23. Betty und Fritz - ein Schwein kommt selten allein

Wir hatten uns schon lange überlegt einen Kumpel für Schorschi zu besorgen. Schweine lieben Gesell-schaft und weil wir viel mit den Hunden unterwegs sind, kam er oft zu kurz.
Die Tage, an denen er unter Aufsicht im Garten herumtollen durfte, bereiteten ihm sichtlich Freude. Nicht selten galoppierte er dann wie ein übermütiges Fohlen, rannte im Kreis und gab eigenartige Ge-räusche von sich. Er machte sich auch einen Spaß daraus, am Zaun entlang zu rennen und die Passanten zu erschrecken. Dabei lief er parallel am Zaun und stieß Laute aus,die fast an das Bellen eines Hundes erinnerten.
Als ich das regionale Anzeigenblatt überflog, entdeckte ich eine Annonce, in der junge Minischweine angeboten wurden. Der Preis war lächerlich niedrig und erstaunte mich ein wenig. Ich schrieb die Telefonnummer auf einen Zettel. Dieses Mal war es mein Mann, der mich drängte, die Schweinchen anzuschauen. Er hatte bereits mit dem Verkäufer gesprochen, und so fuhren wir am darauffolgenden Wochenende auf einen Bauernhof ein paar Ortschaften weiter.

Ferkel Betty
Im Hof begrüßte uns ein kleiner bellender Hund, der erwartungsvoll das Auto umrun-dete. Als wir ausstiegen kam der Besitzer der Schweine um die Ecke und brachte uns in ein eine Art Koppel mit einem kleinen Holzstall. Der Mann öffnete die Tür und zum Vorschein kamen neun kleine Mini-schweinferkel, die wild durcheinander sau-sten und sichtlich erschrocken waren. Obwohl die Kleinen ja alle gleich alt war-en, zeigten sich sichtbare Größenunter-schiede. Die Mutter, die ausgewachsen nicht mehr als 25 kg auf die Waage brach-te, stand in der Ecke und fixierte uns mit finsterem Blick. Sprachlos standen wir in der Tür der Hütte und beobachteten das rege Treiben, als uns die Stimme des Land -wirtes in die Realität zurückholte. Er wollte wissen,ob wir lieber eine kleine Sau oder einen kleinen Eber hätten.
Da eine junge Sau wohl weniger Probleme
in Hinsicht auf Schorschi mit sich bringen würde, entschieden wir uns für ein weibliches Tier. Jetzt erkannten wir allerdings, dass die größeren Jungtiere der Mutter mehr ähnelten als die kleineren. Auf unsere Nachfrage hin erklärte uns der Bauer, die größeren seien die weiblichen und kämen ganz nach der Mutter, die kleineren wären die männlichen und glichen dem Vater. Dieser war zwar nicht auf dem Hof, musste aber noch kleiner als die Sau sein. Obwohl meinem Mann die kleineren Schweinchen besser gefielen - sie hatten lustige weiße Stiefel - packten wir schließlich das gefangene, quiekende, weibliche Tier ins Auto.
Der Landwirt hatte unsere Unentschlossenheit wohl bemerkt und versuchte uns zu überzeugen, dass auch ein zweites Schweinchen ins Auto passen würde. Nach längerem Hin und Her fuhren wir - zum Wohle der kleinen Schweine- tatsächlich mit zwei Ferkeln nach Hause.
Da sie viel kleiner waren als gedacht, konnten wir sie unmöglich zu Schorschi in sein Gehege sperren, vom Auslauf ganz zu schweigen. Also zogen sie zunächst in ein gut ausgepolstertes Quartier im Nebengebäude. Verstört drängten sie sich in der Ecke aneinander und wir waren froh, doch beide genommen zu haben.
Die Eingewöhnung sollte ihnen so leichter fallen. Nach ein paar Tagen siedelten die Kleinen schließlich in den Hasenauslauf um, der sich neben Schorschis Gehege befindet. Hier konnten sie erste Kontakte knüpfen und der große Eber zog die neuen, interessanten Gerüche geräuschvoll in seine Steckdosennase.
