Wieviele Leben hat ein Eichhörnchen?
Von Trixi Gollwitzer

Es war ein Tag wie jeder andere - bis zu dem Zeitpunkt, als eine junge Frau zwei kleine Eichhörnchen brachte. Sie waren beim Sturm von einem Baum gefallen und auf dem Gehweg gelandet. Daß sie diesen Sturz überlebt hatten grenzte schon an ein Wunder, doch als ich sie das erste Mal zu Gesicht bekam, war ich einigermaßen erschrocken: das waren die kleinsten Eichhörnchen, die ich jemals zur Aufzucht bekommen hatte!

Sie wogen gerade mal 30 und 32 Gramm und man konnte das Fell erahnen. Sie mußten etwa eineinhalb Wochen alt sein.
Außer ein paar blauen Flecken waren keine Verletz-ungen zu erkennen. Oft machen sich jedoch innere Verletzungen erst viel später bemerkbar.
Die nächsten Tage gestalteten sich schwierig: die Kleinen nahmen pro Mahlzeit nicht mehr als 1 ml Auf-zuchtmilch an und mußten dementsprechend sowohl tagsüber als auch nachts alle 1,5 bis 2 Stunden gefüt-tert werden. Aber man muß sich nur mal vorstellen, wie klein der Magen eines 32 g schweren Tierchens ist!
Langsam wurde die Trinkmenge größer und ich konn-te auch die Fütterungsintervalle etwas vergrößern.
Das Fell wuchs deutlich, und langsam öffneten sich die Augen.
Doch die beiden Eichhörnchen hatten immer wieder Verdauungsprobleme, trotz Beimengung eines spe-ziellen Präparats für die Darmflora. Besonders das kleinere bekam starke Blähungen und gaste immer mehr auf. Nachdem es schließlich aussah wie ein Luftballon, wußte ich mir nicht mehr zu helfen.
Ich machte mit ihm Sitzbäder in war-mem Wasser, massierte den Bauch, jedoch ohne Erfolg. Langsam bekam es durch den starken Druck auf das Zwerchfell Atemnot und drohte zu ersticken. Schließlich nahm ich eine sterile Kanüle und gaste das kleine Tier ab. Es geschah, was ich nicht zu hoffen gewagt hatte: es ging ihm bes-ser! Von diesem Tag an ging es stetig bergauf. Die beiden Eichhörnchen nahmen zwar langsamer zu als alle Vorgänger und waren auch in der son-stigen Entwicklung etwas hinten dran, doch immerhin hatten sie auch einen sehr schlechten Start ins Leben.
Mittlerweile haben sie ihre Defizite aufgeholt und leben zur Vorbereitung auf ein Leben in Freiheit in einer Voliere, in der sie ihre Koordination und Schnelligkeit trainieren können. Ich hoffe, daß sie sich dort genügend vorbereiten können, um auch gegen die Gefahren in der Natur bestehen zu können.

Alle Fotos: Trixi Gollwitzer


Eichkater Wodka
Von Sima

Weihnachten 2006. Wie in jedem Jahr war der Vater vorausgefahren und hatte die Vorbereitungen für den Umzug vom Winterquartier in der Stadt auf die Sommerresidenz mit heizen, lüften und Mäusejagd begonnen. Er war immer der Erste in der Siedlung, stellte seine Wasserpumpe an, und alle Nachkom-menden holten sich bei ihm ihr Wasser zum kochen. Ein eng aneinander gekuscheltes Refugium, ein Para-dies zum Spielen für Kinder. Sicherheit und Hölle für die Eltern, alles für den Einen, nichts für die, welche später, als die Grenze sich öffnete, unwissentlich urteilten und die Kleingartenanlage im ehemal-igen Grenzgebiet zwischen Berlin Wannsee und Glienicke taxierten.
Das Bauernhaus schwitzte den Winter aus. Der kleine Holzofen knackte und glühte seine Wärme in die ersten Räume. Die Geschwister öffneten Schränke und fanden ihre Schuhe, die nicht mehr passten. Auch die ordentlich gestapelten Lieblingspullover waren zu klein geworden. Der Junge war zwei Jahre jünger als das Mädchen. Er erlebte sein erstes Schuljahr; seiner Schwester, groß, dünn und schlaksig waren Lehrer und Schule längst mehr Pflicht als Freude.

