaft
darüber nach, wie ich meine Mäuse nachhause
bekommen könnte.
Ich hab kein Auto. Aber Freunde.
Als das reizende Rentnerehepaar hörte, daß
sie mir aus ihrem Städtchen (vor den Toren Mailands)
beim nächsten Besuch vier banale, kleine, graue
Hausmäuse mitbringen sollten, zuckten sie kaum
mit der Wimper. (Sie sind einiges gewöhnt. Ihre
Enkel laden in regelmäßigen Intervallen Haustiere
bei ihnen ab, die nicht mehr "in" sind. Folglich
haben die zwei alten Herrschaften Ziervögel, Wasserschildkröten,
Landschildkröten, Hamster, Stubenkaninchen etc.
etc., und natürlich Hunde.)
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Meine
vier Mäuse trafen wenige Tage später ein. Sie
waren so winzig, daß ich sie in dem kleinen Vogelkäfig
(in weiser Voraussicht mit Klarsichtfolie vielfach umwickelt
und nur oben mit Luftlöchern versehen) regelrecht
suchen mußte. Die vier Mäuschen zusammen hätten
problemlos in einem Brillenetui Platz gefunden.
Als ich den Käfig öffnete stoben sie erst einmal
alle in verschiedene Richtungen, und jeder nahm Zuflucht
in einem der winzigen Häuschen. Ich ließ sie
in Frieden. Abends dann servierte ich in den Kokosnußschalen
das Menü des Tages, setzte mich etwas abseits
still ins Heu und wartete ab. |
Bevor
ich meine neuen Mitbewohner taufen konnte, mußte
eine grundlegende Frage geklärt werden. Ich fing
sie also der Reihe nach ein, schaute, was der lange Steert
verbarg, kontrollierte ungläubig noch einmal, und
all meine Hoffnung auf viele, muntere Mäusekinder
löste sich in Luft auf. Ich hatte vier Männchen
gekauft
.
Die Enttäuschung verflog allerdings sehr schnell,
denn die lustigen Junggesellen zu beobachten machte
Spaß,
und ich lernte rasch, sie zu unterscheiden und ihre
Beziehung zueinander ansatzweise zu durch-schauen.
William, der Boß der Bande, hatte sein Hauptquartier
im Papphäuschen hinter einem Stapel Feuerholz
aufgeschlagen.
Douglas, die Nummer Zwei, bewohnte den Bungalow auf der
von Williams Heim am weitesten entfernt-en Zwischenetage. |
Henry,
einer der beiden Jungmäuse, lebte unterm Heu nahe
dem Futterplatz. Und Maximilian, der Winzling, war gleich
in den Untergrund gegangen. Er hatte sich, ebenfalls nahe
beim Futterplatz, irgendwie durch Sand und Erde unter
die Plastikfolie gewühlt und es sich dort offensichtlich
gemütlich gemacht.
William nahm seine Aufgabe als Stammesältester wohl
sehr ernst, jedenfalls durchstöberte er täglich
den großen Raum, markierte hier, schnüffelte
dort und die beiden Kleinen vermieden es nach Kräften,
seinen Weg zu kreuzen. Tauchte er bei der Kokosnußschale
auf, räumten sie protestlos das Feld.
Douglas war da schon erheblich selbstsicherer. Er erlaubte
sich zwar nicht, Williams Haus zu betreten, am Futter
aber "stand er seine Maus", und dies |
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wörtlich,
denn die zwei Ältesten erhoben sich unverzüglich
auf die Hinterbeinchen, wenn sie einander trafen
und drohten
sich an. Bevor es zur Prügelei kommen konnte, trat
Douglas aber in den meisten Fällen den Rückzug
an und William konnte ungestört fressen oder Vorräte
heimschaffen. Henry,
auf der Hut vor dem Boß, unterhielt augenscheinlich
ein weitaus herzlicheres Verhältnis zu Douglas.