Der Hasenauslauf ist bestückt mit mehreren Unterständen und diversen benutzten und unbenutzten Holzställen. Die Kaninchen waren ausquartiert und hatten erst mal im Unterstand Zuflucht gefunden. Wir hatten zusätzlich eine kleine Holzhütte besorgt, die mit Stroh ausgepolstert war und die Betty und Fritz, wie wir sie mittlerweile genannt hatten, sofort als Schlafhaus annahmen.
Die Wochen vergingen und die gelegentlichen gemeinsamen Ausflüge der Schweine endeten jedes Mal damit, dass der kleine Eber unseren Schorschi so lange provozierte bis ich mit einem Besen bewaffnet einschreiten musste.
Jungeber Fritz
Die Hauer eines Schweines sollte man nicht unterschätzen, es handelt sich da-bei um gefährliche Waffen, die böse Verletzungen verursachen können.
Einer meine Hunde hatte damit bereits Erfahrungen gesammelt. Er war im Gar-ten unterwegs gewesen, als Schorschi beschloß, seinen Auslauf zu verlassen. Es kam zu einer Konfrontation und - da sowohl das Schwein einen Dickschädel hat, als auch der Hund - zu einer kurz-en Keilerei. Zuerst hatte ich keine Ver-letzung bemerkt und tröstete das schmollende Schwein, das sich in seine Hütte zurückgezogen hatte.
Schorschi hatte einen winzigen Kratzer auf seinem breiten Schädel. Als ich je-doch später beim Spaziergang den Hund schräg von der Seite sah, entdeckte ich etwas Blutiges am Hals. Die genauere Betrachtung ließ mich etwas erschrek-
ken, war doch die Haut am Hals auf einer Länge von ca. 10 cm aufgeschlitzt. Die Wunde sah aus wie mit einem Messer geschnitten und befand sich nahe der Halsschlagader. Ich fuhr nach Hause und versorgte den "Schnitt" unter gutem Zureden mit einem Tacker. Die Verletzung heilte schnell und ohne Komplika-tionen ab und ist heute nicht mehr zu sehen.
Es war klar, dass nun wieder eine Kastration anstand. Zum einen, um eine Weitervermehrung zu verhin-dern, zum anderen, um den kleinen Eber zu einem umgänglichen Gesellen zu machen.
Es dauerte eine Weile, bis ich endlich einen Termin vereinbart hatte. Die Kastration verlief wie bei Schorschi problemlos, doch die Zusammenführung nach ein paar Wochen schien nicht sehr viel besser zu laufen als vorher. Einzig und allein die Rolle des Provokateurs hatte gewechselt. War es vorher der Kleine gewesen, der anfing zu stänkern, war es jetzt der Große.
An eine gemeinsame Unterbringung war somit weiterhin nicht zu denken, doch zumindest die Kontaktaufnahme am Zaun oder von Gehege zu Gehege brach- te Abwechslung und Unterhaltung.
Es vergingen einige Monate, die jungen Schweine wuchsen und waren mittler-weile nicht mehr ganz so scheu wie am Anfang. Sie fraßen sogar aus der Hand und ließen sich kurz anfassen. Dennoch waren sie sehr schreckhaft und sobald Fremdpersonen anwesend waren, kamen sie auch zu uns nicht mehr heran.
Wir hatten beschlossen Ende Mai in Urlaub zu fahren, was bei uns rein or-ganisatorisch einer Auswanderung nach
"Platz-Eber" Schorsch
Amerika gleicht. Meine Mutter sollte das Haus, die Tiere und einen Hund hüten. Die "besonderen" Fäl-le - wie die jungen Eichhörnchen, die noch gefüttert werden mußten - wurden für diese Zeit bei Ar-beitskolleginnen untergebracht.