Das Frühstücksgeschirr stand auf dem Tisch, als der alte Rubens mit einem Schwall kalter Morgenluft in den Flur trat. Das war nicht ungewöhnlich. Fing er ge-nug Fische, wurde geräuchert, wenn nicht, reichte sein Besuch für eine Geschichte und einen Schnaps. "Henni, komm mal raus, ich hab einen Eichkater gefunden!"
Für die Kinder war das Frühstück sofort vergessen. Vor dem Vater, an dem Angler vorbei, stürmten sie in das taunasse Gras und knieten vor dem Angelzeug.
"Nee, hier habe ich ihn, er ist fast hin!" Rubens griff in seine Cordhose und in seiner rissigen Hand lag ein aschrotes Fell. Die Kinder standen unbeweglich und schüchtern. Der Vater nahm den Körper aus Rubens Hand. Steif und rund blieb es auch in seiner Hand liegen.Sein Urteil über die Überlebenschancen klang hart. "Es ist noch sehr jung, es ist kalt geworden, zu
dünn und es könnte krank sein. Seht, es hat jede Menge Flöhe. Wir werden es erlösen."
Die Kinder schrieen.
Jede Erklärung der Männer scheiterte. Der Junge hielt den Arm des Vaters fest.
"Nein", versicherte Rubens,"der ist nicht krank, der Kater hat die Nacht allein im Gras verbracht. Ich sah ihn, als ich die Kette vom Kahn aufschließen wollte. Er ist aus dem Kobel gefallen, mehr nicht! Nur klamm ist er geworden."
Im Übrigen müssten die Aale geräuchert werden! Der Herr Oberlehrer-Vater solle nicht so streng sein. Rubens zwinkerte dem Mädchen zu, griff sich das Tierchen aus der Hand des Vaters und legte ihr den kleinen Köper in die Hände.
Die Welt verstummte. Andächtig schauten die Kinder auf die kleine Fellkugel. Der zarte Körper atme-te. Jeder Knochen schien spürbar. Wie Hände verschlossen sich die Pfoten des Tieres über seinem Kopf. Die Augen waren zu einer Kajal-schwarzen Linie geschlossen.
Der Vater blickte finster. "Es muss gefüttert werden!" Warme Kaffeesahne, Honig und Eigelb wurden gemischt. Die Kinder fanden eine Glaspipette im Apothekerschrank. Vorsichtig nahm das Mädchen das Tierchen und drückte die Pipette an das Maul des Eichhörnchens. Warme Tropfen liefen ihr mit den Flöhen über die Hand. "Wenn die Flöhe schon abhauen, dann ist es fast tot!" Tränen rollten.
Der Bruder hatte einen kleinen Vogelkäfig geholt. Ausgepolstert mit einem Geschirrtuch lag das Tier-chen regungslos hinter den blitzenden Stäben. Der Vater hängte den Käfig über den Ofen. "Wartet eine halbe Stunde, dann versucht es noch einmal!".
Er ging aus dem Haus und ließ die Kinder am Ofen vor dem Käfig zurück.
Irgendwann rührte sich das Tier. Vorsichtig nahm das Mädchen den Körper aus dem Käfig. Wieder wurde die warme Mixtur in die Pipette gezogen und an das Maul des Tieres gedrückt. Die Augen waren schwarz und offen. Blank schauten sie die Kinder an. Und endlich nahm es den ersten Tropfen auf. Die winzigen Pfotenhände umschlossen die Pipette und atemlos sahen die Kinder wie die Milch in dem Glasröhrchen immer weniger wurde.
Wodka, gedieh.
Bald nahm er Zwieback und Nüsse aus jeder Hand.
Seinen Käfig brauchte er nicht mehr. Er schlief in Hosentaschen, unter den Kinderhemden auf der bloßen Haut. Er lebte in der Kleidung und spielte auf den Kindern und sie spielten mit ihm Fangen.
Solange es noch keine Ferien gab, fuhr die Familie nur an den Wochenenden in ihr Sommerhaus. Ohne Auto waren alle mit Rucksack und Taschen im Bus unterwegs. Jedesmal wurde der Bus an der Grenze kontrolliert. Der Busfahrer kannte die Familien. Oft und heimlich fuhr er sie wegen der schlafenden Kinder direkt nach Hause.
So reiste das Eichhörnchen in den Hosentaschen der Kinder zwischen den beiden Wohnungen hin und her.
Wodka lebte in der Stadtwohnung, versteckte Vorräte für den Winter in Sofaecken. Seine Verstecke waren geheim. Er schimpfte über Gäste von der Gardinenstange herunter und zeterte über Reinigungs -aktionen, bei denen seine Vorräte entsorgt wurden. Die Mutter war über den zusätzlichen Arbeits-aufwand nicht begeistert. Wodka hatte auch seine kleinen Probleme mit ihr, jedoch möchte ich diese in einem anderen Zusammenhang erwähnen. Der Eichkater kletterte rasant an allen Beinen hinauf. Zwei-beiner boten ihm Schutz, Futter und einen Schlafplatz. Er wurde von den Kindern in die Gardinen ge-worfen und segelte wie ein Flughund mit Schwanzsteuerung. So lernte er und bekam ein Gefühl für sein Gleichgewicht.
Die Geschwister nahmen den Eichkater zu jeder Gelegenheit mit. Selbst viele Kinder waren für Wodka kein Problem. Er spielte auf den Zweibeinern oder in für sie greifbarer Höhe an Bäumen. Er war blitz-schnell und keiner konnte ihn fassen.
Daß Wodka keine Frauen mochte, hatte seine Ursache.
Die Kinder hatten Wodka in einen Park mitgenommen. Tannenzapfen sollte er kennen lernen. Das Eich-hörnchen lief nie weit weg. Dieses Mal war es anders. Es war groß geworden, rot glänzte das Fell und die dunklen Knopfaugen blickten pfiffig in die Welt. Das Tierchen stürmte die Bäume und war im Schwarz einer Tanne verschwunden.
Die Kinder riefen nach Wodka. Leute blieben stehen und schauten auf die Kinder. Ein kleiner Dicker mit Igelschnitt und eine etwa Achtjährige mit Zöpfen - Kinder mit einem deutlichen Alkoholproblem.
Eine Dame im Glockenrock, ein Pudel, ein Herr mit Mütze, alle blieben stehen, schauten dem Blick der Kinder folgend in die hohe Tannen.
Kein Wodka! Keiner für die Erwachsenen und erst recht keiner für die Geschwister. Plötzlich kam Be-
wegung in die Dame.
Aus ihren Augen sprach das blanke Entsetzen. Wilde Sprünge auf dem Parkweg, Schuhe flogen, eine Tasche. Ihre japsene Stimme wurde vom Pudel übertönt.
Die Kinder begriffen schnell. Diese Beweg-ungen kannten sie von ihrer Mutter nur zu gut. Wodka war unter dem Rock und kam einfach nicht weiter. Die Kinder stürzten mit einem Aufschrei auf die Frau los.
"Wodka!"
Vier Hände und einen Eichkater unterm Rock, das war entschieden zu viel. Die Dame ging klassisch zu Boden.Wodka fand einen Ausweg und verschwand in der Hosentasche des Mäd-chens. Das Bild auf dem Parkweg hatte sich gewandelt. Herr mit Mütze bewedelte Dame, Pudel sauste mit Leine über die Wiese, Park-
wächter waren im Anmarsch. Die Geschwister standen einen Moment unschlüssig. Die Dame kam wieder auf die Beine. Auch der Pudel war wieder am Mann. Bevor jedoch der Parkwächter eine Befragung durchführen konnte, waren die Geschwister verschwunden.