Obwohl er dessen Vorrang nicht anzweifelte, durfte
er ungestraft
den Bungalow des Größeren auf-suchen und tatsächlich
fand ich ihn häufig dicht an dicht mit seinem Mentor
in Tiefschlaf versunken. Was nicht heißt, daß
Henry eine Schlafmütze war. Ganz im Gegenteil! Er
war mit Abstand der unter-nehmungslustigste des Quartetts,
durchstöberte alle Verstecke, erklimmte alle Äste
und fegte wiesel-flink über die Lianen von einem "Baum"
zum nächsten. Er war auch der Erste, der Kontakt
zu mir auf-nahm. Vorausgesetzt ich blieb still sitzen,
kletterte er mir auf die Schultern, wühlte in den
Haaren, steckte sein Näschen in mein Ohr und fürchtet
sich nicht die Spur, das Innere der Hosenbeine zu
er-kunden. |
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Ganz
anders Maximilian. Er kam prinzipiell nur zum Vorschein,
wenn die anderen Mäuse ruhten, stockte dann erst
einmal eilig sein unterirdisches Vorratslager auf, und
wenn unterdessen immer noch niemand aufgetaucht war, begann
auch er, das Zimmer und die endlos vielen Kletterpartien
zu erkunden. Allerdings reichte die leichteste Bewegung,
und Maxi verschwand in seiner Höhle, die er für
die nächsten Stunden garantiert nicht mehr verließ.
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Wie
das Leben so spielt: erst muß man Himmel und Hölle
in Bewegung setzen, um irgendwo Mäuse zu finden,
und dann fallen sie einem plötzlich in den Schoß.
Ein Freund erwähnte, als ich von meinen neuen Mitbewohnern
schwärmte, einen gemeinsamen Bekannten, der ebenfalls
Mäuse züchtete. Ein kurzes Telefonat genügte,
und am folgenden Wochenende zogen drei Mäusedamen
bei uns ein.
Die rotblonde Jasmin, elegant, schlank, ein wahres
Mäuse-Model
(siehe Titelbild oben). Ginny,
insgesamt etwas rundlicher, rot-weiß und wie sich schnell
erweisen würde keineswegs zimperlich im Umgang mit
Ihresgleichen. Und dann war da noch die kleinste Mäusin,
grau-weiß, munter wie ein hüpfender Floh und
auf den Namen Benjamine getauft. Allerdings war sie auch
so scheu, daß kein einziges, unverwackeltes Foto
von ihr zustande kam... |
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Der
freundliche Spender erklärte mir noch, daß
die drei Damen prak-tisch ihr ganzes Leben gemeinsam
im selben Käfig gelebt, bereits Junge großgezogen
und sich immer prächtig verstanden hätten.
Meinen Plänen für viele bunte Mäusekinder
stünde
also nichts mehr im Wege. Sagte er. Und dachte ich.
Wir irrten gewaltig. Daß die Herren (außer
Maxi) zunächst einmal sehr ungehalten auf die
Eindringlinge in ihrem Territorium losgingen, war
normal. Und die drei
Damen wehrten sich mit angemessener Vehe- |
menz.
Leider nahm die allgemeine Aggressivität sehr
schnell ungeahnte Ausmaße an. William und Doug-las
starteten regelrechte Überfallaktionen, drangen
einer ins Heim des anderen ein, lauerten einander
irgendwo im Revier
auf und prügelten sich recht deftig. Was früher
mit bloßen Drohungen abgehandelt worden war, ging
jetzt in echten Zweikampf über. In dieser angeheizten
Atmosphäre bezog auch Hen-ry ernsthaft Prügel,
so er den Älteren unachtsamerweise zu nahe trat,
und die traute Zweisamkeit mit Douglas war natürlich
fortan auch dahin. Vielleicht weil Douglas, kaum
daß
sich eine graue Maus näher-te, Williams Attacke
vermutete. Oder vielleicht weil der Streß seine
allgemeine Toleranzgrenze er-heblich reduziert hatte.