Zwei Tage vor unserer geplanten Abfahrt kam ich wie gewohnt von der Arbeit nach Hause und begann meine allabendliche Fütterungsrunde bei den Schweinen. Irgendetwas war anders als sonst,doch zuerst konnte ich nicht genau sagen, was es war. Fritz rannte etwas kopflos herum und stand dann unentschlos-sen in einer Ecke. Betty war nicht zu sehen. Normalerweise gab es die beiden nur im Doppelpack und ich befürchtete, sie sei krank. Schließlich entdeckte ich sie in dem normalerweise unbenutzten Stall. Sie hatte sich dort ein Lager zurecht gemacht und machte keine Anstalten, den Stall zu verlassen. Das angebotene Futter nahm sie aus meiner Hand und schmatzte auch noch genüsslich als ich den Auslauf wieder verließ. Als ich die Fütterrunde beendet hatte, beschloß ich, noch einmal nach den Schweinen zu
sehen. Mit einer großen Taschen -lampe bewaffnet betrat ich das Gehege und fand Betty immer noch genau so vor, wie ich sie verlassen hatte. Dachte ich zu-mindest - bis ich etwas Schwarz-es neben ihr entdeckte. Ich traute meinen Augen nicht:Betty hatte Ferkel bekommen! Sie war mittlerweile ziemlich zickig und so konnte ich nicht genau erken-nen, ob es drei oder vier kleine Schweinchen waren. Mir kam in den Sinn, dass irgendjemand ein-mal gesagt hatte, junge Mini-schweine seien nicht größer als Coladosen. Es war tatsächlich so.

Völlig verwirrt - ähnlich wie der arme Fritz - ging ich zurück ins Haus und rief meinen Mann, der sich auf einer Feier aufhielt, auf dem Handy an. Betty hat geferkelt, platzte ich heraus und am anderen En- de der Leitung war vorerst nichts zu hören. Dann beschloß er, die Feier zu verlassen und nach Hause zu kommen. Ich musste mir den leisen Vorwurf, Fritz zu spät kastriert zu haben, gefallen lassen. Doch die größere Sorge galt unserem bevorstehenden Urlaub.
Es waren tatsächlich vier Ferkel - drei fast gleich groß und ein eher mickeriges. Betty war extrem an-griffslustig, sobald man nur in die Nähe ihres Stalles kam. Wie eine Furie kam sie herausgeschossen und schnappte nach allem, was sich bewegte. Meine Mutter hat schon viele Härtetests bestanden, doch ein tobendes Schwein schien mir in ihrem Alter eine zu große Zumutung zu sein.

Wir verschoben unsere Abreise zunächst um zwei Tage und be-reiteten alles so vor, dass es für meine Mutter möglich wäre, die Schweine aus größerer Entfern-ung zu füttern.
Schließlich fuhren wir doch los. Das mulmige Gefühl konnte ich nicht ganz verdrängen, doch mei-ne Mutter schlug sich tapfer.
Zehn Tage später waren wir wie-der zu Hause - nicht ohne uns vorher alle zwei Tage nach dem Befinden der Schweine und mein-er Mutter erkundigt zu haben. Man beachte die Reihenfolge...
Das kleinste der Schweine war verschwunden, aber ich hatte meiner Mutter strengstens untersagt, es zu suchen. Ich vermutete seine Leiche unter dem Mist im Stall zu finden, doch der Kleine tauchte nie mehr auf. Vermutlich ist das winzige Schweinchen einem Räuber zum Opfer gefallen oder die Mutter-sau hatte das tote bzw. nicht lebensfähige Jungtier "entsorgt".
Die zweite Urlaub-swoche verbracht-en wir zu Hause und konnten uns ganz der Beobachtung der Ferkel widmen. Schon vor unserer Abreise, am ersten Tag nach ihrer Ge-burt, hatten sie für kurze Zeit den Stall verlassen. Mittlerweile flitz-ten sie schon sehr gekonnt im Gehege herum und gingen auch schon kurze Zeit eigene Wege. Das Verhalten von
Betty hatte sich
normalisiert. Futter war inzwischen wieder wichtiger, und auch der stolze Papa durfte sich ihr und den Jungen ohne Probleme nähern.
Junge Schweine entwickeln sich rasend schnell und sind komischerweise doch erst recht spät völlig aus-gewachsen. Mit einem Alter von nur 9 Wochen sind die Ferkelchen bereit, in ein neues Zuhause umzu- ziehen. Leider ist es nicht einfach, geeignete Personen zu finden, die den Kleinen auch eine artgerechte Unterbringung bieten können.
Gestern rief mich eine Bekannte an, die mir den Kontakt zu einer Dame herstellte, die sich eine kleine Farm
aufbaut. Wenn wir und die Schweinchen Glück haben, könnte dies der nächste Schritt in ein schweinegerechtes Leben werden.