Wodka weitete seine Lebensbereiche aus. Er lernte, wie gefährlich Katzen für Eichkater sind.
In den Sommerferien sahen ihn die Geschwister immer seltener. Berichtet wurde, dass er Rubens beim Umgraben auf die Schulter gesprungen sei. Dass die alte Frau Behnke um vier Uhr Trommel-Getappel auf dem Pappdach ihrer Sommerlaube hatte, davon der Hund erwachte und erst ein Keks, auf das Dach befördert, für Ruhe sorgte.
Wodka, lief nicht mehr die freien langen Strecken bis zum Haus der Kinder. Er war erwachsen, schön und vorsichtiger geworden.
Wodka ging in den Wald zurück. Stück für Stück hatte er seine Zutraulichkeit verloren und seine Selbständigkeit erlernt. So war es geplant und umso schöner war es für die Geschwister, wenn sie dort nach ihm riefen, und er doch manchmal auf die Schulter kam und in den Taschen nach Nüssen suchte.

Alles hat, auch wenn es auch noch so gut gemeint ist, seine Schattenseite. Gerade im Umgang mit Wild-tieren stellen sich oft Schwierigkeiten ein. Irgendjemand wusste nichts von dem gezähmten Eichhörn-chen und dachte über Tollwut nach, als ein Eichkater frech sein Futter vom Frühstückstisch raubte.
"Rubens, ich konnte dem Eichkater den Lauf direkt an den Kopf setzen."
Der alte Rubens hat den Tod des Eichhörnchen lange für sich behalten und den Geschwistern Geschich-ten von einem freien Wodka erzählt, bis das Tierchen bei ihnen in Vergessenheit geraten, und die Kin-derzeit verflogen war.
Alle Fotos: Trixi Gollwitzer
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