Zu meiner wachsenden Besorgnis fingen bald auch Jasmin,
Ginny und Benjy an, nicht nur die Mäusemän-ner
unwirsch zu verscheuchen, (falls sie von denen nicht
ihrerseits
grantig vertrieben wurden), sondern auch untereinander
handfeste Prügeleien zu inszenieren. So idyllisch
es im Zimmer zuging, solange nur eine Maus neugierig
in
Ästen herumkletterte oder zufrieden schmauste, so
chaotisch wurde die Lage, wenn eine zweite hinzukam.
Als das erste Blut aus einem eingerissenen Öhrchen
troff, rief ich panisch den ehemaligen Mäusinnen-besitzer
an, der immerhin seit über 20 Jahren Nager züchtete.
Ein bißchen ratlos war auch er. Bei so viel Platz
und Ausweichmöglichkeiten hätten die sieben
Gesellen eigentlich keinen Grund für diese anhaltende
Aggressivität
"Versuch' mal, sie in Käfigen
zu halten," riet er schließlich. |
trat
in den Käfigen unverzüglich Frieden |
Also
siedelten Jas-min und Douglas in einen großen
Käfig,
Ginny und William in den zweiten, und Benjy blieb
mit den beiden Jungs, Henry und Maxi, im Zim-mer.
Wunderbarerweise ein. |
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Die
beiden Paare richteten sich häuslich ein, schliefen im besten Einvernehmen
aneinander gekuschelt im selben Häuschen, und
es war eine Freude sie zu beobachten.
Die Ruhe im Zimmer hingegen währte nicht lange. Zuerst
machte sich Benjy einen Sport daraus, die jungen Männchen
anzugiften; dann fühlte sich Henry plötzlich
berufen, Maximilian zu verprügeln, so daß der
arme kleine Kerl in Douglas verlassenen Bungalow flüchtete,
auch wenn ihn das nicht immer vor Henrys Nachstellungen
bewahrte.
Der um Rat gefragte Mäusezüchter erklärte
die Aufregung mit der Hitze der Mäusinnen und stellte
uns Frieden in Aussicht, sobald die Damen gedeckt sein.
Tatsächlich wurde Benjy bald zusehends rund-licher
und begann ein Nest zu bauen. Auch Ginny, im Käfig,
schien ihre schmale Taille zu verlieren.
Irgendwann schließlich war es eindeutig, daß
die grau-weiße Mäusedame in den nächsten
Tagen werfen würde. Als sie in ihr Nest verschwand
und weder abends, noch am nächsten Tag zum Futterplatz
kam, wuchs meine Vorfreude mit jeder Stunde. Natürlich
auch meine Neugier, doch wollte ich sie unter über-haupt
keinen Umständen stören, und wartete geduldig
ab. Zwei Tage nach ihrem Verschwinden witterte
ich beim
Eintreten ins Mäusezimmer einen seltsamen Geruch.
Süßlich, unangenehm, mit bösen Vorahn-ungen
verknüpft. Während ich Benjys Häuschen
behutsam öffnete nahm der Verwesungsgeruch noch
zu, und da lag das glücklose kleine Ding,
tot und steif, und von ihren Kindern keine Spur.
Ihre
Beerdigung war ein sehr trauriger Moment. |
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"So
was kommt vor," sagte der Züchter am Telefon.
"Aber du hast ja noch zwei andere Weibchen."
Nach Ginnys Leibesfülle zu urteilen stand die Geburt
bald bevor. Na, immerhin hat sie einen Mäuserich,
der ihr beisteht, dachte ich, denn Mäusemänner
sind tüchtige Geburtshelfer.
Diesmal hielt ich meine Geduld allerdings nicht lange
im Zaum. Als sich in Ginnys und Williams Nest 24 Stunden
nach der letzten Sichtung der werdenden Mutter nichts
regte, schaute ich nach. Und fand Ginny tot und steif,
und von ihren Kind-ern keine Spur
.!
Was ging da vor? Alle Mäusen fraßen dasselbe
Futter, Benjy und Ginny waren |
beide
munter und gesund zum Werfen ins Nest gegangen -
und dann plötzlich gestorben?
Woran, um Himmels Willen?
Jasmin, die Hübsche, ließ sich mit dem Schwangerwerden
Zeit. Erst einen Monat nach Ginnys Beerdig-ung zog sie
sich mit einem runden Bäuchlein in ihr Nest zurück,
das sie die ganze Zeit und im allerbest-en Einvernehmen
mit Douglas geteilt hatte.
Ich fand auch sie wenig später tot und ohne Spuren
ihrer Jungen.
Der Züchter zuckte ratlos die Achseln. Hatten die
Männchen ihre Partnerinnen beim Werfen umge-bracht
und die Jungen gefressen?
Es tat mir unendlich leid für die drei lebenslustigen
Mäusedamen, und mich quälte die Frage ob
und was ich falsch gemacht hatte.
Douglas und William jedenfalls fanden alsbald offene
Käfigtüren,
kletterten hinaus und nahmen ohne Verzug ihr altes Territorium
wieder in Besitz. Es gab zunächst einigen Wirbel,
aber schließlich einigten sich die vier Mäusemänner
auf die angemessene Rangfolge, jeder bezog ein neues
Zuhause,
und abgeseh-en von ein bißchen Drohen hin und
wieder lebten sie fast so friedlich zusammen, wie vor
dem Einzug
der drei bedauernswerten Damen. |
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Skorpione:Dinner
for one
Von
Sabine Middelhaufe
Während
ich in dem Wohn-Stall in den toskanischen Bergen lebte,
(siehe: Zurück
zur Natur) teilte ich das traute Heim wohl
oder übel mit den verschiedensten Tieren. Darunter
auch Skorpione.
Der erste ihrer Art stürzte eines abends mit einem
seltsam trocknen Laut auf meine Bettdecke, nötig-te
mich zum panischen Verlassen der Federn, zitterndem
Anknipsen der Taschenlampe, die inzwischen vorsorglich
in Reichweite stand und strengem Stirnrunzeln als
ich
ihn in der endlosen Weite des Bettes schließlich
entdeckte. Ein kleiner, unscheinbarer, schwarzer Skorpion,
der ungefähr genauso verstört war wie ich.
Nun sind die schwarzen, italienischen Skorpione bekanntlich
harmlos. Mit einem von ihnen das Bett zu teilen mißfiel
mir trotzdem. Folglich beförderte ich den Skorpion
zwecks sicherer Aufbewahrung bis zum nächsten
Morgen in ein leeres Marmeladenglas. Von dort ging
es ab ins
Exil, sprich die am weite-sten entfernte Bruchsteinmauer
der Grundstücksumgrenzung.
So viel ich weiß, blieb er auch dort, aber seine
Hinterbliebenen, möglicherweise erfüllt
von finsterst-en Vorahnungen, schickten einen Suchtrupp
los.
Zumindest geisterten plötzlich überall Skorpione
zwi-schen den sommerheißen Hauswänden herum,
fielen auf meine Bettdecke, fielen auf meinen Küchentisch,
fielen auf meinen schlummernden Hund.
Wenn man sich mal die Zeit nimmt, einen Skorpion genauer
zu betrachten, erweist er sich als durchaus interessantes
Tier. Etwas urzeitlich vielleicht, aber sehenswert.
Sofern ich also die heißen Mittags-stunden,
die uns ab Mitte Juli beschert waren, nicht damit
zubrachte,
etwas blaß um die Nase zuzu-schauen, wie die
fast zweihundert Zentimeter lange Äskulapnatter
es sich zur Siesta vor meiner Küch-entür
gemütlich
machte, die Mäuse den Setter ärgerten oder
dem Gras beim Wachsen zuhörte, beob-achtete
ich Skorpione.
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Allem
voran überraschte mich ihre Nützlichkeit
als Unter-mieter. Skorpione fressen nämlich
Insekten. Stiefelt so ein gepanzertes Kerlchen die
Mauer entlang,
Arme will-kommen heißend ausgebreitet, die mächtigen
Scheren hoff-nungsfroh geöffnet, Schwanz neckisch
über den Rücken gerollt, ist es mit ziemlicher
Sicherheit auf der Jagd oder richtiger, auf der Suche
nach einem geeigneten Ansitz. Nicht zum Sprinter oder
Dauerläufer geboren - obwohl er im Bedarfsfall
erstaunlich flink ist- legt sich der Skorpion lieber
auf die Lauer.
Und da liegt er dann, vollkommen un-bewegt, mit einer
beneidenswerten Geduld und wartet auf sein ahnungsloses
Opfer. Ameisen
verpönt er, Fliegen sind ihm zu schnell (meistens),
doch Schnaken und
kleine Spin- |
nen
erwischt er spielend. Die strategisch günstigst
postierte Schere stößt zu wie ein Blitz.
Man kann der Bewegung mit dem Auge gar nicht so rasch
folgen.
Der erfahrene Jäger weiß genau, was er zwisch-en
die Schere bekommen muß: den Körper der Beute,
nicht etwa bloß ein Bein. Dies erfolgreich getan,
gönnt er sich eine meditative Pause. Den Braten
triumphierend in die Luft gehalten, dankt er vermut-lich
den zuständigen
Göttern, gibt dem Opfer eine letzte Gelegenheit,
seinen Frieden zu machen, rückt die Schere am anderen
Arm zurecht und schreitet zum Anrichten des Mahls.
So
wie unsereiner ja auch die Gräten vorher aus dem
Fisch pickt, entfernt der Skorpion zunächst mal
alles, was schwer verdau-lich, wenig nahrhaft oder
unappetitlich
ist, sprich die Unmenge an dünnen Beinen und mehr
zierenden denn sättigenden Flügeln. Sodann
führt
er das verbleibende Filet an den Mund, beißt kräftig
zu und saugt in deutlicher Verzückung langsam aber
stetig alles aus der knackigen Hülle heraus,
was es da herauszusaugen gibt.
Die erste dieser Beobachtungen erfüllte mich mit
einer gewissen Empörung. Dann fielen mir meine
ei-genen Artgenossen ein, die mit verklärtem Gesicht
lebende Austern ausschlürfen, andere Meeresbe-wohner
bei lebendigem Leibe in kochendes Wasser werfen und
dergleichen. Ich
schluckte meine Vor-würfe dem fremdartigen Gourmet
gegenüber geflissentlich hinunter.
Dank der großen Anzahl von Skorpionen im Haus konnte
ich im Verlaufe des Sommers zweifelsfrei feststellen,
daß sie den Giftstachel, den sie so keck über
den Rücken gedreht tragen, mitnichten zum Töten
ihrer Beute einsetzen. Selbst wenn sich ein Skorpion
unvermittelt
einer fetten, wehrhaften Spinne gegenüber sieht,
geht er nicht mit dem Stachel auf sie los. Dessen Einsatz
ist wohl der inner-artlichen Auseinandersetzung vorbehalten.
Die plötzliche Präsenz eines Artgenossen im
eigenen Revier zum Beispiel bringt den Skorpion unverzüglich
auf die Palme, der Schwanz wird justiert und der Sta-chel
kampfbereit gemacht. Ob sie sich mit den blanken Waffen
nun auch wirklich Schaden zufügen konnte ich
allerdings nie beobachten. Entweder machte sich
einer der Rivalen
schleunigst aus dem Staub, oder die beiden verschwanden
wutschnaubend im Mauerlabyrinth.
Nachdem ich nachts einmal versehentlich mit nackten
Füßen
auf einen Skorpion trat und ihn damit ins Jenseits beförderte,
ohne daß er den Stachel oder eine Schere zur Gegenwehr
hob, beschloß ich, seine trauernden Verwandten uneingeschränkt
als weitere Mitbewohner in meinem Haus zu akzeptieren.
Italienische Skorpione sind tatsächlich harmlos
- wenigstens solange man sich nicht als Schnake oder
Artgenosse
verkleidet. |
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